Entblößung bis zum Abwinken und nervöse Engel: Oliver Messiaens Festspielpremiere mit dem heiligen Franziskus

von Volker Boser

Paul Gay als Saint François. Foto: Wilfried Hösl

Aufregung war fehl am Platz, das heftige Buh am Ende dagegen berechtigt. Denn wie Hermann Nitsch zur Eröffnung der Münchner Opernfestspiele Oliver Messiaens „Saint Francois d'Assise“ in Szene setzte, provozierte nicht, sondern bewies lediglich, dass sich der mittlerweile 72jährige Wiener Aktionskünstler kräftig verhoben hatte. Das strikt antitheatralische Konzept, das Messiaen seinem Werk zugrunde legt, garnierte Nitsch mit den üblichen Blut-Ritualen im Stile seines „Orgien-Mysterientheaters“.

Doch diese schockieren längst nicht mehr. Was viel mehr irritierte, war die Chuzpe, mit der Nitsch in seinen eigenen Archiven stöberte. Ein Nackter am Kreuz mag im ersten Bild der Oper einen Sinn ergeben, in dem Franziskus ausführlich erläutert, dass man um der Liebe Christi willen auch Leid ertragen muss. Doch wenn sich im Verlaufe der vier langen Stunden immer wieder ein Statist entblößen muss und Tomaten zu Matsch treten darf, ist das auf Dauer nur noch langweilig.

Der Chor in Saint François d’Assise. Foto: Wilfried Hösl

Nitsch inszeniert Nitsch: Im letzten Bild wird der sterbende Franziskus an den rechten Bühnenrand gedrängt, während in der Mitte zwanzig weißgekleidete Jünger des Meisters den Boden mit Farbe bekleckern. Zur Vogelpredigt zeigt eine riesige Projektionsfläche im Hintergrund das passende bunte Gefieder - einfallslos wie der Bildschirmschoner eines Computers. Tierkadaver, in deren Gedärmen kräftig herumgewühlt wird, gibt es auch, aber zum Glück nur als Video-Aufzeichnung.

Inmitten dieser gewollt ritualisierten, bedeutungsarmen Inszenierungsversuche mussten sich die Sänger ihren Platz regelrecht erkämpfen. Mit mehr oder weniger Erfolg: Messiaens Werk ist keine Oper im traditionellen Sinn. Es stemmt sich allen Facetten der Musik des 20.Jahrhunderts entgegen. Die blockartig nebeneinander gestellten Trompeten-Attacken, Schlagzeug-Abenteuer und Melodielinien in den Streichern passen stilistisch in kein gängiges Format. Umso mehr muss die Leistung von Paul Gay in der Titelpartie bewundert werden, der mit wunderbarer Intensität und Energie seine Mammutaufgabe scheinbar mühelos bewältigte.

Und immer fließt das Blut (hier mit John Daszak als Le Lépreux und Paul Gay als Saint François). Foto: Wilfried Hösl

Auch die übrigen Rollen waren mit John Daszak, Nikolay Borchev, Kenneth Roberson, Ulrich Reß und Christoph Stephinger angemessen bis hochkarätig besetzt. Und natürlich gab Christine Schäfer als Engel der Aufführung jenen Glamour, der zur Festspieleröffnung durchaus seine Berechtigung hat. Dass auch Engel nervös sein können, überraschte dann aber doch.

Für Kent Nagano ist Messiaens „Franziskus“- Oper eine Herzensangelegenheit. Er war mit dem Komponisten befreundet und hat das Stück immer wieder dirigiert, auch 1998 bei der Wiederaufnahme der Salzburger Festspiel-Inszenierung von Peter Sellars. Davon gibt es einen hinreißenden Mitschnitt, erschienen bei DG. Auch diesmal gelang es ihm, das Riesen-Orchester, dessen Bläser auf der Bühne Platz gefunden hatten, den Chor und alle Sänger zu einer Einheit zu formen. Dabei verließ sich Kent Nagano nicht darauf, sachlich und nüchtern die Akzente zu setzen, sondern entdeckte inmitten der kargen melodischen Signatur immer wieder Oasen des Ausdrucks und der Empfindsamkeit. Münchens Noch-GMD war der eindeutige Sieger des Abends, der szenisch missglückte, für dessen musikalische Qualitäten man der Bayerischen Staatsoper aber nur gratulieren kann.

 

Wieder am 5. und 10. Juli. Die Vorstellungen sind ausverkauft.

Veröffentlicht am: 03.07.2011

Über den Autor

Volker Boser

Volker Boser ist seit 2010 Mitarbeiter des Kulturvollzug.

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Berliner Aktionskünstler und Kunstpädagoge Walter Gerhard Grimbs
05.07.2011 11:42 Uhr

W.G.Grimbs' Anmerkungen zu Nitschs blutiger Oper „Saint Francois d'Assise“:

"Feisch am Hacken" und "tote Rinderaugen"

siehe im Internet:

http://www.walter-grimbs.de/foto_von_walter_grimbs_rinderaugen.jpg

http://www.walter-grimbs.de/pressebericht_frankfurter_neue_presse_30_november_06_1.jpg

Walter Gerhard Grimbs

Frankfurter/Berliner Aktionskünstler und Kunstpädagoge

Internet: http://www.walter-grimbs.de

Email: berlin@37.com

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