Stückl inszeniert Ibsen im Passionsspielhaus Oberammergau

Eine sperrige Angelegenheit

von Jan Stöpel

Blutige Sache: Justianian Frederik Mayet) zeigt dem toten Konstantinos, was er von ihm hält. Foto: Arno Declair

Großes Historienkino in Oberammergau: Christian Stückl inszeniert im Passionsspielhaus Ibsens Drama "Kaiser und Galiläer". Mit viel Volk, Blut, Flammen und Pathos. Aber: Warum nur?

Christian Stückl wurde schon als "Spezialist fürs Katholische" bezeichnet, was natürlich naheliegt bei einem, der den Passionsspielen in Oberammergau vorsteht, was aber doch flapsig bis an die Grenze des Widersinnigen ist. Als könnte man Spezialist sein für etwas, das dem Menschen offenbar mehr Fragen als tröstliche Gewissheiten vermittelt, zumal einem Theatermann wie Christian Stückl, den die Frage nach der Rechtfertigung nicht nur des Menschen, sondern auch Gottes umtreibt, ja, beschäftigt bis zur Weißglut. Wie schon vor Jahren in seinem "Stellvertreter", an dessen Ende die Frage an den Allmächtigen steht: Wo warst du, als Ausschwitz geschah?

Christian Stückl macht es also nicht leicht. Sich nicht, aber auch dem Zuschauer nicht. Jetzt hat er ein ziemlich unbekanntes Stück von Hendrik Ibsen auf die Bühne des Passionsspielhauses gestemmt, "Kaiser und Galiläer". Und wieder geht es um die Kraft des Glaubens, die doch stets das Gute will - und allzu zu oft das Böse schafft.

Es ist ein sperriges Stück Historiendrama, das Ibsen, längst in Italien lebend, geschrieben hat. Ein Roman, der erst später für die Bühne umgeschrieben wurde und in voller Länge ungefähr zwölf Stunden in Anspruch genommen hätte. Kaiser und Galiläer: Es geht nicht um einen Kaiser und den Galiläer, das Fehlen des Artikels ist Absicht. Es geht allgemein um das Verhältnis von Staatsmacht und Christ. Da steht das Weltreich Rom, unter dem Regime eines Kaisers, der alle Mittel seines Reiches gegen die neue Religion des Christentums ins Feld zu führen entschlossen ist, aber am Ende feststellen muss, dass alle militärische Macht nicht ausreicht, dem Rad der Geschichte in die Speichen zu greifen. Das Christentum triumphiert. Gewinnend aber ist es nicht.

Die Probleme beginnen mit dem Text Ibsens, der - zumindest in der stark, sehr stark zusammengestrichenen Oberammergauer Fassung - tatsächlich an bestens recherchierte und frei erzählte Geschichtsgemälde a la "Ein Kampf um Rom" von Felix Dahn erinnert. Die Figuren geraten hier jedoch zu Holzschnitten, tragische Konflikte - wie bei Dahns Schinken - vermag man nicht zu entdecken. Julian Apostata, der Abtrünnige, durchschaut die Hohlheit des Christentums, wie sie die Priester im Reich der Römer vorleben, und er kehrt zum Kult der alten Staatsgötter zurück. Diese Revolution aber, diese Rolle rückwärts scheint eher seiner persönlichen Schwäche geschuldet als einem grundlegenden Konflikt. Diesem Kaiser mag man nicht folgen. Die Mit- und Gegenspieler sind leichtfertig, zynisch oder fanatisch, von Anfang bis Ende.

Und da dem so ist, ist da keine Entwicklung. Vielmehr herrscht von Beginn an eine Tonart, nämlich die des wütend erregten Verwundetseins. Die Lautstärke auf der Bühne ist und bleibt beträchtlich, da können sich Julian (Frederik Mayet) und seine Mitstreiter anstrengen, wie sie wollen. Stefan Burkhart gibt - von den Anlagen her durchaus beeindruckend - einen Mystiker Maximos, der uns aber über seine Lehre rätseln lässt: Ein Geheimnis bleibt, woher dieser Zyniker sein Wissen um die Schlechtigkeit der Welt nimmt. Wer zuletzt lacht, lacht am besten. Und da man nie weiß, wann Mathäi am Letzten ist, lacht man als Zyniker sicherheitshalber dauernd. Die im Text angelegte Blassheit der Figuren lässt sich am eigentlich fabelhaften Peter Stückl festmachen. Sein Kaiser Konstantinos könnte eine schöne Mischung aus Gladiators Marc Aurel und Hamlets Vater sein. Doch zu solcher Entfaltung fehlt dem Mann mit der Silbermähne der Spielraum. Leise Zwischentöne findet Abdullah Kenan Karaca als Gregor von Nazians. Da hat sich einer zum fragenden, wenn nicht gar ganz leise zweifelnden Kirchenvater durchgespielt.

Oberammergaus Stärke sind Chor, Massenszenen, Musik, Bühne. Das breite Spielfeld wird dominiert von weiß maskierter Monumentalität (Bild: Stefan Hageneier): ein Portal, dahinter prangend das Christus-Monogramm, das auch als Kürzel für Pax gelesen werden kann. Friedlich aber bleibt es nicht. Indem Julian die Planen herunterreißt, demaskiert er die neue Staatsreligion. Sichtbar werden: das Bühnengebäude des Passionsspielhauses, die neueren "Nabucco"-Kulissen und davor Holzgerüste. Das Vergangene ist noch da, im Hintergrund, vorne soll die neue Zeit gebaut werden. Davor aber müssen alle Gewissheiten weichen. Aber eben einfach so. Chor und Musik, wie immer unter der bewährten Leitung von Markus Zwink, geraten diesmal angesichts der starren Monumentalität des Stücks an den Rand. Die Bilder bleiben länger haften: Frederik Mayet, der einen Eimer Blutes über den christlich geschmückten Sarg des Konstantinos schüttet; die Flammen, in denen die Schriften landen, die dem Apostata zuwider sind.

Wir wissen nicht, wohin Ibsen mit seinem von ihm angeblich als zentral betrachteten Stück wollte - wir wagen aber zu behaupten, dass er nicht das Niveau seines als kanonisch betrachteten Restwerks erreichte. 1906 soll " Kaiser und Galiläer" zum letzten Mal gespielt worden sein. Für eine so lange Pause kann es auch gute Gründe gegeben haben.

Veröffentlicht am: 08.07.2016

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