Herausforderung für alle: Schimmelpfennigs neuer Medusa-Mythos in Salzburg

von Gabriella Lorenz

Die vier Himmelsrichtungen: Ulrich Matthes (Ein Mann), Almut Zilcher (Eine Frau), Andreas Döhler (Ein kräftiger Mann), Kathleen Morgeneyer (Eine junge Frau). Foto: Arno Declair

Eine Liebesgeschichte zwischen Perseus und Medusa? Klingt paradox. In der griechischen Mythologie schlägt Perseus der Gorgone Medusa ihr Haupt mit den Schlangenhaaren ab, dessen Anblick jeden versteinern lässt. In Roland Schimmelpfennigs neuem Stück „Die vier Himmelsrichtungen“ verliebt sich ein Mann, der sich mit Perseus identifiziert, in eine Kellnerin mit vielen Locken.

„Du könntest Medusa sein“, sagt er. „Perseus und Medusa, das müsste doch was werden.“ Wird es natürlich nicht. Schimmelpfennig, der seit 1996 produktivste und meistgespielte deutsche Theaterautor, zwingt im mythologischen Bild Liebe und Tod zusammen. Die Uraufführung bei den Salzburger Festspielen inszenierte der Autor selbst als konzentrierte Sprechoper. Das Premierenpublikum - darunter Bundeskanzlerin Angela Merkel - bejubelte das fabelhafte Schauspielerquartett mit Ulrich Matthes an der Spitze, der sein Salzburg-Debüt gab.

Aus den vier Himmelsrichtungen führt Schimmelpfennig zum tödlichen Liebeskonflikt vier namenlose Figuren zusammen: „ein Mann“, „eine junge Frau“, „ein kräftiger Mann“, „eine Frau“. Jeder bringt aus seiner Richtung Naturgewalten mit sich, Regen, Schnee, Nebel, Wind, die auch auf der Bühne mitspielen. Bühnenbildner Johannes Schütz hat in einer ortlosen Wüstenei Erdhügel im Halbkreis um ein kleines Podest aufgehäufelt. Die Schauspieler treten aus dem Hintergrund aufs Podest, erzählen meist monologisch die Puzzlestücke der Geschichte, geben oft narrativ in indirekter Rede die Sprechpositionen der andern wieder. Dialoge sind selten, häufiger dafür ein chorisch versetztes Sprechen. Eine gespielte Handlung gibt es nicht, und doch deuten sich aus Schimmelpfennigs Prinzip der immer um eine Spiralwindung weitergeschraubten Textwiederholungen allmählich vier Psychogramme an.

Da ist der Mann, der als Kleinkünstler im weißen Anzug mit den Perseus-Sternen seine geknoteten Luftballon-Tiere an den Mann bringt. Der virtuose Ulrich Matthes verwandelt sich auf offener Bühne in diese tragische Clown-Figur, die sich ein weißes Gesicht mit einer blauen Zunge anschminkt. Ein Zufall - er fand auf der Straße eine verlorene Ladung von Modellierballons - verhalf ihm zu einem neuen Leben, und das erhofft er sich auch von der Kellnerin mit den Locken, in die er sich verliebt.

Da ist der kräftige Mann, der die Ballon-Ladung verlor, seinen LKW einfach liegen ließ und ein neues kriminelles Leben begann: Er ermordet einen Schnapsladenbesitzer und einen Schlachthofdirektor und verliebt sich ebenfalls in die Kellnerin. Andreas Döhler spielt die mörderische Brachialität mit fast naiver Heiterkeit und Selbstverständlichkeit.

Die Kellnerin lässt sich ohne Zieren, aber auch ohne Zuneigung mit beiden ein. Kathleen Morgeneyer wirkt fragil und selbstständig, lebenshungrig und ungreifbar zugleich, ein neutraler Katastrophen-Auslöser. Doch der Tod holt auch das Mädchen: Das weiß die Frau des Perseus-Mannes, die als Wahrsagerin die Zukunft sieht, nur die eigene nicht, von Anbeginn. Almut Zilcher spielt die Resignation der Wissenden und Verlassenen mit starker, warmer Gefasstheit.

Schimmelpfennigs mythologisch und symbolisch aufgeladener Text ist eine Herausforderung an den Zuschauer, seine reduzierte Inszenierung eine an die Schauspieler. Und die bewältigen sie furios, machen aus der Sprechoper ein spannendes dramatisches Spiel.

Salzburg, Landestheater, 2. - 6. August, 19.30 Uhr, Karten Tel. 0043 662 8045 500

Veröffentlicht am: 02.08.2011

Über den Autor

Gabriella Lorenz

Gabriella Lorenz ist seit 2010 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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