Castorfs "Kasimir und Karoline" im Residenztheater: Ein hakliges Kreuz und schrilles Kasperltheater

von Gabriella Lorenz

Nicholas Ofczarek, Birgit Minichmayr (Foto: Matthias Horn)

Späte Rache an München? 1989 forderte der bayerische Innenminister Tandler die Absetzung von Frank Castorfs Residenztheater-Inszenierung „Miss Sara Sampson“ wegen Obszönität, weil darin ein Schauspieler onanierte. Dass der neue Intendant Martin Kusej den jetzt 60-jährigen, immer noch berufsmäßigen Theaterprovokateur Frank Castorf einlud, „Kasimir und Karoline“ von Ödon von Horváth im Residenztheater zu inszenieren, kann nur heißen, dass Kusej in seinem bisher verhaltenen Start auch ein empörungsträchtiges Färbchen setzen wollte.

Klar: Wo Castorf draufsteht, ist auch viel Castorf drin und nur wenig Horváth. Nach knapp viereinhalb Stunden einer witzigen, aber zunehmend leerlaufenden Dekonstruktionsorgie war das Premieren-Publikum zu erschöpft für langen Applaus oder gar Empörung. Die sich furios verausgabenden Schauspieler erhielten gebührenden Jubel, der Regisseur auch die vorhersehbaren Buhs für sein schrilles Kasperltheater.

Die Erwartung wurde voll erfüllt. Aber auch Provokation wird alt und wirkt nicht mehr.

Castorf selbst nannte seine Inszenierung vorab ein „Potpourri nach Motiven des Volksstücks“. Diese Genre interessiert ihn nicht, Horváths süddeutsche Kunstsprache auch nicht. Dafür das Jahr 1932: Da wird der Chauffeur Kasimir entlassen, und bei einem Oktoberfestbesuch geht seine Verlobung mit der Angestellten Karoline auseinander, weil die trotz aller Liebe scharf ist auf bessere Herren. Das Oktoberfest reduziert Bühnenbildner Hartmut Meyer auf zwei verschissene Klohäusl. Aus denen kommen auch alle Benutzer beschissen heraus, finden sich aber dennoch unentwegt zu Ratsch, Schwulensex oder sonstigen Entleerungen dort zusammen. Castorf benutzt Familienszenen aus Horváths Vorfassung, um den aufkommenden Nationalsozialmus zu zeigen. Das unterstreicht er bildlich mit „dem Kreuz, dem hakligen“ und vielen Fremdtexten aus Ernst Jüngers Ideologiekritik „Der Arbeiter“ über den Begriff des Typus, vom schizophrenen Kultkünstler Friedrich Schröder-Sonnenstern bis Goethes „Zauberlehrling“, Brecht und der Piraten-Partei.

Bibiana Beglau, Götz Argus, Jürgen Stössinger (Foto: Matthias Horn)

Das ist bis zur frühen Pause und ein Weilchen danach wirklich sehr komisch. Vor allem wegen der grandiosen Schauspieler, die ungehemmt die Rampensäue loslassen. Der Star ist eindeutig Nicholas Ofczarek: Sein Kasimir in lächerlichen roten Strickhosen flennt und heult larmoyant, ist trottelig gutgläubig und droht immer wieder vergeblich: „Jetzt werd' ich aber elementar!“ Seine Karoline ist ein lasziv-naives Luder: Birgit Minichmayr kehrt auch im Glitzerfummel bei aller prolligen Vulgarität den Selbstbestimmunganspruch heraus. Shenja Lacher gibt weitgehend in Unterwäsche den homosexuellen Jungnazi und den kriminellen Freund Merkl. Die fabelhafte Bibiana Beglau wechselt zwischen Erna, Rosa und Karolines neuer Eroberung Schürzinger auf hohen Hacken hin und her. Irgendwann fragt: Minichmayr: „Ja, bist Du denn die Erna oder der Schürzinger? Und machst uns die ganz Zeit hier was vor!“ Womit dann auch die selbstreferentielle Diskussion über die Rolle des Schauspielers erledigt wäre. Götz Argus und Jürgen Stössinger bedienen verschiedenste Knallchargen, zwei zirkusmäßig aufgezäumte Nutten die sexuelle Optik.

Castorf hat wohl alles abgehakt, was so auf seiner Provokationsliste steht. Die Schauspieler erfüllen das mit viel Geschrei und mitreißender Spiellust. Aber aus rasender Klamotte wird trotz vieler Bild-Überraschungen irgendwann rasender Stillstand. Man ist dankbar fürs Ende.

 

Wagnerianer dürfen sich freuen oder zittern: beim Jubiläums-„Ring“ 2013 wird Castorf sicher sein ganzes Potenzial aktivieren.

Residenztheater, wieder am 7., 11., 14., 21. Nov., 3., 16. Dez.20011, 3. Jan 2012,  jeweils 19 Uhr. Tel. 2185 1940

Veröffentlicht am: 03.11.2011

Über den Autor

Gabriella Lorenz

Gabriella Lorenz ist seit 2010 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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