Interview mit Hans Well zur Auflösung der Biermösl Blosn: "Ab sofort kann ich mein Tempo selbst bestimmen"

von Barbara Teichelmann

Hans Well, der Kopf der Biermösl Blosn, will auch nach der Trennung weiter auf der Bühne stehen, Foto: Barbara Teichelmann

Sie waren das politische Gewissen Bayerns, haben unermüdlich gegen das bräsige  CSU-tum angesungen, die Volksmusik reanimiert, von Anfang an gegen Atomkraft demonstriert und überhaupt immer das Maul aufgemacht, wo man es auftun sollte, wenn man ein Hirn hat und das auch ab und an zum Denken benutzt. Nun haben die drei Well-Brüder bekannt gegeben, dass sie zum Jahresende aufhören werden. Wie geht es jetzt weiter?

Stopherl und Michal werden erstmal mit ihren Schwestern, den Wellküren, unter der Regie von Franz Wittenbrink in einer musikalischen Produktion in den Kammerspielen auftreten. Michael möchte sich vom Showbiz zurückziehen, wird aber noch organisatorisch tätig bleiben und weiterhin die Termine für die Wellküren koordinieren; Christoph, der ehemalige Solotrompeter bei den Münchner Philharmonikern und Konzertharfenist, möchte sich wieder mehr der klassischen Musik widmen. Hans, der Älteste der drei Brüder und Kopf der Truppe, wird alleine weitermachen. Im Interview mit dem Kulturvollzug erzählt er was er vorhat, und wie es zur Trennung kam.

 

Herr Well, wie ist Ihre Gemütslage – erleichtert, froh, wehmütig, traurig?

Von jedem etwas. Es überwiegt natürlich schon das Bedauern. Bei mir besonders, weil ich ja nicht aufhören wollte. Ich wollte eine Programmerneuerung, aber nicht aufhören. Die Situation ist für alle Beteiligten nicht ganz einfach, das ist ja klar, wenn man so lange Zeit zusammengespielt hat. Wir treten noch bis Ende Januar gemeinsam auf, fangen aber schon an mit dem Abschiednehmen.

Eine Trennung nach 35 Jahren beschließt man nicht von heute auf morgen, wie lange tragen sie sich schon mit dem Gedanken aufzuhören?

So zirka seit zwei Jahren haben wir das Gefühl gehabt, dass… nein, eigentlich schon seit fünf Jahren. Ich wollte schon länger ein neues Programm machen, aber meine Brüder haben abgelehnt und gesagt, dass ihnen das zuviel Druck und Stress sei. Eines Tages haben sie mir dann mitgeteilt, dass sie mit den Wellküren ein neues Programm machen wollen und ich hab gesagt: Okay, ich bin dabei, aber machen wir vorher was für uns. Da haben der Michal und der Stopherl gemeint, dass sie die Biermösl Blosn eher als Auslaufmodell sehen. Tja und da habe ich dann auch realisiert, dass das nichts mehr wird.

Wie sollte die Programmerneuerung aussehen?

Ich wollte, dass wir uns inhaltlich neu und auf der Höhe der Zeit aufstellen. Ein neues Programm zu dem bestehenden dazu – das hätte uns wieder um Jahre vorwärts gebracht. Ein Großteil unseres Programms kommt aus einer anderen Zeit, quasi aus der Vor-Fukushima-Ära. Was zum Beispiel das Thema Kernkraft betrifft, merkt man ja, wie schnelllebig allein das letzte Jahr war: Vor einem Jahr Laufzeitverlängerung und jetzt Atomausstieg. Und was dazwischen war ­– darauf muss man halt reagieren. Auch die Machtposition der CSU hat sich verändert. Es gibt ja kaum mehr diese gstandenen Typen mit diesem gwamperten Selbstbewusstsein.

Ist es rückblickend einfacher oder schwieriger, mit der Familie zu arbeiten?

Beides. Zunächst hat man es einfacher, weil die Familie eine bestimmte Vertrautheit voraussetzt. Andererseits ist man in einem bestimmten Rollenverhalten gefangen und das kann irgendwann zum Bumerang werden.

Ist diese Trennung ein endgültiges Aus, oder kann es sein, dass die Biermösl Blosn irgendwann wieder zusammen kommt?

Bestimmt nicht. Das wäre ja kindisch. Das ist nicht so geplant, weder von meinen Brüdern noch von mir. Und das ist auch besser so. Man muss sich auf was Neues konzentrieren können. Ich will ja weiterspielen.

Gibt es dafür schon konkrete Pläne?

Zunächst werde ich mir ein neues Programm erarbeiten und auf Kleinkunstbühnen spielen. Einen Teil der Biermösl-Texte, die ja alle von mir sind, werde ich übernehmen. Eventuell gibt es eine Zusammenarbeit mit dem Dieter Hildebrandt oder der Maria Peschek. Ich probier jetzt einfach mal aus, in welcher Formation ich weitermachen will, mit welchen Musikern und auch sonst.

Die Biermösl Blosn ist eine Mischung aus Musik und politischer Satire – welcher Anteil war der Wichtigere?

Beides ist wichtig. Wir haben oft bekannte Volksmusikmelodien genommen und einen anderen Text darauf gesungen, haben die Volksmusik ins Jetzt geholt. Das war neu. Vorher hat die Volksmusik in einer Gesellschaft stattgefunden, die es schon lange nicht mehr gab: Mägde, Knechte und Rösslein, die der Bauer anspannt… Der Realismus, den wir mit unseren Texten hinein gebracht haben, hat mit den Klischees der Volksmusik gebrochen und ein neues Spannungsfeld aufgetan. Dazu kam, dass die Musik vor allem durch meine Brüder einfach gut gespielt war.

