Schlichtes Weltverbesserungsplädoyer: Dusan David Parizek inszeniert "Die Götter weinen" am Residenztheater

von Gabriella Lorenz

Ein König tritt ab. Der Krieg beginnt. Foto: Tibor Bozi

Es ist gerade das Medienthema:„Land Grabbing“. Global-Player-Konzerne kaufen  in der Dritten Welt große Landgebiete zur Rohstoffgewinnung auf, wodurch die einheimische Bevölkerung aushungert. Insofern scheint das Stück  „Die Götter weinen“ des Engländers  Dennis Kelly (41)  hochaktuell. Denn Landaufkauf im mittelamerikanischen Belize ist das Lieblingsprojekt des    Firmentycoons Colm, der unerwartet wie König Lear sein Erbe verteilt, was zu einem Krieg führt. Im Residenztheater inszenierte der Tscheche Dusan David Parizek (40) die deutsche Erstaufführung des gutgemeinten, inhaltlich aber sehr schlichten Weltverbesserungsplädoyers.

Nach  zähen, redseligen zweieinhalb Stunden mit viel Theaterblut wohlwollender Applaus für ein exzellentes Ensemble mit Manfred Zapatka an der Spitze und einige Buhs für den Regisseur,  die besser  dem Autor gegolten hätten, der danach zum Applaus erschien.

Denn die Themenwahl des Stückes ist ein ärgerliches Fake: Dennis Kelly bedient sich anreißerisch aktueller Probleme, ohne sie zu behandeln. Das konfliktträchtige Projekt Belize ist nur ein beliebiges Beispiel für die weltweiten Pfründe, die der allmächtige Konzernchef Colm (Manfred Zapatka) plötzlich seinen Untergebenen übergibt. Weil ihn ein Traum nach dem Sinn seines Lebens fragen lässt, will er aussteigen, aber die Oberhoheit behalten. Doch die an der Firmenbrust gezüchteten Nachfolge-Nattern (Götz Schulte als neurotischer Richard und Carolin Conrad  als anpasserische Catherine) booten ihn völlig aus und verstricken sich in einen blutrünstigen Krieg, in dem Colms als Schwächling verachteter Sohn Jimmy (Johannes Zirner) seine brutale Lektion lernt.

Beth (Sophie von Kessel) wird im Laufe des Stücks zum Racheengel. Foto: Tibor Bozi

Kellys Stück gliedert sich in drei Teile: Die Vorstandssitzung des Unternehmens mit der überraschenden Entscheidung des Bosses stellt Regisseur Parizek als sein eigener Bühnenbildner in einen Wandwinkel mit ein paar Stühlen. Sofort beginnen die Machtkämpfe. Die Wände fallen krachend um, doch auch der folgende offene Krieg spielt sich in einem nun zweiwinkligen Einheitsraum ab, was das Metaphorische des Kampfes in der Führungsetage betont. Parizek vermeidet klug  realistische Kriegsassoziationen. Statt dessen wähnt man sich beim häufigen Revolver-Zücken und übermäßigen Blutgeschmier eher in einer Soap-Opera wie „Dallas“, und nach allen Intrigen und Seitenwechseln kann man es sich an den Fingern abzählen, wann der letzte Schurke erledigt ist. Eine Sonderrolle nimmt die Versicherungsagentin Beth (Sophie von Kessel) ein, die durch Jimmy ihre Existenz verliert, darüber erst verrückt und dann zur unnachgiebigen Rächerin wird.

Simultan auf der Bühne liegt währenddessen der kranke Colm: Sein Sohn hat ihm den Arm gebrochen, um ihm seine Stärke zu beweisen. Das Mädchen Barbara, das ihn pflegt, ist ausgerechnet die Tochter eines früheren Konkurrenten, dessen Leben und Familie Colm planmäßig zerstört hat. Nachdem alle Wände umgestürzt sind, bestreiten die beiden den langen dritten Teil: In postapokalyptischer, archaischer Leere geht es ums blanke Überleben. Darin ist Barbara viel geschickter als Colm. Trotz ermüdender pseudophilosophischer Erörterungen schleicht sich manchmal sogar Wort- und Situationswitz ein, aber gegen die bleierne Schwere des Textes kommen auch der virtuose Zapatka und die hervorragende Katharina Schmidt nicht mehr an. Die Botschaft  ist allzu simpel: Wird Colm durch die neuentdeckte Mitmenschlichkeit ein besserer Mensch? Kaum. Von Jimmy und seinem Vertrauten Castile (eiskalter Machtroboter: Guntram Brattia) gefunden, kehrt er am Schluss ins frühere Leben zurück.

Kellys Stück ist kein Diskurs über die Zukunft der  Menschheit, sondern nur eine Abbildung von Machtkämpfen am zeitgemäßen Beispiel. Da werden viele  lose Enden nie  zusammengeführt. Die Figuren bleiben Stereotypen, die allerdings in Parizeks überzeugend genauer Regie und deren starken Bildern fabelhaft gespielt werden - auch von Jens Atzorn, Paul Wolff-Plottegg und Dascha Poisel. Im Zentrum steht  Manfred Zapatka, der die Härte und Emotionen des Tycoons in  wunderbarem Gleichgewicht hält.

 

Residenztheater, 22., 23. Okt., 3., 4., 8., 10., 17., 26. Nov., Tel. 2185 1940

 

Veröffentlicht am: 21.10.2011

Über den Autor

Gabriella Lorenz

Gabriella Lorenz ist seit 2010 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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