Schon Franziska zu Reventlow hatte ihre persönliche Finanzkrise. Ein Gespräch mit Jürgen Kuttner zur Uraufführung von "Der Geldkomplex" im Marstall

von Gabriella Lorenz

Arthur Klempt, Katharina Richter (Foto: Thomas Dashuber)

Mit der Finanzkrise kämpfte Franziska zu Reventlow ihr Leben lang. Geld hielt sich bei ihr nicht. Auch nach einer Scheinehe ging das Vermögen schnell bei einem Bankenkrach flöten. Ihre ewige Geldnot hat die legendäre Schwabinger Bohème-Gräfin 1916 satirisch in dem Roman „Der Geldkomplex“ verewigt. Nach Motiven daraus hat Jürgen Kuttner mit der Puppenspielerin Suse Wächter für das Residenztheater ein Stück geschrieben und inszeniert die Uraufführung selbst:  „Der Geldkomplex“ hat im Marstall Premiere, Kuttner spielt selbst mit.

Der 53-jährige Berliner ist promovierter Kulturwissenschaftler und Journalist - unter anderem Mitbegründer der Ost-taz -, erlangte als Radiomoderator in den 90er Jahren Kultstatus und erklärt in komisch-genialen Videoschnipselvorträgen mit Berliner Schnauze die Welt oder Aspekte davon. Damit begeisterte Jürgen Kuttner in der Ära Baumbauer an den Kammerspielen auch das Münchner Publikum. Seit einigen Jahren entwickelt und inszeniert er auch Theaterprojekte, meist zusammen mit dem Regisseur Tom Kühnel und/oder der Puppenspielerin Suse Wächter. Deren skurrile Figuren schaffen auch im „Geldkomplex“ eine zusätzliche Ebene.

Der Reventlow-Roman interessiert Kuttner schon seit 15 Jahren: „Das Problem war, aus dem Briefroman Theater zu machen. Wir haben die Figur der Reventlow verdoppelt mit zwei Schauspielern und als drittes mit einer Puppe, die das rahmt“, sagt er. Die Roman-Protagonistin geht freiwillig in ein Sanatorium, weil sie nur noch an das fehlende Geld und die Angst vor den Gläubigern denken kann. Doch statt von ihrem Geldkomplex geheilt zu werden, infiziert sie die anderen Patienten: Am Ende fantasieren alle mit Zahlen und Rechnungen.

v.l. Arthur Klempt, Carolin Conrad, Katharina Richter (Foto: Thomas Dashuber)

„Reventlows Ansatz ist es, Geld als Person zu begreifen“, erklärt Kuttner. „Das hat eine eigentümliche Modernität, so wie man heute den Markt personalisiert, wenn man sagt, die Börse erwacht um fünf Uhr früh.“ Aber eine Kapitalismus-Diskussion interessiere ihn heute nicht, behauptet er: „Ich arbeite antizyklisch. Jetzt geht es wieder um den Einzelnen, um die Möglichkeiten der subversiven Kraft des Individuums.“

An subversiver Kraft hatte die Reventlow eine ganze Menge. Kuttner sieht sie als starke plastische Figur: „Sie verkörpert Emanzipation, einen modernen Frauenbegriff. Das ist kein Emma-Feminismus: Sie schert sich nicht um Theorie, sondern ist bodenständig irgendwo zwischen Alice Schwarzer und Charlotte Roche angesiedelt. Auch zwischen großen starken Männern wie Ludwig Klages, Stefan George, Erich Mühsam, die waren ja in die Frau verliebt. Reventlow betrachtet sich nicht als Opfer, sondern als Täterin ihres Lebens. Sie ist das Gegenstück zu dem deutschen Lebensgefühl, immer Opfer zu sein oder sich mit Opfern zu identifizieren. Sie sagt: Zur Not gehe ich auf den Strich, aber als selbstbestimmte Frau, nicht als Opfer. Man muss schon über sie erzählen, aber es ist kein Nachhilfeunterricht über die Person.“

Das soziale Rad dreht sich derzeit weltweit vom gesellschaftlichen ins individuelle Denken zurück, Rechtsradikale wie die Tea-Party-Bewegung in den USA sind auf dem Vormarsch. „Der Individualismus will den Lebensanspruch hier und jetzt formulieren. Das ist Vorbild und Modellfunktion, darin liegt was Subversives“, meint Kuttner. Aber wenn er das subversive Potenzial Einzelner zwischen Sofaburg und Freudscher Couch auslotet, soll das nicht „Kunst, Kunst, Kunst“ werden, sondern „hoffentlich ein unterhaltsamer Abend mit vier Schauspielern, zwei Puppenspielern, Musik und Remmidemmi“.

Die für den 19. November 2011 vorgesehene Vorstellung entfällt laut Residenztheater "aus dispositorischen Gründen". Die nächsten Vorstellungen sind für den 25. und 28. November, 1., 2, 6. und 7. Dezember 2011 vorgesehen. Näheres und Karten unter 089-2185 1940

 

 

Veröffentlicht am: 19.11.2011

Über den Autor

Gabriella Lorenz

Gabriella Lorenz ist seit 2010 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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