100 Jahre Münchner Cowboy Club im Stadtmuseum

Rauchende Colts an der Floßlände

von Achim Manthey

Lassospiele des Cowboy Club München, um 1953, Foto-Postkarte (c) Münchner Stadtmuseum

"Ich will nen Cowboy als Mann", trällerte 1963 die dänische Schlagersängerin Gitte. In dem Jahr wurde der Münchner Cowboy Club 50 und war nicht gemeint. Heuer, zum Hundertsten, widmet ihm das Münchner Stadtmuseum unter dem Titel "Sehnsucht nach dem Wilden Westen" eine kleine, veritable Ausstellung.

Als diese Geschichte beginnt, war der Wilde Westen fast noch Realität. Und eine Gruppe Münchner wollte genau da hin, auswandern in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, des Wohlstands und des Abenteuers. Völkerschauen, Zirkusdarbietungen und vor allem die Wild-West-Shows von Bill Cody alias Buffalo Bill, der schon 1891 mit seiner Truppe auf der Münchner Theresienwiese aufgetreten war und zwischen 1903 und 1906 abermals in Europa gastierte, hatte Träume der Menschen geweckt.

Die drei Gründer des Cowboy Club München, hier um 1937 im Harlachinger Wald (c) Münchner Stadtmuseum

Allein: Sich mit Familie, Sack und Pack auf den Weg zu machen in die neue Welt war teuer und das Geld war knapp. Aber es gab ja die Klassenlotterie. Also gründeten am 12. April 1913 - zunächst als Losverein gedacht - Fred Sommer, der Vater des Journalisten, Autors und Stadtspaziergängers Sigi Sommer, Freds Bruder Hermann Sommer und der gemneinsame Freund Martin Fromberger den Münchner Cowboy Club.

Die Zeit bis zum Eintreffen des erhofften Geldregens nutzten die Mitglieder des jungen Vereins zur Vorbereitung auf das neue Leben: Man gab sich verwegene Namen wie "Lone Wolf", "Fred Black", Tom Jackson", "Little Crow" oder "Concita Fernandez", lernte Englisch, Rodeo reiten und übte die Sitten und Gebräuche der Cowboys und Indianer aus allen Quellen, deren man habhaft werden konnte. Dabei konnte jedes Mitglied gleichzeitig sowohl der eine wie der andere sein und später auch noch Südstaatler oder gar Mexikaner sein. Bücher wie "Der letzte Mohikaner" von James F. Cooper oder die Winnetou-Geschichten von Karl May waren behilflich. Auch das Schießen, Messerwerfen und Lassodrehen - viele Jahre später wurde ein Münchner in der Disziplin sogar einmal Weltmeister - gehören bis heute zum Übungsprogramm. Und schon früh trat man öffentlich auf: Im Frühjahr 1914 veranstaltete der Club seinen ersten Faschingsball, auf dem durch "lebende Bilder" (tableaux vivants) eine komplette Geschichte erzählt wurde, über deren Inhalt sich aus den Annalen aber nichts ergibt.

Indianerkostüm von Fred Sommer (Fred Black"), um 1930 (c) Münchner Stadtmuseum

Aus dem Geldsegen wurde nichts, aber die Idee und das Vereinsleben blieben. Und einer ist tatsächlich ausgewandert und hat berichtet, das alles ganz anders ist - bevor er zurückkehrte, um Münchner Cowboy zu bleiben.

Bis heute ist die Authentizität ganz wichtig. Kleidung und Utensilien sollen möglichst originalgetreu sein. Und da man das damals wie heute nicht einfach im Laden kaufen kann, schneidern die Mitglieder die Trachten selbst. 90 Prozent der Kostüme stammen aus eigener Herstellung. Sogar Gewehre und Colts sind nach alten Vorlagen nachgebaut.

Ab 1954 hatte der Club an der Nockherbergstraße seine erste Ranch. Seit 1961 residiert er auf einem Areal an der Floßlände, das mit Hilfe amerikanischer Soldaten urbar gemacht wurde - untrügliches Zeichen dafür, dass sich die Mitglieder des Vereins während der Nazi-Zeit zumindest neutral verhalten und unverdächtig gemacht hatten, denn gleich nach Kriegsende nahmen die Amerikaner Kontakt auf. Münchens damaliger Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel legte am 22. Juli 1961 den Grundstein für das neue Clubgelände - natürlich mit Cowboyhut auf dem Kopf. Heute gibt's da alles, was der Cowboy so braucht: einen Pferdestall - acht Tiere hatte der Verein einmal, heute sind es noch zwei -, eine Handelsstation und selbstverständlich den Saloon.

Die kleine von Cindy Drexl kuratierte Ausstellung im Münchner Stadtmuseum zeichnet die Geschichte des Münchner Cowboy Clubs, des ältesten und immer noch größten Westernvereins Deutschlands, in komprimierter Form nach. Ein nachgebauter Küchenwagen ist ebenso wie ein Tipi zu sehen, ein kleiner Coral mit Sätteln und Zaumzeug ist aufgebaut, Kostüme und Utensilien wie Caffs - das sind diese Ärmelschoner -, Cowboyhüte, Gürtel, Pistolenhalfter oder Sporen werden gezeigt. Alles aus eigener Produktion.Fotografien, Plakate, gemälde und Videos ergänzen die Schau.

Auf der Club-Ranch an der Floßlände (c) Cowboy Club München

Das alles hat wenig mit der Wild-West-Romantik zu tun, die man aus Film und Fernsehen kennt. Die Vereinsmitglieder beschäftigen sich sehr ernsthaft mit den völkerkundlichen Grundlagen dieses Teils der amerikanischen Geschichte. Die heute 85 Mitglieder des Clubs mit einem Durchschnittsalter von etwa 50 Jahren - der Nachwuchsmangel wird durchaus beklagt - leben in ihrer Freizeit das damalige Leben des "Wilden Westens" möglichst getreu nach.

Die Ausstellung schafft es, den Besucher für eine Weile zu entführen in eine Welt von Lagerfeuern, Leder- und Schweißgeruch oder Pulverdampf. Da war es schon hilfreich, dass Herbert Köpf, dem Münchner Obercowboy, beim Presserundgang durch die Ausstellung das Mobiltelefon aus seiner Westernweste lugte, um den Bezug zum Heute nicht zu verlieren.

Bis zum 15. September 2013 im Münchner Stadtmuseum, St.-Josephs-Platz 1 in München, täglich außen Mo von 10 bis 18 Uhr, Katalog im Volk Verlag 12 Euro.

Veröffentlicht am: 21.08.2013

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