Workshop "Dosenöffner 2026"
Urban Art zum Mitmachen

Der Workshop unter der Brudermühlbrücke lud dazu ein, Graffiti nicht nur zu betrachten, sondern selbst auszuprobieren. Foto: Olga Levina
Bevor die eingeladenen Kunstschaffenden die Wände der Brudermühlbrücke neu gestalten, durften bei "Dosenöffner 2026" zunächst die Münchnerinnen und Münchner selbst aktiv werden. Das von der Glockenbachwerkstatt, Luise Kultur und der Färberei des Kreisjugendrings München organisierte Projekt verwandelte hierfür den Raum unter der Brücke durch gemeinschaftliches Gestalten mit Graffiti für einen Nachmittag in ein offenes Atelier für Street Art. Statt Kunst nur zu betrachten, konnte selbst zur Spraydose gegriffen werden, um Techniken zu erlernen und den kreativen Prozess unmittelbar zu erleben.
Vier kostenlose Workshops mit unterschiedlichen Schwerpunkten luden Kinder, Jugendliche und Erwachsene dazu ein, Spraydosen, Farben und verschiedene Gestaltungstechniken kennenzulernen. Das Angebot reichte dabei von klassischen Graffiti-Workshops mit professionellen Kunstschaffenden über eine offene Malwerkstatt bis hin zu kreativen Kinderangeboten. Während Tomas Stary und Magdalena Sevcik Grundlagen von Komposition, Perspektive und Farbwirkung vermittelten, führte die mexikanische Künstlerin Marcela Gloria, alias March in Mars, in die technischen Grundlagen des Spray Paintings ein und arbeitete mit den Teilnehmenden an einer gemeinsamen Bildkomposition. Parallel dazu entstanden mit Bine Mayer großformatige Wandbilder mit Schablonen, während Linda, alias MiaMiau, jüngere Besucher dazu einlud, ihre Lieblingstiere auf die Wand zu bringen.
Um die Veranstaltung nicht nur zu beobachten, sondern aus der Teilnehmerperspektive zu erleben, besuchte die Journalistin dieses Textes den Workshop mit dem stärksten Fokus auf technische und handwerkliche Fertigkeiten. Schutzmasken, Handschuhe und Farben wurden hierfür kostenlos bereitgestellt. Besonders positiv fiel jedoch die offene Atmosphäre auf. Niemand wurde gedrängt, sofort aktiv zu werden. Man konnte Fragen stellen, Techniken ausprobieren oder zunächst beobachten, wie die Künstlerinnen und Künstler anderen Teilnehmenden einzelne Techniken und Tricks erklärten. Dadurch entstand eine Lernumgebung, die sowohl Neulinge als auch Menschen mit ersten Vorkenntnissen ansprach.
Gerade dieser direkte Austausch machte den besonderen Reiz der Veranstaltung aus, denn viele Techniken lassen sich zwar online recherchieren, doch erst die unmittelbare Anleitung vor Ort vermittelt ein Gefühl für Druck, Abstand, Linienführung und Farbauftrag. Was auf einem Bildschirm selbstverständlich erscheint, entwickelt in der Praxis zudem plötzlich eine ganz eigene Komplexität, schon allein aufgrund der Wetterbedingungen.
Auch der Veranstaltungsort erwies sich als gut gewählt. Trotz hochsommerlicher Temperaturen sorgten Schatten und ein recht starker Luftzug für überraschend angenehme, gleichwohl aber technisch herausfordernde Arbeitsbedingungen. Die großen Wände boten ausreichend Platz zum Experimentieren, während die offene Umgebung dazu einlud, stehenzubleiben, zuzuschauen oder spontan mitzumachen. Somit erscheint hier Kunst nicht als abgeschlossener Ausstellungsgegenstand, sondern als gemeinschaftlicher Prozess, an dem man teilhaben kann.
Bemerkenswert ist dabei vor allem der pädagogische Ansatz. Anders als viele kulturelle Angebote, die sich auf die Präsentation fertiger Kunstwerke konzentrieren, eröffnet "Dosenöffner 2026" einen unmittelbaren Zugang zum künstlerischen Handwerk. Gerade darin liegt die besondere Qualität des Formats: Es vermittelt nicht nur Wissen, sondern baut Berührungsängste ab und macht künstlerische Praxis erfahrbar.
Bereits der Blick auf das Gesamtprojekt zeigt, dass "Dosenöffner 2026" weit mehr sein möchte als ein einzelner Workshop-Nachmittag. Vom 19. Juni bis zum 8. August werden hier die Wände unter der Brudermühlbrücke zur großformatigen Leinwand für Kunstschaffende aus unterschiedlichen Bereichen der Urban Art. Begleitend finden außerdem weitere Veranstaltungen im gesamten Stadtgebiet statt – darunter eine Graffiti-Werkstatt für die Gehörlosen-Community im Kreativquartier (Import Export), eine offene Graffiti-Werkstatt auf dem Bolzplatz der Glockenbachwerkstatt, eine Open-Air-Malwerkstatt mit Bine Mayer vor dem Kulturzentrum "Luise" sowie ein Workshop an einer Holzwand mit einem DJ im Jugendkulturprojekt "The Tent". Dadurch wird deutlich, dass man hier nicht nur Wände gestaltet, sondern urbane Kunst als niedrigschwelliges, inklusives und stadtweites Kulturangebot versteht.
Die größte Stärke von "Dosenöffner 2026" liegt letztlich darin, Berührungsängste abzubauen, denn Graffiti erscheint hier nicht als abgeschottete Subkultur, sondern als zugängliche Kunstform, die Neugier weckt und zum Mitmachen einlädt. Das Projekt ermöglicht somit einen einfachen Zugang zu urbaner Kunst und macht sichtbar, dass kulturelle Teilhabe mehr sein kann als der Besuch einer Ausstellung. Entsprechend groß ist die Vorfreude auf die nächsten Veranstaltungen dieser Art.

