Shakespeares Sturm tost in der Schauburg: Magier, Verbrecherpack und menschliche Bosheit

von Gabriella Lorenz

Huttausch auf dem Trapez: Marcus Campana, Lucca Züchner, Oliver Dassing, Oliver Bürgin (v.l.n.r.), Foto: Digipott

Dieser Sturm ist nicht natürlich, sondern von einem Menschen gemacht. Heute schaffen wir solche Stürme ganz unabsichtlich durch den von Menschen gemachten Klimawandel. Shakespeare musste dafür vor 400 Jahren noch Magie und Geister bemühen. Aber „Der Sturm“, den er in seinem Spätwerk entfacht, beutelt heftig die Hirne der Schiffbruchs-Opfer. Am nachhaltigsten das des zauberkundigen Verursachers Prospero, der am Ende auf seine magische Kraft verzichtet. Regisseur Beat Fäh, ein Meister des Minimalismus, inszenierte in der Schauburg ein klares, spannendes Spiel um Macht auf allen Ebenen.

Eine saubere Verbrecherbande hat der strenge Herr Prospero (Peter Wolter) mit Hilfe des Luftgeistes Ariel (Lucca Züchner) als späte Rache auf seiner Insel stranden lassen. Dort lebt der Ex-Herzog von Mailand mit seiner Tochter Miranda (Josephine Ehlert), seit ihn vor zwölf Jahren sein Bruder Antonio und der König von Neapel entmachtet und vertrieben haben. Jetzt hat der Magier Prospero alle seine Feinde, fein separiert in Grüppchen, in der Hand und kehrt mit ausgesuchten Psycho-Foltern die Mördergruben ihrer Herzen ans Licht. Denn so einige von ihnen würden gern durch kleine Morde selbst Herrscher werden.

Der doppelte Ariel vor roter Sturmwelle: Lucca Zürcher und Markus Campana, Foto: Digipott

Ein Bodentuch rollt sich zur Sturmwelle, die als Wohnhöhle dient (Bühne und Kostüme: Franziska Kaiser). Ein roter Theatervorhang deklariert alles als Inszenierung. Ein Plankenbrett lässt sich wie der Arm eines riesigen Zirkels im Halbkreis um seine Kugellager- Achse verschieben - das kann zu Schwerarbeit ausarten. Mit der muss Prinz Ferdinand (Wolfgang Cerny) sich Prosperos Tochter verdienen, die sich sofort in ihn verknallt hat. Kein Wunder: Miranda hat keinen Vergleich, kennt weder Facebook noch Twitter, nicht mal einen anderen Menschen außer dem Vater. Die helle Lovestory ist das Gegenstück zur düsteren Machtprobe, die der bitter-weise Prospero mit seinen Widersachern veranstaltet. Die komischen Säufer Trinculo (Oliver Bürgin) und Stephano (Oliver Dassing) lassen sich aufhetzen vom rachsüchtigen Monster Caliban (Marlis Hirche), die Fürsten werden an sich selbst irre, nur Ariels Magie verhindert weitere Morde. Shakespeare spart hier keine menschliche Bosheit aus.

Beat Fäh hat die komplexen Verwicklungen ganz ohne Aktualisierung klug verschlankt und strukturiert. Seine Schauspieler führt er konzentriert und fantasievoll: Das Liebespaar baut sich sein Nest aus dem Ölzeug der Schiffsleute. Zauberhaft komisch ist Lucca Züchner als verschreckter und aufmüpfiger Ariel, dem Markus Campana als stummer Zweit-Ariel zuarbeitet. Und wenn beide am Trapez den Trinkern mit den Füßen die Hüte vertauschen, ist das schönster diskreter Slapstick.

 

"Der Sturm" an der Schauburg: 17., 19. Nov., 8., 10. Dez.

Veröffentlicht am: 17.11.2011

Über den Autor

Gabriella Lorenz

Gabriella Lorenz ist seit 2010 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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