Kammerspiele als Dunkelkammer: Die Frage von nicht sehen und gesehen werden als interaktives Theater

von Gabriella Lorenz

Auf dem Weg. Foto: Julian Röder

In den kommenden Wochen wird man abends oft rund um die Kammerspiele blinde Menschen sehen, die mit einer Videokamera die Stadt filmen. Mancher Passant wird sich wundern: Warum tun sie das? Diese Irritation gehört bereits zur theatralen Installation „Dunkelkammer“ von Dries Verhoeven, die am Freitag (30. 9. 2011) in der Spielhalle Premiere hat.

Der 35-jährige Niederländer zählt zu den wichtigsten Künstlern des experimentellen interaktiven Theaters. Für seine riesige Hotel-Inszenierung „You Are Here“ gewann er 2009 bei den Salzburger Festspielen den Young Directors Award. Parallel zu „Dunkelkammer“ zeigen die Kammerspiele zehn Tage lang auch Verhoevens „Dein Reich komme“ für nur einen Zuschauer.

Dries Verhoeven hat an der Hochschule in Maastricht Bühnenbild studiert und mit Regisseuren Installationen entwickelt. Er wollte immer die Unterscheidung zwischen Publikum und Darstellern aufheben. Als er ein Stück ganz ohne Schauspieler vorschlug, sagten seine Freunde, er solle es selbst inszenieren. So entstand 2002 „Dein Reich komme“: Für 30 Minuten begegnen sich zwei wildfremde Menschen in einem Bau-Container. „Es geht immer um Nähe und Abstand,“ erklärt Verhoeven. „Die Frage ist: Wie nah kann man jemandem kommen, den man nicht selbst als Partner gewählt hat?“ Was im Container geschieht, erfährt auch er erst hinterher.

Verhoeven arbeitet selten mit professionellen Schauspielern: „Ich frage nach dem Verhältnis von den Leuten, die wissen, was auf der Bühne passiert, zu denen, die es nicht wissen. Als Zuschauer hatte ich oft das Gefühl, ich könnte während einer Vorstellung schlafen, ohne dass es etwas ausmacht. Ich will, dass Theater zu mir spricht. Es geht nicht um das Ego eines Schauspielers oder Schönheit auf der Bühne, sondern um Ehrlichkeit.“

Für seine Arbeit mit Blinden fragte er sich: „Kann ich mit Hilfe von Nichtsehenden beschreiben, wie ich die Welt angucke?“ Er stellt klar: „Es ist kein dokumentarisches Stück über die Akteure oder die Welt der Blinden, sondern über das Sehen. Wir sprechen viel über das Sehen und das Nichtsehen, darüber, wie Blinde Dinge machen, die für Sehende mit dem Visuellen verbunden sind. Noch mehr sprechen wir über das Auge des Publikums, über das Gesehenwerden. Das beschäftigt Blinde sehr. Unsere Welt ist sehr visuell geprägt, und die Welt der Blinden genauso. Die sind nicht nur mit Hören, Fühlen, Riechen und Schmecken beschäftigt sondern auch mit dem, was sie ausstrahlen. Gesehen, bemerkt und (an)erkannt zu werden, ist ungemein wichtig.“ Deshalb gehört das für ihn in einen Theaterkontext: „Denn Theater dreht sich immer um Sehen und Gesehenwerden und die Meinungen über das Gesehene.“

Seine sechs Darsteller hat er mit Hilfe des Bayerischen Blindenbundes gefunden: eine Opernsängerin, eine Musicalsängerin, einen Tänzer, eine ehemalige Konzertpianistin und zwei Laienspieler. „Für mich war wichtig, dass sie hundertprozentig blind sind. Ich suchte Leute, mit denen ich ein intelligentes künstlerisches Gespräch führen kann, die auch mein Theater verstehen und aktiv mitmachen möchten.“ Der britische Autor Tim Etchells von der Gruppe Forced Entertainment schrieb Texte, die in den zwei Proben-Monaten Inspiration und Diskussionsstoff waren, aber die Aufführung wurde von allen Akteuren mit Verhoeven entwickelt.

In der Dunkelkammer der Spielhalle sehen die Besucher zunächst die Straßen-Videos der Darsteller: „Sie zeigen uns, was wir normalerweise sehen. Sie beschreiben, wie unser Auge funktioniert“, sagt Verhoeven. „Man fragt sich: Ist das wirklich so oder nehmen sie es nur so wahr? Und manchmal fragt man sich, ob all diese visuellen Dinge notwendig sind.“

Erst im zweiten Teil treffen die Akteure selbst in der Spielhalle ein. Dann wird es auch um die Nähe zum Zuschauer gehen - vielleicht mit Berührungen und auch (als Warnung für Ängstliche) Phasen völliger Dunkelheit.

Ein wichtiges Thema, über das unter Blinden wenig gesprochen wird, sind Intimität und Sexualität. „Beides haten mit Anfassen zu tun. Blinde müssen vieles ertasten, für sie hat die körperliche Berührung im Alltag eine größere Bedeutung als für Sehende. Hat dann eine intime Berührung weniger Bedeutung?“, fragt Verhoeven.

Es geht um die Wahrnehmung - der Welt und seiner selbst - im Spiegel der anderen. Wenn dieser Spiegel blind ist, verspricht das eine spannende Erfahrung.

 

Kammerspiele, Spielhalle. „Dunkelkammer“: öffentliche Proben 27., 28. 9. 2011, Premiere 30.9., bis 30. Nov., 19.30 Uhr. „Dein Reich komme“: 30. Sept. bis 9. Okt. 2011 ab 12 Uhr, Karten Tel. 233 966 00

Veröffentlicht am: 27.09.2011

Über den Autor

Gabriella Lorenz

Gabriella Lorenz ist seit 2010 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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