Herzblut ist dicker als Tinte - zum Abschluss des Mayr-Festivals in der Region Ingolstadt

von Jan Stöpel

„Amore non soffre opposizioni“ in Neuburg. Foto: Regine Heiland

Napoleon wollte ihn als Direktor der Pariser Oper, Stars wie Donizetti lernten bei ihm ihr musikalisches Handwerk – und die Nachwelt vergaß den Komponisten Johann Simon Mayr schnöde, trotz seines umfangreichen Oevres von 60 Opern und hunderten kirchenmusikalischen Werken. Mit einem Festival, das an diesem Wochenende ins Finale geht, bemüht sich die Region Ingolstadt, den Komponisten mit einem Festival wieder ins Gedächtnis zu rufen. Ein lohnender und erfreulicher Versuch, wie die Bayerische Theaterakademie im Schlosstheater Neuburg kürzlich mit der Oper „Amore non soffre opposizioni“ bewies.  Liebe duldet eben keine Widerstände.

Außer Juristen und Steuerberatern mag vermutlich kein Mensch Papierkram, und auch bei besagten Species wird die Zuneigung zum kleinkarierten Blattsalat eher aus beruflichen Gründen erwachsen. Um so schlimmer zunächst für alle Beteiligten, dass auf der Bühne immer irgendetwas Geschriebenes herumliegt, da kann man herumräumen, so viel man mag: Hier ein Brief (ein falscher, womöglich), da ein Vertrag, Ehegeschäfte... Allein, gegen die Liebe gibt es am Ende kein Mittel, am Ende findet zusammen, was zusammengehört: Die Liebenden stiften einander selbst ihren Bund, die nur noch hinderlichen Väter werden in einer drolligen Szene einfach miteinander vermählt. Wer sonst sollte mit diesen alten Knackern etwas anfangen können außer ihresgleichen?

Herzblut ist halt doch dicker als Tinte und taugt insofern auch, dem nahezu in Vergessenheit geratenen Werk von Johann Simon Mayr neues Leben einzuhauchen. So frisch, wie ihn Regisseurin Lena Kupatz, ihre Ausstatterin und Bühnenbildnerin Agathe MacQueen und ihre Darsteller im Rahmen der Simon-Mayr-Festspiele in der Region Ingolstadt auf die Bühne des Neuburger Schlosstheaters zaubern, kann das was werden mit der Renaissance Mayrs. Das kleine Ensemble überzeugt durchwegs, auch wenn etwa Monika Lichtenegger als Elmira fast schon ein wenig kräftig für den kleinen Theaterraum klingt. Wie fast schon typisch für Produktionen der Theaterakademie August Everding mischen sich in diesem Falle schöne, begabte Stimmen mit darstellerischem Talent, Charme und einer frischen Inszenierung: eine Komödie, die ihre Figuren mag und nicht denunziert.

Wie Laura Faig mir weichem, lyrischem Sopran und mal schelmischem, mal naiven Spiel als Gelmina auf Gattenjagd geht, ist einfach herzallerliebst. Und der Elmira von Monika Lichtenegger nimmt man auch die erotische Ambivalenz der als Zofe getarnten Traumfrau ab. Da wirkt alles Trachten und Handeln der Männer nur noch drollig; Giulio Alvise Caselli bringt den Argante intrigant und doch nie abscheulich, auch der Policarpo von Philipp Gaiser ist bei allem Ungeschick letztlich ein liebender Vater. Warum Ernesto (Richard Resch) so leichtfertig Unterschriften verteilt und alles glaubt, was man ihm sagt, bleibt (wie so oft in der Oper jener Zeit) letztlich Geheimnis des Librettisten (Giuseppe Maria Foppa), lässt sich aber derweil gut anhören. Und der Matorello von Josef Zwink entspricht dem Urtyp des dienstbaren Geistes in der Opera buffa: Manchmal gewitzt, manchmal sich selbst überschätzend, meist besser als sein Herr und Meister.

Noch einmal „Amore non soffre opposizioni“ - auf der Suche nach Simon Mayr. Foto: Regine Heiland

Eine Hauptrolle spielt bei den Festspielen unter seinem Namen natürlich Johann Simon Mayr, „einer der Unseren“, wie es ein Vorredner im Namen der Regionalinitiative etwas drollig betonte. Die Musik des 1763 in Mendorf geborenen und 1845 in Bergamo gestorbenen „Vaters der italienischen Oper“ ist jedenfalls den großen Aufwand wert, in diesem Fall zumal, wo die für uns Heutige mitunter faden Rezitative gegenüber der Arie deutlich zurücktreten. Und selbst in die musikalischen Dialoge bringt das von Franz Hauck sicher und mit leichter Hand geleitete East-West European Chamber Orchestra eine lockere Note: wenn Matorello hektisch wird, schleicht sich da ein Ragtime in die Begleitung, und Beethovens Schicksalsthema aus der 5. Symphonie kündet Entscheidendes an. Ein pfiffiger Opernspaß, dieses entstaubte Mayr-Werk, so etwas wie das fehlende Glied zwischen Mozart und dem Belcanto.

Nach dem Neuburger Gastspiel bringt die Theaterakademie die oper "Amore non soffre opposizioni" am 18. und 19. Juni in der Reaktorhalle in München erneut auf die Bühne. Die Johann-Simon-Mayr-Festspiele in der Region Ingolstadt enden mit drei Konzerten: Am Samstag, 21. Mai, 19.30 Uhr, gibt es in der Wllfahrtskirche Heilig Kreuz in Bergen ein Kirchenkonzert mit Werken von Mayr, Mozart, Haydn und Mysliveck. Ein Festspielgottesdienst mit Mayrs Missa Es-Dur für Soli, Chor und Orchester wird am Sonntag, 22. Mai, um 10 Uhr in der Asamkirche Maria de Victoria abgehalten. Mit dem Abschlusskonzert - gespielt wird die Grande Messa di Requiem G-Moll von Mayr - ebenfalls am Sonntag, 18 Uhr, enden die Festspiele im Eichstätter Dom.

 

Veröffentlicht am: 20.05.2011

Audioausgabe des Artikels
Hören Sie sich hier die Audioausgabe des Artikels an, gesprochen von Christian Weiß:

Über den Autor

Jan Stöpel

Weitere Artikel von Jan Stöpel:
Andere Artikel aus der Kategorie

Artikel kommentieren...






Reload Image