Bettina Reitz ist neue Geschäftsführerin der Degeto Film. Ein Gespräch über "Dreileben", Sendeplätze und Liebe in Titeln

von Angelika Kahl

Bettina Reitz, hier im Vollmannhaus am 19. September 2008 (Foto: BR/Natasha-I. Heuse)

Für das Bayerische Fernsehen hat sie als Leiterin des Programmbereichs Spiel-Film-Serie alle Preise eingefahren, die es zu gewinnen gab. Bettina Reitz und ihr hoher Anspruch haben viel möglich gemacht - nicht nur in München. Auch das außergewöhnliche TV-Projekt "Dreileben", das die ARD diesen Montag zeigt, hat sie redaktionell betreut. Drei der renommiertesten Regisseure Deutschlands hatten die Idee, einen Fall im fiktiven thüringischen Örtchen "Dreileben" jeweils aus ihrer ganz eigenen Perspektive zu erzählen. Jetzt aber hat Reitz einen neuen Job. Seit 1. Mai 2011 ist sie Geschäftsführerin der Degeto Film GmbH, der gemeinsamen Filmeinkaufsorganisation der ARD, und betreut schwerpunktmäßig die Produktion, ist also auch für die ARD-Schnulzen am Freitagabend zuständig. Der Kulturvollzug hat mit ihr gesprochen.

Frau Reitz, von der Idee bis zur Realisierung von "Dreileben" vergingen zwei Jahre. War sich die ARD nicht sicher, ob sie sich solch ein Projekt antun wollte?

Nein, das lag überhaupt nicht daran, dass die Sender erst nicht mitmachen wollten. Von Anfang an war aber klar, dass nicht ein einzelner Sender innerhalb der ARD alle drei Filme finanzieren konnte. Dominik Graf fragte den WDR, Christian Petzold den BR und beide Sender konnten Jörn Klamroth, den damaligen Degeto-Chef gewinnen. Und auch das war ein schnelles und leichtes Überzeugen. Aber dann mussten erst einmal die Drehbücher geschrieben werden.

Ging das Überzeugen deshalb so leicht, weil große Namen hinter dem Projekt steckten?

Ja, das war hier maßgeblich dafür verantwortlich. Heute planen die Sender eigentlich auf Jahre im Voraus. Die finanziellen Reserven für besondere Anfragen sind weitgehend weggebrochen. Für ein junges, unbekanntes Trio gäbe es deshalb heute kaum eine Chance, so etwas bei den öffentlich-rechtlichen Sendern unterzubekommen.

Begreifen Sie "Dreileben" als ein Prestige-Projekt, bei dem es egal ist, wie viele Zuschauer einschalten?

Wir sind mit dem fiktionalen Programm der ARD sehr vielseitig aufgestellt. Mit unseren Dienstagsserien und unseren Freitagsfilmen haben wir das größere Publikum immer im Blick. Und der Sonntag mit dem "Tatort" funktioniert sowohl bei jüngeren als auch bei den älteren Zuschauern ohnehin ganz hervorragend. Am Mittwochabend, für den "Dreileben" ursprünglich geplant war, leisten wir uns aber immer mal wieder Überraschungen. Die Filme hätten an drei Mittwochabenden hintereinander aber nicht funktioniert, da die feinen Anspielungen und dezenten Bezüge untereinander vom Zuschauer wahrgenommen werden sollten. Deshalb senden wir sie jetzt am Montag in einem Rutsch. Außerdem wird uns ja allzu oft vorgeworfen, dass wir nicht überraschen und den Zuschauern nicht mehr Angebote liefern, die vielleicht etwas komplexer sind und ein stärkeres Mitdenken oder Reflektieren fordern.

Seit dem 1. Mai 2011 sind Sie Geschäftsführerin der Degeto, deren Freitagsproduktionen gerne als "Süßstoff-Offensive" kritisiert werden. Wird sich das mit Ihnen ändern?

