Pierre Jarawans Roman "Am Ende bleiben die Zedern"

Sehnsuchtsorte der Geschichte

von Katrin Kaiser

Slam Poet und Schriftsteller: Pierre Jarawan. Foto: Key Munich

Der Münchner Poetry Slammer Pierre Jarawan hat mit "Am Ende bleiben die Zedern" seinen ersten Roman geschrieben. Und der ist auf ziemlich viel Medieninteresse gestoßen. Besprechungen in zahlreichen regionalen und überregionalen Zeitungen, Online-Magazinen und Blogs sind ja gerade bei einem Erstlingswerk nicht selbstverständlich. Man muss konstatieren, dass Jarawan bei diesem kraftvollen, poetischen Buch ziemlich viel richtig gemacht hat.

Natürlich lässt sich künstlerischer Erfolg weder berechnen noch vorhersagen. Doch Jarawan war ja nun schon vor seinem Roman in der deutschen Kulturszene bekannt, 2012 war er deutschsprachiger Meister im Poetry Slam, seine Texte sind unkompliziert, direkt und dabei hochpoetisch und originell. Vor sein Publikum tritt er stets mit großer Ernsthaftigkeit, ohne jegliches Heischen um billige Aufmerksamkeit. Kaum möglich, dass so einer einen schlechten Roman schreibt. Und zudem ist die Geschichte, die der Sohn eines libanesischen Vaters und einer deutschen Mutter erzählt, nicht nur geschickt konstruiert, sondern vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Flüchtlingskrise auchungeplant aktuell.

Samir, der Protagonist des Romans, wächst als Sohn libanesischer Flüchtlinge in Deutschland auf. Sein charismatisch-agiler, lebenslustiger und kontaktfreudiger Vater beschert ihm eine unbeschwerte Kindheit, in der das Gefühl von Fremdheit nicht vorkommt. Jarawan schafft dabei in klaren Worten eindrucksvolle poetische Bilder. Samirs kindliche Glücksgefühle erscheinen als unmittelbare Konsequenz aus der beschriebenen Geborgenheit des intakten Familienlebens, den wundervoll-märchenhaften Geschichten seines Vaters und den abenteuerlichen Streifzügen mit seiner Freundin Yasmin. Umso schlimmer ist es, als der vormals so präsente Vater von einem Tag auf den anderen verschwindet und die Familie ohne jede Erklärung zurücklässt.

Ziemlich präsent in der Stadt, dieser Debütroman. Foto: Michael Grill

Auf ergreifende Art und Weise erzählt "Am Ende bleiben die Zedern" von diesem Trauma, das Samir die Luft zum Atmen nimmt. Auch Samirs Leben als junger Mann ist immer noch vom unerklärlichen Verlust des Vaters beherrscht. Jarawan lässt diese Jahre des emotionalen Stillstands grau und schleppend am Leser vorüberziehen, fast unerträglich - gerade im Kontrast zu den bunten Bildern der glücklichen Kindheit.

Ein dritter Erzählstrang macht Jarawans Roman zusätzlich zu einem lebendigen und ziemlich gehaltvollen Geschichtsbuch über Gegenwart und jüngere Vergangenheit des Libanon: Auf der Suche nach dem Vater reist Samir schließlich in den Libanon. Begegnet man zusammen mit dem kleinen Samir dem Heimatland seiner Eltern zunächst als einem magischen Sehnsuchtsort voller Abenteuer, so dringt man später gemeinsam mit dem vom Schmerz getriebenen jungen Mann immer tiefer ein in die die reale Vergangenheit des Landes, zum Leben von Samirs Vater in Beirut, vor der Flucht nach Deutschland, zu den Ereignissen des Bürgerkriegs.

Man begreift immer deutlicher, wie sehr der Sehnsuchtsort seiner märchenhaften Geschichten den Vater in Wahrheit zu einem zerrissenen Mann gemacht hat.

Die Geschichte einer Suche: "Am Ende bleiben die Zedern". Cover: Berlin Verlag

Am Ende ist die Geschichte eben doch stärker als die Geschichten. Aber das Überzeugende an Jarawans Buch ist, dass diese Erkenntnis nie als Widerspruch erscheint. Vielmehr bilden Fiktion und Realität am Ende doch eine versöhnliche Einheit. Jarawan entpuppt sich auch im Romanformat als äußerst geschickter Erzähler. Jedes Detail seiner Geschichte wird im weiteren Verlauf wieder aufgegriffen, um nachträglich eine tiefere Bedeutung zu erhalten. Immer wieder gibt es falsche Fährten und überraschende Wendungen, die sich organisch aus der Handlung ergeben.

Ein wenig überladen mit solchen dramaturgischen Kunstgriffen wirkt der Roman lediglich ganz am Schluss, was man dem Autor nach der Lektüre dieses äußerst gewinnbringenden Buches jedoch gerne verzeiht.

Pierre Jarawan: Am Ende bleiben die Zedern, Berlin Verlag, 448 Seiten, 22 Euro (E-Book 16,99 Euro)

Lesungen in München: Mittwoch, 13. April 2016, 20 Uhr, Ampere im Muffatwerk; Samstag, 11. Juni 2016, 20 Uhr Bücher Krugg, Sollnerstraße 43 A

 

 

Veröffentlicht am: 08.04.2016

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