Widerstreit von Liebe und Freiheit in Stahl

von Achim Manthey

Dirk Bell, Amaia, 2007 (Foto: Ellen Page Wilson, courtesy: BQ, Berlin; Gavin Brown's enterprise, New York; Sadie Coles HQ, London; The Modern Institute/Toby Webster Ltd.)

Was Liebe, Freiheit und eine Stahlskulptur miteinander zu tun haben - die Pinakothek der Moderne zeigt die erste umfassende Museumsausstellung von Dirk Bell und gibt Rätsel auf.

Aufgespannte Regenschirme  umgeben einen Kronleuchter. Sein Licht ist kaum mehr erkennbar. "Clouds (did not look like cotton, did not even look like clouds" ist das 2011 enstandene Werk betitelt, das über der mehrteiligen Installation "Amaia" von der Decke hängt. Zufall, beabsichtigt oder nicht: das Zusammenspiel der beiden Werke erzeugt Ironie. Zentrum der Installation aus dem Jahr 2007 bildet eine in Mischtechnik düster bemalte Schaufensterpuppe, der Schädel wie durch großkalibrige Geschosse zerlöchert, eine Silvesterrakete ruht auf dem handlosen linken Arm.

Dirk Bell, 1969 in München geboren, lebt und arbeitet in Berlin. Einer Kunstrichtung lässt sich sein Werk nicht eindeutig zuordnen. Es finden sich Elemente des Symbolismus und des Jugendstils, gepaart mit Motiven der Minimal Art und der Populärkultur der Gegenwart. Vielfältig sind die in den Malereien, Zeichnungen und Installationen eingesetzten Materialien. Wie dahingeworfen scheinende Bleistiftskizzen finden sich ebenso wie Gemälde in Mischtechnik oder Materialkombinationen aus Holz, Tapete, Farbe und Gips, wie in dem Werk "Steelback" von 2007, in dem eine Gipshand aus der plüschigen Tapete wächst, einen zum Einschlagen bereiten Nagel zwischen Daumen und Zeigefinger haltend. Zahlreiche Löcher in der angedeuteten Wand zeugen davon, dass es sich nicht um den ersten Versuch gehandelt hat, den Nagel in die Wand zu bekommen. Symbol für die Widrigkeiten des Alltags. "Geschwätz": vier Türbeschläge bilden das 2008 entstandene Werk korrespondiert mit dem in Glas und Edelstahl gearbeiteten Türspion. Das Getuschel im Treppenhaus hört der Besucher förmlich.

Dirk Bell, Steelback, 2007 (Foto: Gavin Brown's enterprise, courtesy: BQ, Berlin; Gavin Brown's enterprise, New York; Sadie Coles HQ, London; The Modern Institute/Toby Webster Ltd.)

Den Mittelpunkt der Ausstellung bildet die extra für die Pinakothek der Modere geschaffene Stahlskulptur FREE LOVE, ein  ebenso gigantisches wie durch die luftige Konstruktion minimalistisches Werk. Die begehbare Skulptur, der in der Ausstellung mehr Freiraum zu wünschen wäre, lässt den Besucher den Widerspruch zwischen Liebe und Freiheit  physisch erfahren. Will der liebende Mensch noch frei sein? Der Künstler lässt der Phantasie, die  letztlich aber nur durch den Werktitel angeregt wird, freien Raum.

"Bleib', sei achtsam, einen kleinen Moment". Ein kleines, an die sonst leere Wand gepinntes, fossiles Schneckenhaus buhlt um die Aufmerksamkeit, die Zuneigung des Betrachters. Zarte Bleistiftzeichnungen stehen neben nur leicht bearbeiteten Türen,  farbfrohen Gemälden und aus Leuchtstoffröhren bestehenden Installationen. Die Ausstellung bietet einen Überblick über mehr als 20 Jahre Schaffenszeit des Künstlers. Dem Betrachter wird angesichts der neben den nicht zu übersehenden großformatigen Werke gezeigten Miniaturen größte Konzentration abverlangt, um nichts zu übersehen.

Nach zahlreichen Einzelausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen in London, Basel, Berlin, Baden-Baden und Bergen ist die Ausstellung in der Pinakothek der Moderne die erste des Künstlers in seiner Geburtsstadt München.

Witzig, originell ist manches, rätselhaft vieles. Die Frage nach dem Warum löst sich nur im Kopf des individuellen Betrachters.

Bis zum 18. September in der Pinakothek der Moderne in München, täglich außer Mo. von 10 - 18 Uhr, Do. bis 20 Uhr. Eine Monografie zum Werk Dirk Bells erscheint im September und wird in der Ausstellung vorgestellt.

 

Veröffentlicht am: 31.05.2011

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