Es war Ihnen von Anfang an ein ernstes Anliegen, die echte Volksmusik wiederzubeleben…

… und sich darüber lustig zu machen. Die Kreise, in denen Volksmusik damals gepflegt wurde, da waren ja fast nur Greise dabei. Für mich war die Volksmusik nie heilig, wir wollten sie auch nicht retten. Wir waren halt so sozialisiert, kommen aus einer Familie, in der bayerische Volksmusik gemacht wurde. Wir haben nichts anderes gekannt und gekonnt. Ich habe es auch nie als Wert an sich gesehen, wenn einer bayrisch redet. Es kommt darauf an, was er sagt.

Auf der Biermösl-Homepage schreibt ein trauriger Fan: „…ohne biermösl siag i die csu scho bei 99,8%!!“ – Ist diese Angst berechtigt?

Das ist ein Blödsinn. Wir sind nur ein kleines Rädchen im Getriebe. Die Anti-Atomkraftbewegung, die vor 20 Jahren noch eine Randerscheinung war, ist inzwischen in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Und das waren nicht nur wir, sondern viele: andere Kabarettgruppen, Schriftsteller, Politiker ­– eine Vielzahl an Faktoren. Also diesbezüglich habe ich mich und die Biermösl Blosn noch nie überschätzt. Im Gegenteil: Ich hätte Angst vor einem Publikum, das sich von uns so beeinflussen lässt, dass es auf einmal anders wählt. Unser Verdienst war vielleicht, dass sich die Leute bei uns Themen angehört haben und darüber nachgedacht haben, mit denen sie sich sonst nicht beschäftigt hätten, und das ist schon viel. Mehr kann man nicht bewirken.

Nein?

Nein. Außer man ist Demagoge. Und das will ich nicht sein.

Sie sind jemand, der es sagt, wenn ihm was nicht passt. Ärgert es Sie, dass so viele Leute das nicht tun und einfach hinnehmen, was „die da oben“ mal wieder beschlossen haben?

Klar ärgert mich das. Der größte Feind der Demokratie ist das Desinteresse.

Woher kommt dieses Desinteresse?

Manchmal konnte man es sehen: drei Brüder, zwei Gruppen. Die Biermösl Blosn Anfang 2011 im Münchner Alten Rathaussaal bei der Verleihung des Kulturellen Ehrenpreis an Dieter Hildebrandt - der Kabarett-Altmeister ist in diesem Moment auf der Bühne. Foto: Michael Grill

Durch diese unglaubliche Reizüberflutung. Sich billig unterhalten und ablenken zu lassen, ist die größte Gefahr. Man lenkt sich ab von den Dingen, die wirklich wichtig sind. Ich sehe das als die größte Gefahr für die Menschheit überhaupt. Ich hab mal eine Karikatur gesehen, da sieht man ein Grab und aus dem Grabstein ragt eine Fernsehantenne. Das trifft’s.

Haben Sie ein Handy?

Nein, und manchmal verfluche ich das, wenn ich zum Beispiel im Auto sitze und spät dran bin und nirgends gibt es eine Telefonzelle, weil man die ja alle abgebaut hat. Ich leide also durchaus darunter, dass ich keins hab, auf der anderen Seite macht man sich damit zum Knecht und ist allzeit erreichbar.

Die Biermösl Blosn hat viele Preise und Auszeichnungen bekommen, würden Sie sagen, Sie sind Teil des Kulturbetriebs geworden?

Ja, aber das ist für mich nichts Negatives. Du musst halt aufpassen: Viele Leute mögen einen, aber nicht von allen will ich gemocht werden. Und je bekannter man wird, desto mehr wird man gemocht. Das ist nicht immer gesund.

Wie schafft man es, sich 35 Jahre lang von nichts und niemandem instrumentalisieren zu lassen?

Sich nicht überschätzen, sondern realistisch einordnen. Und diesbezüglich war es ein großer Vorteil, dass wir Brüder sind. Wir haben zusammengehalten, sind eine Einheit gewesen.

Man könnte ja auch sagen: Drei Leute bieten mehr Angriffsfläche, aber bei Ihnen war es wohl eher umgekehrt?

Eher. Ja.

Sie wirken schon ein bisschen traurig…

Ja natürlich,  in gebührendem Maßen. Aber  Nachrufe sind verfrüht. Es hat mich sehr gefreut, dass in den letzten Tagen viele Leute und Veranstalter angerufen haben, und meinten: Hans, wenn Du ein neues Programm hast, dann spiel bei uns. Ab sofort kann ich mein Tempo selbst bestimmen und das ist ein guter Weg für mich. Ich bin bestimmt kein Getriebener, der nur glücklich ist, wenn er möglichst viel macht. Aber es soll schon so sein, dass ich mit Anstand auf der Bühne stehe und wirklich das Gefühl habe, ich biete etwas Zeitgemäßes.

 

Veröffentlicht am: 27.08.2011

Über den Autor

Barbara Teichelmann

Redakteurin

Barbara Teichelmann ist seit 2011 beim Kulturvollzug.

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Helen Jordan
14.12.2011 10:02 Uhr

Danke für den tollen Artikel !

So kann man ein bisschen besser verstehen, warum sich so eine geniale Gruppe von der Bühne verabschiedet. Schön zu lesen, dass Hans Weller solo weitermachen wird, und ebenfalls beruhigend, dass die anderen Brüder ihre ebenso genialen Schwestern unterstützen.

Fazit, es ist ein Abschied von großem musikalischen und inhaltlichen Hörgenuß - aber es geht in anderen \"Bahnen\" weiter.

Alles Gute !

h.j.

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