Fischfänger und die Entstehung der Genesis

von Achim Manthey

Rest, on board of the Spanish trawler "Rowanlea" (Foto u. Copyright: Jean Gaumy/Magnum Photos, courtesy Galerie Clair)

Die Galerie Clair bringt das Meer nach München. Zu sehen sind etwa 50 Bilder des französischen Fotografen Jean Gaumy.

Starkwind. Der Atlantik brodelt. Bäumt sich auf. Ein Trawler quält sich durch die Wellenberge, Brecher schlagen über ihm zusammen, werfen ihn von Luv nach Lee. Wassermassen ergießen sich über die alten Planken.  Es ist kalt, nass. Die Männer an Bord sind müde, lehnen, halten sich an der inneren Reling. Schutz vor dem Wasser finden sie nicht. Abgespannte, leere Gesichter, die vor sich hinstarren, rauchen. Andere, die mit trotzig auseinandergestellten Beinen dem aufbockenden Schiff standhaltend ihre Arbeit tun. Geredet wird nicht viel. Mit an Bord ein Fotograf, der die Szenen festhält.

Jean Gaumy, 1948 im Südwesten Frankreichs geboren und aufgewachsen, begann 1969 während des Studiums für eine Zeitung in Rouen zu schreiben und zu fotografieren. 1973 trat er in die Bildagentur Gamma ein, 1977 wurde er Mitglied der Magnum Photos, deren Europa-Direktor er heute ist.

1975 durfte er den Krankenhausalltag von Ärzten, Pflegekräften und Patienten in Frankreich dokumentieren. Diese Arbeit, durch die er bekannt wurde, geriet zu einer eindringlichen Schilderung der dortigen Zustände und des französichen Gesundheitswesens in jener Zeit. Als erstem Bildjournalisten wurde ihm die Arbeit in einem französischen Staatsgefängnis gestattet. Es entstand der 1983 erschienene Bildband Les Incarcérés. Als Bildreporter für Magnum Photos war er auf der ganzen Welt unterwegs, bereiste Afrika, Mittelamerika, den Nahen und Mittleren Osten, berichtete aus den Krisen- und Kriegsgebieten dieser Welt. Für seine Arbeiten wurde er 2001 und 2010 mit dem Prix Nadar, dem französichen Fotobuchpreis ausgezeichnet. Seit 1980 dreht Gaumy darüber hinaus viel beachtete Dokumentarfilme. Für seinen neuesten Film Sous-Marin durfte er an einer Geheimoperation der Französischen Marine, deren offizieller Fotograf er seit 2008 ist, an Bord eines Atom-U-Boots im Nördlichen Eismeer teilnehmen. Es entstand eine fünfteilige Dokumentation, die europaweit im Fernsehen zu sehen war. Jean Gaumy lebt mit seiner Frau Michelle in Paris und in der Haute Normandie.

Die See, immer wieder die See. Sie ist das Thema seines Lebens.

On board of the Spanish trawler "Rowanlea" (Foto und Copyright Jean Gaumy/Magnum Photos, courtesy Galerie Clair)

Zwischen 1984 und 1998 begleitete Jean Gaumy immer wieder  die Besatzungen auf den Fischerei-Trawlern auf ihren wochenlangen Fangreisen. Bei der ersten Reise wollte er einfach nur weg, raus aus seinem Alltag, erzählt der Fotograf bei einem Gespräch,  das der Autor anlässlich der Ausstellung exklusiv für  den Kulturvollzug mit dem Fotografen führen konnte. Mental angeschlagen, müde, ausgebrannt sei er gewesen. Also aufs Schiff. Die Besatzung war zunächst mißtrauisch. Gäste kannten sie nicht an Bord. Ein Mann, der mitfuhr, aber nicht mitarbeitete an dem Fisch. Gaumy gelang es trotzdem  schnell, das Vertrauen der Männer zu gewinnen.

Auf den Reisen sind eindrucksvolle Fotografien entstanden. Sie zeigen das harte Leben an Bord. Fischfang war Knochenarbeit. Die alten Kutter waren nicht zu vergleichen mit den modernen, schwimmenden Fischverarbeitungsfabriken. Die Netze wurden seitwärts ausgebracht und eingeholt, die Kontrolle der Trossen, die sie hielten,  war lebensgefährlich. 300 Tage im Jahr waren die Leute auf See, auf der Suche nach dem Fisch. Auswerfen, einholen, verarbeiten und auf Eis legen. Monotonie des Alltags, die an den Kräften zehrt. Auch das zeigen die Bilder.

Daneben sind Bilder vom Meer zu sehen, seine Weite, sein Aufbäumen. Inmitten der ruhigen See erheben sich unvermutet Wasserwirbel, Wellengebilde, Gischt steigt auf. "Als ich die Fotos später sah", sagt Jean Gaumy, "dachte ich, ich hätte die Entstehung der Genesis abgebildet".

Immer wieder gab es Phasen, in denen der Mensch für den Bildreporter in den Hintergrund trat. In der Abbildung des Havaristen an der Küste sind nur noch Menschlein zu sehen, ebenso bei dem 1993 enstandenen Foto der Pont de Normandie in Le Havre.

Ein Pferd wälzt sich im Gras. Die 2006 entstandene Aufnahme ist ein Suchbild. Sie lässt nicht mehr erkennen, wo vorn und hinten, wo oben oder unten ist. Erst mit Abstand dies wird erkennbar. Die jüngeren Fotografien sind abstrakter, wie die Aufnahmen aus dem Bergwald. "Ich werde vom Seemann zum Alpinisten", meint der Fotograf.

Village of Burano (Foto und Copyright Jean Gaumy/Magnum Photo, courtesy Galerie Clair))

Auch witzige Momentaufnahmen sind in der Ausstellung zu sehen. Die alte Malerin in Venedig, die vom Sturm überrrascht wird, weitermalt, die Frisur stromlinienförmig und im windgerichteten Einklang mit der Palme, unter der sie sitzt.

Daneben sind Fotos von Reisen nach Afrika und Mexiko zu sehen. Spannend anzuschauen sind auch die Prints von Polaroid-Negativen. Besonders interessant sind die in der Ausstelllung gezeigten Kontaktbögen, anhand derer sich plastisch nachvollziehen lässt, wie der Fotograf zu der Auswahl der dann gezeigten Fotografien gekommen ist. Sein einziges Konzept sei, so Jean Gaumy, die Realität zu akzeptieren und zu zeigen.

Es ist eine vielfältige, spannende Ausstellung. Die See und der Kampf des Menschen mit ihr war in dieser Intensität in München seit der Ausstellung in der Neuen Sammlung 1998 mit Bildern von Andreas Feininger nicht zu sehen. Es sind Bildreportagen auf höchstem Niveau und in bester Tradition. Die Galerie Clair präsentiert hier ein weiteres Mal ganz besondere Fotografie eines auch außerordentlich sympatischen, bodenständigen und unprätentiösen Fotografen. Wir empfehlen die Ausstellung ohne Einschränkung.

Die Ausstellung Jean Gaumy, Fotografien, ist bis zum 30. April mittwochs bis samstags  von 15 bis 19 Uhr oder nach Vereinbarung in der Galerie Clair, Franz-Joseph-Str. 10 in München zu sehen. Der Eintritt ist frei. Kontakt: 089-3866743.

Wrack der "Appolonia Wave" (Foto und Copyright Jean Gaumy/Magnum Photos, courtesy Galerie Clair)

 

Seine-Maritime, Pont de Normandie (Foto und Copyright Jean Gaumy/Magnum Photos, courtesy Galerie Clair)

Veröffentlicht am: 25.03.2011

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