Alexander Kluge im Theater: Eine Uraufführung über die Kälte in uns allen im Marstall

von Gabriella Lorenz

Sierk Radzei, Felix Klare, Hong Mei, Ulrike Willenbacher, Robert Niemann, Miguel Abrantes Ostroxski, v.l. (c) Christian Zach

Bei diesem Namen denkt man nicht zuerst an Theater. Alexander Kluge gilt als wichtiger Filmemacher des deutschen Autorenkinos der 1960er und 70er Jahre, seit den 1990ern kennt man ihn als Interviewer in selbst konzipierten Fernseh-Formaten. Parallel hat der 79-jährige promovierte Jurist immer viel geschrieben, doch sein umfangreiches Werk kennen hauptsächlich Literaten. Ein ausgewiesener Kluge-Experte ist der Regisseur und Dramatiker Kevin Rittberger (34). Im Marstall in München inszenierte er seine Uraufführung "Wer sich traut, reißt die Kälte vom Pferd" nach Kluge-Texten. Ein Bericht zur Premiere.

Das vereinbarte Doppel-Gespräch mit ihm und dem Dramaturgen Sebastian Huber (45) musste Rittberger in letzter Minute absagen. Sebastian Huber spricht eloquent und informativ für beide. Kluges dicke Bücher seien nicht zum Durchlesen gedacht, sagt er. "Sein Werk hat einen starken Collagen-Charakter. Das sind kurze Kapitel oder Dialoge, zum Teil wie Kleistsche Anekdoten."

Die literarische Methode ist die des Umweges: "Kluge geht große Themen von der Rändern und Seiten her an. Er fragt zum Beispiel, was die Angestellten des Kanzleramts machen, wenn die Chefin wegen eines Vulkanausbruchs zwei Tage wegbleibt. Das geht mit einer starken Poetisierung einher. Er hinterfragt alle Geschichten, ob man in ihnen auch andere Möglichkeiten erkennen kann, wie bessere Ausgänge denkbar wären. Bei Musil heißt das 'Möglichkeitssinn'. Was wäre, wenn der Selbstmörder, der vom Kirchturm springt, weich auf einem Autodach landet? Kluge fragt immer, was wäre noch denkbar? Dabei ist er unverdrossen und heiter, einer, der wachen Sinnes schaut." 2006 haben Huber und Martin Kusej schon eine Kluge-Reihe veranstaltet. Für beide war klar, dass sie in München wieder mit dem "Universalspezialisten" zusammen arbeiten wollen. Kluge soll auch Kusejs erste Residenztheater-Spielzeit filmisch begleiten.

Hong Mei (c) Thomas Dashuber

Aber wie macht man aus den Essays einen Theaterabend? Kevin Rittberger hat bereits drei Kluge-Inszenierungen in Stuttgart und Hamburg herausgebracht, von denen der Schriftsteller sehr angetan war. "Rittbergers Arbeiten antworten auf die Texte mit sehr theatralischer, skurriler und sinnlicher Fantasie", sagt Huber. "Sie nehmen das Intellektuelle wahr, belassen es aber nicht dabei, und spielen gern mit mit alten Theaterformen."

Kluges "Lernprozesse mit tödlichem Ausgang" von 1973 bilden den Rahmen, in den Texte und Erzählungen auch anderer Autoren über die Kälte in unserer Welt eingebettet sind: Im Jahr 2103 schwirren vier 180-jährige Kriegsveteranen seit einem großen Atomschlag von 2011 im All herum. "Die Erde ist bei diesem Ereignis in zwei Trümmerklumpen zerrissen", erklärt Sebastian Huber. "Die Veteranen, die es einst von Stalingard nach China und von dort weiter in die Dienste des CIA geschafft haben, sind mit einem Raumschiff aus der Katastrophe geflohen. Sie halten sich für den Rest der Menschheit, haben aber nicht mitbekommen, dass auf dem anderen Klumpen die Chinesen die Welt wieder aufbauen - darunter auch München und den Marstall."

Ulrike Willenbacher, Felix Klare, Miguel Abrantes Ostrowski, Sierk Radzei, v.l. (c) Thomas Dashuber

"Das Grundthema ist die Kälte in allen Erscheinungsformen", sagt Huber. "Die reale Kälte im Kessel von Stalingrad, die totale Vereisung in einer prähistorischen Eiszeit, die Kälte im intimen, zwischenmenschlichen Bereich. Das geht ineinander über." Inhaltlich sieht er zwei Aspekte: "Erstens die Schwierigkeit, mit der Kälte und der Gleichgültigkeit , die uns umgibt, zu leben. Zweitens hat das Überleben in dieser Unwirtlichkeit auch ein großes utopisches Potential. Kluge zitiert gerne die wissenschaftlich umstrittene Theorie der 'Snowball Earth', wonach die Erde einst rundum vereist war. Mit dem Auftauen haben sich die eingefrorenen Einzeller wieder ausgebreitet und Leben begründet. Das nennt Kluge die erste Globalisierung, und aus dieser Zeit, sagt er, tragen wir immer noch einen Hoffnungsvorrat in uns. Kälte heißt dann nicht nur Vereinzelung und Vereinsamung - sie hat uns auch das Überleben gelehrt. Was Kluge beschreibt, ist nicht außerweltlich, sondern ganz diesseitig. Er schließt eine große Metapher mit dem alltäglichen Leben kurz und sucht nach der Lebensfähigkeit, die jeder hat."

Premiere war am 29. Oktober 2011. Nächste Vorstellungen am 31. Oktober, 1., 2. 11. und 12. November, jeweils um 20 Uhr. Karten unter 089 - 2185 1940

Veröffentlicht am: 30.10.2011

Über den Autor

Gabriella Lorenz

Gabriella Lorenz ist seit 2010 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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