Michael Buthe im Haus der Kunst und in der Sammlung Goetz

Archaische Transzendenz, spirituelle Strahlkraft

von Roberta De Righi

Michael Buthe, "Taufkapelle für Mama und Papa" (1984), Installationsansicht HdK (Detail). Foto: Maximilian Geuter, VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Er war ein Hohepriester ornamental-versponnener Schönheit, nannte sich „Michel de la Sainte Beauté“. Jetzt kann man das spektakulär eigenartige Oeuvre von Michael Buthe (1944-1994) in einer Doppelausstellung erleben, die zeitgleich im Münchner Haus der Kunst und in der Sammlung Goetz stattfindet. Während man im Haus der Kunst – die Retrospektive ist eine Kooperation mit dem Kunsthaus Luzern und dem Genter S.M.A.K. – einen Überblick über Buthes Gesamtwerk gewinnt, liegt im Hause Goetz der Fokus auf der Freundschaft, die Ingvild Goetz mit jenem seit den 1970er Jahren pflegte.

Sie zeigt nun über 40 seiner Arbeiten, ergänzt um viele Fotografien, welche die Verbundenheit der einstigen Galeristin und Sammlerin mit dem exzentrischen Künstler dokumentieren.

Sein Weg führte ihn von Sonthofen im Allgäu über die Kunstschulen von Kassel und Düsseldorf nach Köln und später Marokko, wo er, vor allem handwerklich, eine Fülle von Inspirationen wahrnahm und verarbeitete. Nicht zuletzt Harald Szeemanns und Jan Hoets Förderung beflügelten vor seinem frühen Tod Michael Buthes internationalen Ruhm. Zunächst aber fand er an Informel und Minimal vorbei zu einer das Sinnliche und das Sakrale verbindenden Kunst, die formal der Arte Povera nahe steht und in seiner egozentrischen Mythologie an Beuys erinnert.

Im Frühwerk sind großformatige Wandobjekte aus zerschnittenen Stoffen, die durch Schichtung dreidimensional werden, und abstrakte Zeichnungen strukturell und formal ähnlich. Doch Buthe strebte weiter, hin zur Raum-Inszenierung, wie nebenan die „Taufkapelle für Mama und Papa“ von 1984 zeigt, in der aus Taufstein und Totems eine Art von synkretistischer Weihestätte entsteht.

Bei seiner Arbeit war ihm der Prozess meist wichtiger als das Ergebnis – was auch dazu führte, dass der genaue Aufbau seiner Installationen nicht dokumentiert ist, und sie heute schwierig originalgetreu zu rekonstruieren sind. Mit kindlicher Begeisterung trug der Künstler Fundstücke wie Schwemmholz, ausrangiertes Geschirr und allerlei Geräte zusammen und baute sich daraus mal ein Pferd (1989), mal ein Krokodil (1973) und mal einen leeren Thron mit Hörnern („Le Roi est mort“, 1974/77). Es entstanden farbsatte und facettenreiche Collagen und Assemblagen – oder beides zugleich wie die leuchtende „Landschaft (Spanische Energie)“ von 1985. Nicht weniger farbtrunken ist das Aquarell „Ourika 9“ (1994), dessen verschlungene Formen beinahe von einem der Tunis-Reisenden Macke oder Klee – allerdings auf LSD – stammen könnten. Seine Tagebücher wiederum sind dicke Folianten wie aus 1001 Nacht.

In der Sammlung Goetz überwiegen Graphisches und großformatige Mischtechniken auf Leinwand, die wie „Im Zeitalter der Fische“ von 1988 durch die Kraft der Farben und die Komplexität der Strukturen bestechen. Der immer wieder vorkommende opulente Dreiklang von Karmin, Purpur und Ultramarin erinnert nicht von ungefähr an die Schätze mittelalterlicher Buchmalerei. Das sichtbare Monument der Freundschaft zwischen Ingvild Goetz und Michael Buthe war schließlich der Bau eines Meditations-„Tempelturms“ im Garten von Goetz‘ spanischem Ferienhaus, den „Michel de la Sainte Beauté“ gestaltete und dessen Einweihungs-Ritus er 1983 organisierte.

Michael Buthe, "Die Heilige Nacht der Jungfräulichkeit" (1992). Installationsansicht HdK (Detail). Foto: Maximilian Geuter, VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Eindrucksvoller Höhepunkt der Ausstellung im Haus der Kunst wiederum ist die Raum-Installation „Die Heilige Nacht der Jungfräulichkeit“, die Buthe 1992 für die documenta IX schuf: Vierzehn monumentale Kupfertafeln, aus deren geschwärztem Grund schemenhaft menschliche Figuren hervortreten. Diese Ritzzeichnungen an den Wänden umgeben einen nestartigen Leuchter in der Mitte, den zwei riesige goldene Eier krönen.

Und auch wenn man Buthes Faible für Sternchen und andere Glimmer-Effekte belächeln sollte, ist es schwer, sich dieser archaisch und authentisch wirkenden Transzendenz und spirituellen Strahlkraft zu entziehen, die diese Inszenierung auch noch in einem nüchternen Saal zu erzeugen vermag.

Wem das an Spiritualität nicht genügt, dem sei noch der Besuch der Paulskirche empfohlen: Dort schwebt im Chor ein Bild Michael Buthes, das aus der Sammlung vom Vater des Schauspielers und Foto-Künstlers Stefan Hunstein stammt.

Haus der Kunst, bis 20. November 2016, Mo-So 10 bis 20, Do bis 22 Uhr.

Sammlung Goetz (Oberföhringer Straße 103), bis 3. Dezember 2016, Do & Fr 14 bis 18, Sa 11 bis 16 Uhr (Anmeldung unter 089/95939690).

Paulskirche (St.-Paulsplatz 11), bis 3. Dezember 2016, täglich 8.30 bis 17 Uhr.

 

Veröffentlicht am: 06.08.2016

Über den Autor

Roberta De Righi

Roberta De Righi ist seit 2010 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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