Was macht Petrenko? - Naganos Nachfolger unter Beobachtung in Lyon

von Volker Boser

Die Mond-Erde-Kokosnuss. Foto: Bertrand Stofleth

Eine riesige Weltkugel – je nach Bedarf auch als Mond zu erkennen – baumelt bedrohlich über dem Schiff, das sich mit den wichtigsten Protagonisten der Oper der Küste Cornwalls nähert. Im zweiten Akt füllt dieser Ball, in der Mitte aufgeschnitten wie eine Kokosnuss, den gesamten Bühnenraum. Er bietet dem liebenden Paar den dringend benötigten Unterschlupf. Video-Projektionen sorgen für die erforderliche Atmosphäre: Winterwald, Feuerzauber und Wolkentürme symbolisieren die extremen Gefühlswelten, die Wagner sich für „Tristan und Isolde“ ausgedacht hat.

In der Oper von Lyon mutierten sie dank der naiven Regiekünste von „La Fura dels Baus“ zu einer Ansammlung gefälliger Allgemeinplätze über Liebe, Verrat und Todessehnsucht. Den Münchner Besuchern mag das egal gewesen sein. Sie waren gekommen, um mitzuerleben, wie sich der Dirigent aus der Affäre ziehen würde. Schließlich wird Kirill Petrenko im September 2013 als Nachfolger von Kent Nagano GMD der Bayerischen Staatsoper.

Ein Orchester auf Hochglanz zu polieren – das kann er. Es gab herrliche Einzelheiten zu bestaunen, vor allem im dritten Akt, wenn Tristans Fieber-Fantasien immer wieder die musikalischen Grenzen streifen. Zuvor verweigerte bisweilen eine allzu selbstverliebte Klangregie tiefere Einsichten. Etwa in der großen Liebesszene des zweiten Aufzugs: Da entwickelte sich das Geschehen einsilbig, glamourös, ohne allzu viel Ausdrucks-Varianten.

Premierenbuhs sind mittlerweile Pflicht, auch in Lyon. Diesmal erwischte es Clifton Forbis, der den Tristan mit brüchiger Stimme begann, dann aber deutlich zulegte und vor allem im dritten Akt mit prächtigen Reserven aufwarten konnte. Ann Petersens Isolde war zu Beginn trotz bestens disponierter Brangäne (Stella Grigorian) unüberhörbar Herrin im Ring, mit wunderbaren Spitzentönen - allerdings auch wenig verführerischen Mezza-Voce-Versuchen. Dass sie den „Liebestod“ als effektvollen Kraftakt ablieferte, mag im Einvernehmen mit dem Dirigenten erfolgt sein, wurde dadurch aber nicht plausibler.

Um beide herum hatte man ein Ensemble gruppiert, das auch in München mühelos bestehen könnte: Christof Fischesser (Marke), Jochen Schmeckenbecher (Kurwenal), Nabil Suliman (Melot) waren weitaus mehr als Steigbügelhalter. Wollte man die Elle Beckmessers anlegen, dann müsste der Bannstrahl auf die Inszenierung fallen. Die Zauberkunststücke von „La Fura dels Baus“ im „Ring“ von Valencia sind noch in bester Erinnerung. Man hatte sich mehr erwartet als maßvoll moderate Regie-Routine, die trotz kleinerer Albernheiten erschreckend konventionell ausfiel. Aber vielleicht war das Eisen ja auch zu heiß.

 

Wieder am 10., 13., 16., 19., 22. Juni; Info unter www. opera-lyon.com

 

 

 

Veröffentlicht am: 06.06.2011

Über den Autor

Volker Boser

Volker Boser ist seit 2010 Mitarbeiter des Kulturvollzug.

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