Ein Fundus an Nasen reicht nicht

von Achim Manthey

In der Ausstellung "Das war spitze! Jüdisches in der deutschen Fernsehunterhaltung" zeigt das Jüdische Museum München - ja was eigentlich?

Hans Rosenthal 1971 (c) ZDF

Selbst wenn man es nie selbst gesehen hat, man hat doch davon gehört und kennt den Spruch. Hans Rosenthal, wie er in der Fernsehshow "Dalli Dalli" mit angewinkelten Beinen - vom Fernsehbild kurz eingefroren - hochhüpft und ins Publikum "Sie sind der Meinung, das war ...." ruft, das wie ein Echo das geforderte "Spitze" zurückschallen lässt.

Hans Rosenthal (1925 - 1987)war Fernsehstar, Publikumsliebling, der Luftsprung wurde sein Markenzeichen. Dass er jüdischer Herkunft war, hat er, worauf Christian Ude in seiner Eröffnungsrede zur Ausstellung zutreffend hinwies, selbst nie thematisiert, das Publikum, die Fangemeinde hat dies nicht zur Kenntnis genommen, auch nicht interessiert.

Ähnlich erging es ab den 1950er Jahren dem als Schauspieler, Quizmaster, Moderator und Hörspielsprecher und -regisseur sehr erfolgreichen Fritz Benscher (1906 - 1970), dessen unter der Federführung des Bayerischen Rundfunks ausgestrahltes Tick-Tack-Quiz in den 1960er Jahren Kultstatus besaß.

Was war, was ist das jüdische in der deutschen Fernsehunterhaltung? Die von Ulrike Heikaus kuratierte Ausstellung findet hierauf keine Antwort. In 10 Stationen wird der Versuch einer "mentalitätsgeschichtlichen Reise" durch die heimischen Wohnzimmer versucht. Strategien bei der filmischen Darstellung "jüdischer" Themen und Figuren sollen nachgezeichnet werden. Gut. Aber was wird gezeigt? Hans Rosenthal, dessen Witwe und Sohn bei der Ausstellungseröffnung anwesend waren, erhält in der Ausstellung breiten, biografischen Raum. Terminkalender, Eintrittskarten, Fotos von Auftritten, sein Reisekoffer werden gezeigt. Spezifisch jüdisch ist das nicht und wird es auch nicht dadurch, dass  er in einer in Ausschnitten widergegebenen Talk-Sendung kluge Stellung bezogen hat zu Fragen seiner Zeit. Ein Hinweis auf die von ihm 1983 nach dem Buch von Curth Flatow moderierte ARD-Show Das gibt's nur einmal - Noten die verboten wurden fehlt völlig. Seine Schlussconference von damals hätte Ansatzpunkt sein können: "Vor 50 Jahren fing alles an, und wir können nur hoffen, dass diese Vergangenheit keine Zukunft hat." Die Ausstellung verpasst das.

Ein Fundus an Kröpfen fehlt, OB Christian Ude bei der Eröffnung (Foto: Achim Manthey)

Esther und Abi Ofarim, Daliah Lavi wecken beim Betrachter, der sie in ihrer Zeit erlebt hat, Erinnerungen, schöne Erinnerungen. Auch sie sind kein Muster jüdischer Elemente in der Fernsehunterhaltung, weil sie durch ihre Musik, ihre Performance und nicht als Menschen jüdischen Hintergrunds aufgefallen sind. Die Abstammung spielte für das Publikum schlicht keine Rolle. Es geht halt, und hier verfehlt die Ausstellung ihr Thema, nicht darum, welche Menschen jüdischer Herkunft in der deutschen Fernsehunterhaltung eine Rolle gespielt haben. Michel Friedman wird gezeigt mit Ausschnitten aus seinem Fernsehtalk, ein Mann, der aneckt, aber nicht, weil er jüdischer Herkunft ist, sondern weil er klare, auch überspitzte Meinungen vertritt, die man nicht teilen muss.

Klarer wird die Ausstellung, wenn sie das Klischeehafte bei der Darstellung jüdischer Menschen in Fernsehsendungen dokumentiert. So gibt es bei den Fernsehanstalten einen Fundus an Nasen für den Fall, dass Menschen jüdischer Herkunft darzustellen sind. Peinlich, berührend. Christian Ude warf in diesem Zusammenhang zu Recht die Frage auf, ob es für die Darstellung bayerischer Menschen auch einen Fundus an Kröpfen gäbe, weil dies hierzulande nun  einmal und nicht selten vorkäme.

Gesammelte Seherreaktionen (Foto: Franz Kimmel)

Zwei Tatort-Krimis, die im orthodoxen jüdischen Millieu spielten, Ausschnitte aus dem Mehrteiler " Berlin, Berlin" sowie der "Lindenstraße" sollen Beispiele geben für die Darstellung jüdischen Lebens im Fernsehen. Dass da dann Schimanskis Jacke über einem Notarztkoffer hängt, nun ja.

Der Besucher erfährt einiges über die Geschichte der Fernsehunterhaltung von den 1950er Jahren bis heute, aber wenig über Jüdisches in der deutschen Fernsehunterhaltung. Das mag daran liegen, dass es nur wenig spezifisch Jüdisches gab. Die von den Ausstellungmachern gewählten Protagonisten, die für das Thema der Ausstellung stehen sollen, sind gerade keine Musterbeispiele dafür. Der zur Ausstellung erschienene, ebenfalls von Ulrike Heikaus verantwortete Katalog bietet da mehr.

Die Ausstellung "Das war spitze!  Jüdisches in der deutschen Fernsehunterhaltung" ist bis zum 6. November im Jüdischen Museum München, St.-Jakobs-Platz 16, Di. bis So. vom 10 bis 18 Uhr zu sehen. Zur Ausstellung ist für 18 Euro im Klartext Verlag ein Katalog erschienen.

Veröffentlicht am: 16.04.2011

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