Weg mit dem Dreck: Ostermeier inszeniert "Maß für Maß" in Salzburg

von Gabriella Lorenz

Herzog Vincenzino (Gert Voss) setzt Angelo (Lars Eidinger) als Statthalter ein, Foto: Arno Declair

Mit dem Kärcher wollte Nicolas Sarkozy Frankreich reinigen von gewalttätigen Randalierern. Lord Angelo erledigt das lässig mit einem Gartenschlauch. Kaum hat der Saubermann in der Lotterbude Wien die Macht übernommen, spritzt er mit Hochdruck den moralischen Dreck aus dem Guckkasten, dass die Schmutzbrühe nur so an den Goldwänden herunterrinnt.

Wer im Weg steht, muss sich wasserdicht anziehen: Das neue Regime kennt keine Schonung. Shakespeare schrieb mit „Maß für Maß“ eine bittere Versuchsanordnung über gutes und schlechtes Regieren. Thomas Ostermeier inszenierte in Salzburg ein schillerndes Spiel über den Umgang mit der Macht. Großer Premierenjubel vor allem für Gert Voss, der als früherer Jedermann zu den Festspielen zurückkehrte.

Gert Voss spielt den Herzog Vincentio, der mal kurz eine Auszeit vom Regieren nimmt. Unter seiner laxen Herrschaft, die strenge Gesetze nie anwendete, ist Shakespeares fiktives Wien zum korrupten Bordell verkommen. Warum steigt Vincentio aus? Ist's Amtsmüdigkeit, weil er seinen Laden nicht mehr im Griff hat? Macchiavellistische Raffinesse, hartes Durchgreifen zu delegieren, um das eigene Image zu retten? Ein Polit-Schachzug, die Führungsqualitäten des Statthalters Angelos zu testen, um ihn ausschalten zu können? Oder ein Menschenexperiment, das sadistisch mit Tod und Leben spielt? Denn der vorgeblich abwesende Herzog beobachtet als Mönch verkleidet das strenge Tun des Puritaners Angelo und zieht die Strippen einer komplizierten Intrige. Voss lässt alle Möglichkeiten offen und ineinanderfließen. Als tröstender Prediger beim Todeskandidaten Claudio (Bernardo Arias Porras spielt auch die zur kunstvollen Puppe verkrüppelte Mariana) hat er einen Dolch in der Hand. Er weidet sich an der Qual der Frauen, die er im Vertrauen auf Gerechtigkeit zum falschen Spiel verleitet hat. Er gaukelt Angelo Glauben an dessen Redlichkeit vor, ehe er ihn entlarvt. Und wenn er am Ende um Isabellas Hand bittet, die sie ihm nicht reicht, nimmt er sie sich einfach. Das Mädchen hat nichts mehr zu sagen.

Isabella (Jenny König) bittet Angelo (Lars Eidinger) um Gnade für ihren Bruder Claudio, Foto: Arno Declair

Wie's um Vincentios Staat steht, zeigt ein auf den Boden herabgesunkener Kristall-Lüster (Bühne: Jan Pappelbaum). Der wird zwar ab und zu hochgezogen, doch nicht zu höheren Zwecken: Man hängt eine blutende Schweinehälfte an ihm auf, an der dann auch dilettantisch herumgesäbelt wird. Wenn das halbe tote Schwein mal wieder am Boden liegt, müssen häufig irgendwelche Paare sich auf ihm kreuzen, und Angelo turnt kopfüber im Kronleuchter herum. Hat er doch gerade seine schweinische Seite entdeckt. Die Nonnen-Novizin Isabella fleht um Gnade für ihren Bruder, von Angelo wegen vorehelichen Beischlafs zum Tod verurteilt. Macht korrrumpiert, und absolute Macht korrumpiert absolut: Wenn Isabella mit ihm schliefe, würde Angelo Claudio begnadigen. Den Übergang vom Moralisten zum Fast-Vergewaltiger spielt Lars Eidinger mit klarer Selbstreflexion - und bleibt, von Erkenntnis überwältigt, erstmal apathisch in einer Ecke hockt. Ein austauschbarer Jung-Politiker, den plötzlich virulente Triebe aus dem Karriere-Gleis schleudern. Regisseur Ostermeier konnte nicht ahnen, was da gerade in Schleswig-Holsteins CDU passierte.

Jenny Königs sittenstrenge Isabella ist ein fragiles, sehr wahrhaftiges Geschöpf - ob sie wirklich einen Moral-Eisenkern hat, ist nicht sicher. Und der Profi-Lügner Lucio (Stefan Stern) hat unter Pop-Klamotten und Drag-Perücke natürlich mehr Wahrheit im Leib als der Rest der Gesellschaft.

Altfranzösische Renaissance-Choräle, live gesungen, und die zarte Trompete von Nils Ostendorf sind ein schöner Kontrapunkt zum immer wieder kärchernden Wasserschlauch.

 

Salzburger Landestheater, wieder am 21., 22., 25., 27., 28. August, 19.30 Uhr, Karten Telefon 0043 / 6628045500

Veröffentlicht am: 20.08.2011

Über den Autor

Gabriella Lorenz

Gabriella Lorenz ist seit 2010 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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