Der Aufbau im Bild. Der Niedergang auch?

von Achim Manthey

Franz Hanfstaengl, Belastungsprobe der Großhesseloher Brücke, München 1857 (c) Münchner Stadtmuseum

In der Ausstellung "Industriezeit. Fotografien 1845 - 2010" zeigt die Sammlung Fotografie des Münchner Stadtmuseums mit 150 Originalaufnahmen die Entwicklung der Industriefotografie von den Anfängen bis in die Gegenwart.

Es war ein spektakuläres Ereignis. Langsam rollte die Dampflokomotive mit 15 Waggons im Schlepptau auf die Großhesseloher Brücke. Hält sie? Der königliche Hoffotograf Franz Hanfstaengl hat diese Szene, eine Materialbelastungsprobe, die bei neu errichteten Eisenbahnbrücken erforderlich war, 1857 im Bild festgehalten. So ganz naturgetreu erscheint die Szene nicht. Das im sicheren Abstand zum Bauwerk abgebildete Publikum, Damen und Herren im Flaniergewand und desinteressiert am Geschehen hoch über den Köpfen, wirkt arg drappiert. Unüblich war das nicht in den Anfangsjahren der Industriefotografie. Um mehr Lebendigkeit in den Aufnahmen zu erzeugen, wurden Statisten eingesetzt. Schon drei Jahre zuvor, 1854, hatte der Fotograf den Bau des Münchner Glaspalastes und die erste Allgemeine Deutsche Industrie-Ausstellung dokumentiert. Hanfstaengl, der sich in der Münchner Gesellschaft zunächst als Portraitlithograf und -fotograf großer Beliebtheit erfreute und zeitweise den Spitznamen " Graf Litho" trug, hatte sich neben Joseph Albert und Georg Böttger frühzeitig auf diese Art der dokumentarischen Fotografie spezialisiert.

Mitte des 19.Jahrhunderts erhielten Fotografen immer häufiger den Auftrag, den Fortschritt von Bauvorhaben bei öffentlichen Bauwerken und Industrieanlagen zu dokumentieren. Architekten, Ingenieure und Bauherren, die nicht ständig auf den Baustellen anwesend sein konnten, wurden so über den aktuellen Stand der Dinge auf dem Laufenden gehalten. Und immer öfter wurden die Bilder zur Imagewerbung auf Industrie- und Weltausstellungen verwendet. Exemplarisch hierfür steht die in der Ausstellung gezeigte Aufnahme "Belegschaft der Lokomotiv-Fabrik Maffai anlässlich der Herstellung der 500. Lokomotive" München-Hirschau von 1864.

Spektakulär sind die Aufnahmen des Danziger Fotografen Rudolf Theobald Kuhn, der die Neuregulierung der Weichselmündung dokumentierte. Höhepunkt war der Dünendurchstich am 31. März 1885 bei Schiewenhorst, den der Fotograf in halbstündigem Abstand mit der großformatigen Plattenkamera festgehalten hat. Sechs Aufnahem dieser Reihe sind in der Ausstellung zu sehen. Aber auch kleinere Ereignisse, wie der Stapellauf des Dampfers "Maximilian" auf dem Starnberger See 1851 oder die Befestigung des Isar-Ufers 1893 wurden festgehalten. Die Fotografen sind hier häufig anonym.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wandelt sich die Betrachtungsweise. Der Mensch rückt in den Vordergrund. In den Fotografien spielen auch die Arbeiter und ihre Arbeits- und Lebensverhältnisse eine Rolle. Aufnahmen von August Sander, 1926 - 1928 entstanden, zeigen die Menschen bei ihrer Arbeit.  Erich Retzlaff portraitiert Arbeiter. "Schweißperlen", ein besonders beeindruckendes Portrait.

Peter Keetman, Karosserien, aus der Serie: Eine Woche im VW-Werk, Wolfsburg 1953, Münchner Stadtmuseum (c) Museum Folkwang, Essen

Die Stunde Null. Nach Ende des 2. Weltkrieges entsteht eine Art Ruinenromantik. Was Herbert List mit seinen Münchner Trümmerbildern festhielt, dokumentiert Ludwig Windstosser mit demontierten Industrieanlagen. Das Wirtschaftwunder der 1950er Jahre wird durch Aufnahmen aus dem Bergbau und der Stahlindustrie gezeigt.

Losgelöst von Arbeitsbedingungen, konzentriert ausschließlich auf das Serielle, sind die Fotos von Peter Keetman aus der Reihe "Eine Woche im VW-Werk", 1953 in Wolfsburg entstanden. Am Fließband entsteht der Käfer, Stapel von Fahrzeugdächern, Kotflügeln bildet der Fotograf ab. Fotos von realistischer Schönheit.

Und wieder ändern sich die Sichtweisen. In seiner 1942 entstandenen Serie "What about Steel" zeigt Josef Breitenbach Stahlabfälle, Schrott. Die Aufnahme "Industrieanlage und Kirche bei Essen", 1962 von Stefan Moses gefertigt, dokumentiert, dass der Kirchturm längst nicht mehr das höchste Gebäude der Landschaft ist. Die Schlote dominieren. "Eine Photographie der Kruppswerke  oder der AEG ergibt beinahe nichts über diese Institute, Die eigentliche Realität ist in die Funktionale gerutscht", sagt Bertold Brecht. Die ab 1959 entstandenen Abbildungen von Bernd und Hilla Becher, Wasser- und Fördertürme, Kalköfen, halten dies fest.

Bruce Davidson, Wales, 1965, Münchner Stadtmuseum (c) Magnum Photos

Erste Industriereportagen erscheinen. Die Reihe "Welch" zeigt Bilder des Fotografen Bruce Davidson von 1965, unter anderem eine Hochzeit vor Kraftwerksmeilern. Günter Hildenhausen fotografiert 1973 in einer Werkstatt für behinderte Menschen. Und dann gibt es den Wandel zu sehen. Von 1992 bis 2002 dokumentiert Joachim Brohm in der Serie "Areal" die Entstehung der Parkstadt Schwabing in München, den Wandel von einer Gewerbe- und Industriezone in ein Dienstleistungs- und Wohngebiet. Industrieruinen zeigt Renate Niebler mit ihren 2006 entstandenen Aufnahmen der gestorbenen Maxhütte. Und auch das Mobiltelefon muss eine Rolle spielen. In der Reihe "New Trees" dokumentiert Robert Voit eine neue Pflanzenart, die "Funkbäume". Sendeanlagen, die in Bäume montiert sind. Eine Perversion menschlichen Fortschrittsglaubens. Es lässt sich nicht mehr unterscheiden, was noch Natur und was nur noch optische Täuschung ist.

Das Stadtmuseum zeigt eine reichhaltige, anspruchsvolle Ausstellung. Sie korrespondiert stellenweise mit der zeitgleich gezeigten, hier ebenfalls besprochenen Ausstellung "Fotografie für Architekten" in der Pinakothek der Moderne, ohne dass sich die beiden Veranstaltungen ins Gehege kämen.

Die Ausstellung "Industriezeit. Fotografien 1845 - 2010" ist bis zum 11. September 2011 im Münchner Stadtmuseum zu sehen. Zur Ausstellung ist ein empfehlenswerter Katalog erschienen.

Veröffentlicht am: 26.04.2011

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