Triumph der Farbe

von Jan Stöpel

[caption id="attachment_6188" align="alignright" width="120" caption="Cornelius Völker Lippen, 2005 © VG Bild-Kunst"][/caption]"Zu sehen, was man mit Farbe alles machen kann, fasziniert mich immer wieder aufs Neue", sagt Cornelius Völker - und liefert in seinen Bildern den überzeugenden Beleg für diese Faszination. Die Villa Stuck widmet dem Schaffen des Kronachers von 1990 bis 2010 eine großartige Ausstellung.

Was malt dieser Maler alles, oder vielmehr: Was malt er eigentlich nicht? Männer mit schlaffer Körperhaltung, Frisuren, Müll, Tampons (offenbar gebraucht), Teebeutel, Menschen auf dem Badehandtuch, Hunde, eine überfahrene Taube. Mit einer Serie dürfte Cornelius Völker (geboren 1965) in die Kunstgeschichte eingegangen sein: War er nicht der Erste, der Meerschweinchen malte? Ziemlich banal klingt das. Dinge des Alltags auf die Leinwand bannen: Kennen wir das nicht schon aus der Pop Art? Nein, jedenfalls nicht so, farbensprühend, beunruhigend, ironisch, wie mit leichter Hand gemalt.

[caption id="attachment_6190" align="alignleft" width="101" caption="Cornelius Völker Spargel, 2004 © VG Bild-Kunst"][/caption]Völker ködert uns mit opulent farbigen Bildern – und konfrontiert uns dann mit festgefahrenen Wahrnehmungsmustern. Die Pistolen: Sind sie nicht schön, so wie sie Völker gemalt hat? Der Abfall, der sich über ein Tryptichon dreier Leinwandgevierte im Riesenformat ausdehnt: Den ekligen Hinterlassenschaften gewinnt Völker, auf einmal ganz nah am abstrakten Expressionismus, ästhetischen Reiz ab. Was auch seiner souveränen Kunst als Maler zu schulden ist. Im kleinen wie im großen Format demonstriert Völker außerordentliche Kunstfertigkeit und Kenntnis, bietet Sinnesreiz und gleichzeitig Stoff zum Grübeln. Diese Spargelstangen, konserviert im Glas: Habe ich die nicht schon irgendwo gesehen? Da zitiert der Kronacher vermutlich spaßig aus der Kunstgeschichte, Manets Spargelbündel dürfte hier Pate gestanden haben.

Nicht die einzige Anspielung, auf die man in dieser bemerkenswerten Ausstellung stößt. Malen kann Völker, Humor hat er auch. Das wirklich Begeisternde an dieser Ausstellung in der Villa Stuck aber ist die Liebe Völkers zur Farbe. Eigentlich möchte man sich zunächst nur an der Buntheit seiner Bilder sattsehen. Immer wieder aber schaut man genauer hin – und entdeckt Erstaunliches. Mal mit feinem Pinsel aufgetragen, mal aufgespachtelt, mit grobem Pinsel moduliert, gewinnt der Ausgangsstoff der Ölfarbe plastische Qualität. Die Haare der Hunde sind mit dem Pinselstrich gebürstet, die Wellen, in denen ein Schwimmer kämpft, scheinen sich aus der dick mit Pinsel aufgetragenen Materie gebildet zu haben.

[caption id="attachment_6193" align="alignright" width="225" caption="Cornelius Völker Hände, 2003© VG Bild-Kunst"][/caption]Die Farbe verwendet Völker nicht nur als Modeliermasse, mit ihr isoliert er auch seine Objekte. Von einer Frau sieht man nur die Leibesmitte, bekleidet mit einem – was sonst – bunten, kurzen Rock. An ihrer Seite baumeln die Arme nicht einfach herunter – die geballten Fäuste geben dem Bild „Hände“ eine seltsame Spannung. Nur die Fäuste sprechen in diesem Bild. Denn der Hintergrund ist, wie stets bei Völker, monochrom. Konsequent verweigert er Bezugsräume und Orientierung. So findet sich das Objekt in die Abstraktion geworfen. So viel Kunstfertigkeit, so viel Offenheit und Souveränität in alle möglichen Richtungen: Nicht oft gibt es so gute Gründe, sich eine Ausstellung anzusehen.

Bis 8. Mai. Im Schirmer/Mosel Verlag erscheint demnächst ein hervorragender Katalog mit Abbildungen aller Exponate, Texten von Stephan Berg, Magdalena Kröner, Reinhard Spieler, Bettina Ruhrberg und einem Interview mit Cornelius Völker von Michael Buhrs (49,90 Euro). Erhältlich ist der Band auch im Museumsshop.

Veröffentlicht am: 15.03.2011

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