Ausgerutscht im Blättergeriesel: Handkes "Immer noch Sturm" in Salzburg

von Gabriella Lorenz

Akrobatik im Geriesel: Jens Harzer als Ich. Foto: Ruth Walz

Es regnet grüne Blätter. Unentwegt vier Stunden lang. Auf den Blättern am Boden rutscht  der Schauspieler Jens Harzer wiederholt artistisch-komisch aus. Ausgerutscht ist auch Peter Handke am Ende seiner Familiensaga „Immer noch Sturm“: Da muss Harzer als Autoren-Ich von Handke dessen Selbstbefragung in einer Endlos-Suada monologisieren, die das letzte Interesse an dieser fünfstündigen Uraufführung abtötet. Für die Salzburger Festspiel-Inszenierung von Dimiter Gotscheff auf der Perner-Insel gab dennoch großen Applaus für die Schauspieler und auch für den 68-jährigen Handke, der linkisch ins Publikum zurückwinkte.

 

Peter Handke kam 1942 in Kärnten zur Welt, die Familie seiner Mutter gehörte dort zur slowenischen Minderheit. Die Spuren seiner Herkunft hat Handke schon in vielen Werken verfolgt, hier betreibt er geradezu eine therapeutische Familienaufstellung (mit dichterischen Freiheiten gegenüber den realen Vorbildern). „Immer  noch Sturm“ lautet mehrfach eine Regieanweisung in Shakespeares „König Lear“, als Lear verwirrt durch die sturmumtoste Heide irrt. Auf einer Heide-Steppe im Kärntner Jaunfeld träumt sich Jens Harzer als Handke-Ich seine Vorfahren herbei, beschwört die Familiengeschichte von 1936 bis 1945 und verknüpft sie exemplarisch mit der Polit-Historie, dem Krieg und dem Partisanenkampf der Slowenen in Kärnten.

Familie und Geschichte: Peter Handkes sprödes Drama "Immer noch Sturm". Foto: Ruth WalzIm permanenten Blättergeriesel auf der leeren, schwarzen Bühne von Katrin Brack kommen die Herbeigerufenen, reden und scherzen mit dem Abkömmling, der jetzt älter ist als sie damals:  „Komm her ins Bild mit uns.“ Das schafft Regisseur Dimiter Gotscheff aber nur selten, meist bleibt Harzer-Handke auf seiner Hocker-Bank  Beobachter und Kommentator. Die Familie jedoch erwacht bei den fabelhaften Schauspielern zum Leben. Die lebenslustige Mutter im Tüllkleid (Oda Thormeyer) verteidigt ihren folgenreichen One-Night-Stand mit einem deutschen Soldaten trotzig: „Es war Liebe.“ Und münzt  die deutsche Nationalhymne in eine parodistische Lach-Arie um.

Der strenge Großvater (Matthias Leja) will die Wörter „Liebe“, „Gott“ oder „Tragödie“ in seinem Haus nicht hören, die wortkarge Großmutter (Gabriela Maria Schmeide) bricht auf dem Melkschemel bei den Todesnachrichten ihrer Kinder in archaische Klagegesänge aus und sogar in einen wilden Polka-Tanz. Die ungeliebte, verbitterte Tante Ursula (Bibiana Beglau) flüchtet erst als Magd aus dem Haus, dann als Partisanin in die Wälder. Alle drei Onkels werden von den Nazis zwangsrekrutiert. Benjamin, der naive Jüngste (Heiko Raulin), wird in Russland verheizt. Valentin, der leichtlebige Weiberheld (Hans Löw), träumt gelangweilt in Norwegen vom Goldenen Westen, den er nicht mehr sehen wird. Nur der einäugige, verklemmte Gregor (Tilo Werner), ein pazifistischer Obstbau-Spezialist, desertiert zu den Partisanen. Und die Mutter sucht in Deutschland nach dem Vater ihres in der Familie angefeindeten „großdeutschen Bankerts“.

Dies ist kein Bühnenstück, sondern eine Erzählung, eine Textfläche. Die Prosa will in Handkes geschraubter Sprache nicht zur Dramatik werden, so poetisch sie oft sein mag. Auch Gotscheffs Inszenierung schafft den Dreh zur Dramatik nicht: Die Familienaufstellung ist dank der virtuosen Schauspieler (besonders stark sind die Frauen) oft witzig, manchmal ergreifend, man sieht gern zu. Aber die Figuren erklären sich ständig selbst, sie haben kein Geheimnis. Alles Ausgesprochene wird eins zu eins bebildert, und wo es nichts zu bebildern gibt, erstarrt es in statischen Fotoposen. Dieses Spiel zwischen Traum und Trauma ist überdehnt lang, bewusst langsam und streckenweise sehr langweilig, trotz der aufwühlenden Akzente der Musiker im Hintergrund (Komponist Sandy Lopicic am Akkordeon, Matthias Loibner an der Drehleier).

Das Verklärungspathos von Handkes Text macht einen schaudern. Immer wieder wird die „heilige Muttersprache“ beschworen, deren Bewahrung die nationale Identität sichern soll. „Unsere Sprache ist unsere Macht“, doziert Gregor und träumt nach Kriegsende von kommunistischen Utopien: „Zum ersten Mal in unserer Geschichte werden wir frei sein.“ Auch wenn der Ich-Erzähler das  im Schlussmonolog relativieren muss, steht zu fürchten, dass Handke die völkischen Parolen seines Gregor-Sprachrohrs ernst meint - zumal dieses Stück als sein persönlichstes gilt. „Immer noch Sturm“, sagt sein Ich am Ende. Nur tobt der Sturm (siehe England) inzwischen nicht nur in Europa auf ganz anderen sozialen Ebenen. Deshalb ist Handkes obsessive Vergangenheitsbewältigung nur noch seine Privat-Angelegenheit.

 

Hallein, Perner-Insel, 17., 18., 23., 24., 26., 27. August, 19 Uhr,  Tel. 0043 662 8045 500

Veröffentlicht am: 16.08.2011

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Über den Autor

Gabriella Lorenz

Gabriella Lorenz ist seit 2010 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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