Mit solchen Begriffen kann und will ich nichts anfangen. Ich sehe in unserem Freitag ein Versprechen, den Zuschauer mit einem interessanten und unterhaltsamen Angebot ins Wochenende zu führen. Wir werden also weiterhin melodramatische und komödiantische Stoffe anbieten. Langfristig möchte ich allerdings bestimmte Herz-Schmerz-Stücke, die vielleicht in ihrer Ausrichtung nicht ganz gelungen sind, so gut es geht verhindern. Meiner Meinung nach gab es auch berechtigte Kritik, weil manche Filme nicht mehr zeitgemäß waren, sondern eher altbacken. Hier muss ich den Dialog mit Redakteuren und Produzenten für die Verabredung zu einer guten und überzeugenden Qualität verstärken. Allerdings verstehe ich nicht, warum die Presse immer nur das Schlechte sehen will. Es gab und gibt gute und interessante Freitagsangebote, ganz abgesehen von so wunderbaren Kino-Koproduktionen wie "Das weiße Band".

Sie sind also doch die neue Zensur-Instanz der Degeto?

Ich sehe mich eher als noch größere Motivatorin für die Qualität auch im Unterhaltsamen. Man denkt immer, jetzt kommt wieder Bettina Reitz mit ihren ernsten und schweren, preisgekrönten Stücken um die Ecke. Ich habe aber immer auch Komödien entwickelt und gefördert. Sie müssen nur gut gemacht sein.

Und Hauptsache das Wort Liebe kommt im Titel vor?

Also, da behaupte ich jetzt einfach mal, dass alle Titel, die mit Liebe beginnen, in der Zuschauerakzeptanz das stärkste Ergebnis haben. Aber im Ernst: Wir haben mit der Titel-Optimierung bereits begonnen. Bei vielen Produktionen konnten wir sie zwar nicht mehr ändern, aber künftig suchen wir nach Titeln, die auch den Inhalt besser widerspiegeln. Mein Interesse für den Zuschauer ist auch mit einer Portion Eigennutz verbunden. Bei lediglich minimalen Variationen von Titeln könnte ich auf Dauer selbst gar nicht mehr den Überblick über die Filme behalten. Ich brauche griffige, gute Titel, die ich mir merken kann.

Sie haben bereits die erfolgreichen Kino-Koproduktionen angesprochen. Oft werden die aber sogar in der Erstausstrahung im Ersten spät abends gesendet. Jüngstes Beispiel: "Kirschblüten - Hanami".

Einen Sendeplatz um 22.15 Uhr finde ich gar nicht so schlecht. Aber selbstverständlich würde ich mich freuen, bekämen wir einen festen früheren Kinoplatz im Ersten. Allerdings gibt es hierfür keine allzu starke Lobby. Es stimmt leider: der Kinofilm rutscht - zumindest in der ARD - immer weiter nach hinten. Aber es gibt auch Licht am Horizont. Im nächsten Jahr werden immerhin zwölf 20.15-Uhr-Plätze in der Sommerpause zur Verfügung stehen. Allerdings ist auch klar, dass die Zeiten, in denen Vielfalt mit Überlänge und formalen Experimenten einfach mal so im Programm zu finden waren, seltener werden. Ich glaube übrigens, dass sich der kulturelle Wert eines Filmes am Ende daran misst, wie wir ihn unserem Nachwuchs - vor allem auch in der Schule - näher bringen. Hier gibt es Defizite, die kaum mehr aufzuholen sind. Eine Medien- und Filmkunde wäre dringend und zwingend notwendig - nicht nur über den kulturellen Wert von bewegten Bildern, sondern auch über ihre Manipulierbarkeit - und vor allem für eine ästhetische Diskussion.

Noch etwas ganz anderes: Erst hieß es, aus dem BR-Heimatkrimi mit Kommissar Kluftinger wird ein neuer BR-"Tatort", jetzt sollen die Fälle am Donnerstag laufen. Was ist da passiert?

Es gab tatsächlich interne Überlegungen, aus den Kluftinger-Krimis einen "Tatort" zu machen. Allerdings gab es auch berechtigte Bedenken, für einen "Tatort"-Krimi Roman-Vorlagen zu nehmen. Zum einen würde sich das Problem stellen, dass die Buchvorlagen limitiert sind. Und dadurch könnte zum anderen die Rechtefrage problematisch werden, was fiktional erfunden werden darf. Der Donnerstagabend aber, an dem immer wieder und überwiegend Krimi light nach Buchvorlagen gezeigt wird, ist perfekt für so ein Format wie Kluftinger. Deshalb werden die nächsten Krimis mit dem BR jetzt für diesen Sendeplatz entwickelt.

Einen Bericht über die Produktion "Dreileben" finden Sie hier

Veröffentlicht am: 29.08.2011

Über den Autor

Angelika Kahl

Angelika Kahl ist seit 2010 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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