Gegen Kindstod und bösen Blick

von Achim Manthey

Beschneidungsamulett, 19. Jahrhundert (Foto: Museum)

"Glaubst Du an den bösen Blick?" Unter diesem Titel zeigt das Jüdische Museum München Schutzamulette.

Lilith, die erste aller Frauen: Der Mythologie nach soll Gott sie Adam als erste Frau zur Seite gegeben und sie später aus dem Garten der Inanna vertrieben haben. Sie gilt nicht nur als Mutter vieler Dämonen und als Herrscherin der Finsternis. Ihr wird auch nachgesagt, den bösen Blick zu besitzen und des Nachts Menschen heimzusuchen und auf manigfaltige Weise Kindstod zu verursachen. Gegen diesen weiblichen Dämon und andere finstere Mächte versuchte sich der Volksglauben durch Gebete und Segenssprüche, aber auch durch Amulette zu schützen.

In der Ausstellung sind süddeutsche Amulette aus dem 18. und 19. Jahrhundert bis zu Amuletten aus der Gegenwart zu sehen. Gebräuchlich waren Papieramulette, die als sogenannte Schutzblätter oder Kindsbettbriefe an Hauseingängen und Fensteröffnungen, aber auch an den Vorhängen des Wochenbetts angebracht wurden, um durch die magische Kraft ihrer Inschriften Lilith oder den bösen Blick anderer Dämonen zu vertreiben. Oftmals wurden derartige Kindsbettbriefe paarweise angefertigt, da man nicht wusste, ob die Frau einen Jungen oder ein Mädchen auf die Welt bringen würde.  Diese Papieramulette, die meist durch einen Ba'al Scheim, einen Wunderrabbi bedruckt wurden, trug man aber auch am Körper.

Mittelpunkt der Ausstellung bildet ein Beschneidungsamulett aus dem 19. Jahrhundert, das im Besitz des Göppinger Justizrats Hermann Raff stand und dem Museum 2007 durch dessen Enkel Thomas Raff geschenkt wurde. Es ist eine Rarität, denn derart gut erhaltene Beschneidungsamulette  sind selten. Sie wurden dem Jungen nach der Geburt bis zu der acht Tage später vollzogenen Beschneidung angelegt, da man glaubte, dass das Kind bis zu diesem Tag dem bösen Blick und vor allem Lilith ausgesetzt war. Das Dreieck am unteren Ende symbolisiert das weibliche Geschlechtsteil. Die bösen Mächte sollten dadurch über das Geschlecht getäuscht werden, denn Mädchen waren nach dem Volksglauben weniger durch den bösen Blick gefährdet als Jungen.

Es werden auch Schutzamulette aus jüngerer und jüngster Zeit gezeigt. Bemalte Handamulette, eine Hamsa an roter Kordel oder eine Anstecknadel für die Wiege mit blauem Auge. Hierbei verschweigt die Ausstellung nicht den Verlust der Bedeutung dieser Amulette, die heute häufig nur noch als Glücksbringer im weitesten Sinne oder als Touristensouvenir Verwendung finden.

Bis zum 6. November im Jüdischen Museum München, täglich außer Mo. von 10-18 Uhr.

Veröffentlicht am: 25.05.2011

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