Mit dem iPhone in die Vergangenheit: Wie der App Hipstamatic digitale Fotografie und Impressionismus zusammenbringt

von Achim Manthey

"She's looking at you, Kid (c) Nikolai Karo 2011

Für 100 Tage hat sich der Filmemacher Nikolai Karo in den Hipstografen Bob Fad verwandelt. Das Ergebnis ist in der Ausstellung "Life's a Hipsta" in München zu sehen.

Eine Trauung auf dem Land. Die dralle Standesbeamtin, eingezwängt in ein Dirndl, nimmt die Brautleute vor dem Schwur ins Gebet. Könnte ja sein, dass der Wahn kurz war und die Reue lange währt. Das Foto mit dem Titel "Reality Show" wirkt, als sei es in den 1960er Jahren mit einer billigen Instant-Kamera entstanden. Aufgenommen hat es Nikolai Karo 2010 mit dem iPhone und der App Hipstamatic. Zwischen August und November 2010 entstanden zahlreiche Aufnahmen in dieser digitalen Technik, die nun in der Fotogalerie im Blauen Haus in München gezeigt werden.

Es sind eigenartige Fotos. Sie wirken, als seien sie mit alten Analogkameras aufgenommen. Grüne, rote oder blaue Farbstiche lassen die Bilder aussehen, als zerstöre sich die Farbschicht gerade von selbst. Das ist gewollt. Hipstamatic markierte einen Retro-Trend in der Fotografie. Die Bilder entstehen frei von jeglicher technischen Finesse und kommen so, wie sie aufgezeichnet wurden, aus dem Mobiltelefon. Der Fotograf - oder sollte man ihn besser den Aufnehmer nennen - muss sich nicht mehr mit den technischen Feinheiten seiner Kamera auseinandersetzen. Er kann sich ganz auf das Motiv konzentrieren. Die App ermöglicht ihm in ganz beschränktem Rahmen, Effekte zuzuschalten, sodass Aufnahmen in Schwarzweiß oder Sepia entstehen können.

Der Name des Programms leitet sich ab von einer 1982 durch die Brüder Bruce und Winston Dorbowski in den USA entwickleten Billigkamera aus Plastik, der "Hipstamatic 100", von der nur 157 Stück produziert worden sein sollen. Sie gilt unter Sammlern als Rarität und wird entsprechend hoch gehandelt.

"Abchillen" (c) Nikolai Karo 2011

Der 51-jährige Filmemacher Nikolai Karo, der in München lebt und arbeitet, ist ein Anhänger der analogen Fotografie. "Die Hipsta-Bilder", meint er, "geben unsere Stimmungen, Empfindungen und Erlebnisse am stärksten wider. Das mag damit zu tun haben, dass das Bild im Kopf des Betrachters entsteht und der extreme Realismus der digitalen Fotografie für unsere eigene zeitversetzte Sehweise keinen Raum mehr bietet" (Quelle: fine art printer 02/2011). In der Tat: die Fantasie des Betrachters wird in besonderem Maße gefordert. Auf Figürlein reduzierte, entpersonalisierte Menschen spielen auf einer Sanddüne in der Aufnahme "At the Play in the Fields of the Lord". Der "Freiherr", ein weitgehend kahlköpfiger Mann sitzt inmtten ansonsten freier Kinosessel, "Der weiße Prinz", ein Mann in weißer Uniform, die Schirmmütze in der Hand, durcheilt eine Hotellobby, "Abchillen", Erholung in der Sonne am Pool, zwei Frauen und ein Junge im Vordergrund, Taschenbücher in der Hand, ein deutsches Urlaubsidyll in grellen Farben. Durch die Kälte erstarrte Disteln in der Aufnahme "Frozen Creatures". "Pissort" zeigt genau das. Das alles wirkt weit, weit weg - und ist doch so nah.

Die Ausstellung zeigt etwa 50 Fotografien. Durch die Vergrößerungen lösen sich die Motive weiter auf, verschwimmen, erscheinen als impressionistische Gemälde. Von den Aufnahmen geht ein ganz besonderer Zauber aus. Sie sind schrill, brüllen den Betrachter an mit ihren grellen Farben.  Zugleich sind sie intim, berührend.  Die Ausstellung weicht von herkömmlichen Fotopräsentationen ab, ist interessant und sehenswert. Das iPhone sollte man beim Besuch abschalten, um sich ungestört einlassen zu können auf das Gezeigte.

Die Ausstellung "Life's a Hipsta" ist bis zum 07. Mai 2011 in der Fotogalerie im Blauen Haus, Schellingstraße 143 in München, Di. - Fr. 15 - 19 Uhr, Sa. 11 - 16 Uhr, oder nach Vereinbarung zu sehen. Der Eintritt ist frei. Kontakt 089-700 969 44. Das Buch zur Ausstellung mit 100 Farbseiten ist für 35 Euro erhältlich.

Veröffentlicht am: 07.04.2011

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artivity
07.04.2011 17:25 Uhr

Danke für den Ausstellungstipp!

Hipstamatic macht Spaß, wenngleich etwas umständlich zu bedienen. Bekannt wurde die App übrigens durch die (deshalb umstrittenen) Kriegsfotos von Damon Winter in der NYT: http://www.nytimes.com/2010/11/22/world/asia/22grunts.html

BTW / Für Videos gibts eine ähnliche Retro-App "8mm" - testen!

Achim Manthey
07.04.2011 17:50 Uhr

Gerne und im Namen des Kulturvollzugs danke für Ihren Tipp.

Kulturvollzug.de: Niko Karo & die Hipstamatics
11.04.2011 09:35 Uhr

[...] https://kultur-vollzug.de/2011/04/07/mit-dem-iphone-in-die-vergangenheit/ [...]

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