Arthur, King of Britpop: Henry Purcell ganz in der Gegenwart

von Jan Stöpel

 

Das alte England, es lebe hoch: König Arthur und sein Beatles-Ballet. Foto: A.T Schaefer

Am Ende gibt es auch im Theater Augsburg eine britische Traumhochzeit, mit Henry Purcells wunderbarer Musik als festlicher Begleitung: Mit viel Augenzwinkern retten die Augsburger die barocke Semiopera „King Arthur“ in die Gegenwart.

Von wegen „Rule Britannia, Bitannia rule the waves“: Statt der Seeherrschaft verheißen Cupido und Venus der britischen Insel eine flauschige Zukunft als Land der Liebenden. Wäre ja auch schön, eine Epoche des Friedens, nach all dem Krieg, in dem die Völker erst zusammenraufen müssen: Die Kelten und die Sachsen, die sich nach dem Ende des römischen Reiches Schlacht auf Schlacht liefern, die angestammten Einwohner unter ihrem König Artus oder Arthur, die Immigranten unter Oswald. Am Ende sollen beide ihr Bestes zum gemeinsamen Gedeihen zusammenfügen, zu jenem unvergleichlichen Land, das Großbritannien heißt.

Sehr national gesinnt und very british ist die Dramatick Opera „King Arthur“, zu der 1691 John Dryden den Text und Henry Purcell die wunderbare Musik lieferte. Im Theater Augsburg wird aus King Arthur der King of Britpop: Das schon in der Vorlage bei allem Heroismus durchaus fröhlich gestimmte Drama wird in der Inszenierung von Sigrid Herzog zur augenzwinkernden Fußballstadion-Revue britischer Eigenheiten.

Dabei tun die Augsburger der barocken Vorlage keine Gewalt an. Dieses Musikdrama darf man sich durchaus als Musical des Barock vorstellen, mit Action und Liebe, mit Magie und Musik, mit Gaudi und Ballett. Auch damals wollten die Zuschauer schließlich unterhalten werden. Die Handlung dünkt uns heutige wirr und konstruiert, geschätzt wird allein Purcells Musik, weswegen „King Arthur“ nicht selten lediglich konzertant aufgeführt wird. In Augsburg liegt der Akzent stark auf Tanz und Spiel, Purcells Partitur wurde gekürzt, um sich besser der Handlunganzupassen. Das Augsburger Orchester unter der Leitung von Carolin Nordmeyer entledigt sich der schönen Aufgabe mit Bravour, wenn auch manchmal gedämpft – Augsburgs Bühnenmaschine lässt mal wieder die Hydraulik spielen, und aus dem Hintergrund wirkt das Orchester nicht immer so präsent, wie man es sich wünschte. Im Vergleich von Schauspiel und Gesang haben die sprechenden Akteure leicht die Nase vorn, mit einem Nicholas Reinke als Arthur, der als flatterhafter Charmebolzen begeistert – die zunächst blinde Emmeline (Judith Bohle) sieht mit dem Herzen und verliebt sich in den guten Kern des Schwerenöters. Es gibt ja so viele reizvolle Rollen in diesem Drama, die des Luftgeistes etwa: Grit Paulussen verdiente sich als Philidel an der

Seite des komischen und doch wieder machtbewussten Merlin (Klaus Müller) viel Beifall, ebenso Thomas Kornack als Erdgeist Grimbald. Leichtes Übergewicht des Schauspiels also, doch den Glanzpunkt des Abends setzten zwei Sänger. Bei der Szene mit Felix Rathgeber als Geist des Frostes, der, aus der Tiefkühltruhe entstiegen, seinen berühmten Cold Song singt, und mit Cathrin Lange als Cupido passte so ziemlich alles: Eine charmante Enteisungsaktion. So könnte es sogar in England etwas werden mit der Liebe.

Reichlich Augenfutter bieten Bühne (Bernhard Kleber) und Kostüme (Katharina Weißenborn). Da werden die Paladine König Arthurs zu Sgt. Peppers Lonely Hearts Club Band, Schlachtenbummler feuern von Stadionrängen aus die kämpfenden Parteien an. Der Stand von Arthurs drolligem Gefecht gegen den Sachsen Oswald (Toomas Täht) wird auf einer Tafel angezeigt: 3:2 für England! Und Venus (Sophia Christine Brommer) besingt die „Fairest Isle“ und schafft es, dabei auszusehen wie Queen Elisabeth II. Der „Pudding and Dumpling-Song“ gehört zum Mitreißendsten, was Purcell je geschrieben hat. Da er aber mit der Handlung eigentlich nicht viel zu schaffen hat und üblicherweise nur den Boden bereitet für die Venus, ist er in Augsburg als Rausschmeißer ins Finale mit allen Sängern, Schauspielern und Tänzern gerückt. Ein bisserl bracchial rocken die Sachsen auf einmal das Augsburger Theater, bevor sich wieder die feine Purcell-Musik mit diesem Trinklied ins Ohr schmeicheln darf. Darauf ein Prost – und „Heigh for the honour of old England!"

Nächste Vorstellungen: Freitag, 3. Juni, Mittwoch, 8. Juni.

Veröffentlicht am: 23.05.2011

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