Agnes-Bernauer-Festspiele: Liebe, Tod und Staatsraison

von Jan Stöpel

Schicksalhafte Begegnung in der Badstube: Agnes und Albrecht (Probenfoto). Foto: Ulli Scharrer

Eine 600 Jahre alte Geschichte in neuem Gewand: In den kommenden vier Wochen bis Ende Juli bringt Straubing die Geschichte der unglücklichen Agnes Bernauer auf die Freilichtbühne im Hof des Herzogsschlosses.

Es gibt einen Ort in Straubing, an dem kann man auf wenigen Quadratmetern eine Reise durch zweitausend Jahre Stadtgeschichte machen. Unter dem Friedhof St. Peter schlummern die Grundmauern des römischen Militärlagers Sorviodurum. Uralte Bäume werfen ihre Schatten auf das Gelände mit seinen schiefen Grabsteinen und Kreuzen und den eingesunkenen Gräbern. Dort beerdigten bis ins späte 19. Jahrhundert zahllose Generationen von Straubingern ihre Toten. Mittelalter, Renaissance, Barock, Aufklärung - jede Zeit hat sich mit ihrer eigenen Handschrift in die Grabsteine und die Wände von St. Peter und den Nebenkapellen eingetragen.

In einer Kapelle, in die Wand eingemauert, findet sich ein Grabstein mit einem Relief, das überlebensgroß eine junge Frau auf dem Totenbett abbildet. Die Augen sind geschlossen, die Hände über dem Bauch gefaltet, der Kopf leicht auf die Seite gesunken. Es ist das Antlitz der Agnes Bernauer, nach der Totenmaske der Unglücklichen gemeißelt, die im Jahre 1427 ertränkt wurde, nach einem Prozess, dessen Urteil von vornherein festgestanden hatte. „Es ist wohl das einzige authentische Bild von Agnes“, sagt Edeltraud Fischer. Sie macht die Öffentlichkeitsarbeit für das Festspiel und spielt auch selbst als Dame des Hofgesindes mit. In einem speziell angefertigten Gewand steht sie auf der Bühne, so authentisch wie möglich: „Wir haben alles nach originalen Quellen nachschneidern lassen.“ Selbstverständlich ohne Knöpfe und Reissverschluss.

Fatale Hochzeit

Die Hinrichtung der armen Agnes in der oktoberkalten Donau war ein Justizmord auf Geheiß des Herzogs Ernst. Der alte Herr wusste sich nicht mehr anders zu helfen. Wäre Agnes nur die Kebse seines Sohnes gewesen – kein Problem in feudalen Zeiten. Doch sie hatte Hochzeit mit Albrecht gefeiert. Und die im geheimen geschlossene Ehe säte neuen Zwist im Adel des ohnehin schon instabilen Herzogtums Bayern-München. So tief reichte das Zerwürfnis der Eliten, dass Albrecht von einem Ritterturnier in Regensburg ausgeladen wurde.

Franz Aichinger steht ein paar hundert Meter von der Agnes-Bernauer-Kapelle entfernt in kurzen Hosen im Hof des Herzogsschlosses und macht sich kurz vor Beginn des Probe Gedanken über Albrecht. „Er wollte eine ganz normale Frau, die nicht auf Stand und Geld schaut“, sagt der 28-jährige Einzelhandelskaufmann, der den Albrecht in der Neuauflage des Agnes-Bernauer-Spiels mimt. „Er hat halt an die Liebe geglaubt.“

Liebe, Tod und Politik, Menschen im tragischen Zwiespalt: Die traurige Geschichte der kleinen Baderin Agnes hat alle Zutaten von großem Theater. Seit 1935 führen die Straubinger ihr Spiel alle vier Jahre auf. Gut 200 Menschen mischen dabei mit, als Gesinde, Volk und Adel, als Helfer hinter den Kulissen.  Johannes Reitmeiers Fassung von 2011 verwendet die historischen Zutaten, serviert sie aber frisch angerichtet. "95 Prozent des Textes sind neu", sagt Reitmeier.

Nicht mehr chronologisch wird erzählt, sondern in Rückblenden vor dem Gericht, das die Agnes der Landesverheerung und des bösen Zaubers zeiht. Das Bühnenbild hat Matthias Bartoszewski extra für die Neufassung gebaut, schlicht und monumental, ohne die Umgebung zu übertrumpfen. Mauern, Giebel und Türmchen des Schlosses sind schließlich wichtige Nebendarsteller für das Schauspiel, das in 19 Aufführungen – günstiges Wetter vorausgesetzt – 20000 Besucher nach Straubing ziehen wird.

Letztlich dreht sich alles umAgnes. Freya Hupf spielt sie, eine muntere hübsche 27-Jährige, als Grundschullehrerin ein kritisches Publikum gewöhnt. „Die Agnes war ambivalent, eine Frau mit vielen Facetten, die sich nicht alles gefallen ließ“, sagt sie. Half alles nichts, die Agnes hielt an ihrer Liebe Albrecht fest – und starb, während ihr Gemahl auf eine Jagd gelockt wurde. Und der Schuldige an ihrem Tod? Hubert Fischer spielt den alten Herzog Ernst, würdig, gramgeplagt – entschlossen. „Ob er eine Wahl gehabt? Ich glaube, nicht wirklich. Sein Herzogtum wäre zerissen worden.“ Zeitreisen sind in Straubing auch anderswo möglich, zumindest für die nächsten vier Wochen. Und 200 Straubinger sind schon ganz weit weg in der Vergangenheit.

Die Neuinszenierung der Agnes-Bernauer-Festspiele von Regisseur Johannes Reitmeier findet vom Freitag, 24.06. (Premierenvorstellung) bis Sonntag, 24. Juli statt. Aufführungstage sind geeignetes Wetter voraussgesetzt - Freitag, Samstag, Sonntag und Mittwoch, Beginn 20.30 Uhr.

Veröffentlicht am: 24.06.2011

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