Das also ist des Menschen Kern

von Jan Stöpel

Wer ist hier der Geist, der stets verneint? Mephisto braucht's nicht in Ewald Palmetshofers „Faust hat Hunger und verschluckt sich an einer Grete“. Der Mensch, der moderne, ist hier ganz bei sich – und sucht vergebens nach seines Menschenpudels Kern. Interessanter Stoff, dessen Umsetzung in der Halle 7 an akkustischen Problemen haperte.

Wo ist hier des Pudels Kern? Wo ist das Böse, wo das Reine, Gute? Alle Metaphysik hat sich verflüchtigt; die Welt, die Ewald Palmetshofer in „Faust hat Hunger und verschluckt sich an einer Grete“ skizziert, hat schon was von einem Reinraum, von einem Biotop der Spießigkeit. Drei Paare treffen da einander, so wie immer, Grillen auf dem Balkon ist angesagt, „bring what you eat“ lautet das Motto.

Jeder im Haus kann mitmachen, das verstehen die Pärchen unter Integration. Faust aber fällt aus dem Rahmen; er ist der seltsame Freund von Paul, der nichts zum essen mitbringt, nur ein Sixpack hat er dabei und legt ansonsten Musik auf. Ein Außenseiter! Ausgerechnet in ihn, der so belanglos glatt wirkt, dass da doch keine Liebe ansiedeln kann, verliebt sich Grete, die noch ihre Prinzessinenträume hegt und ansonsten so angefüllt ist mit der Jauche ihrer Herkunft, ihrer Umgebung, dass sie sich am liebsten inwendig mit dem Kärcher reinigen würde. Beide sind sie Gesprächsstoff eher denn Teilnehmende, genüsslich sezierte Störfälle des Normalbetriebs. Ist das der Kern des Menschen? Diese Beschränkung auf die Oberfläche? Wenn man diese Menschen umstülpte: Man fände keinen wahren Menschen unter ihrer Haut. Da funkt es schmerzhaft in der Begegnung Palmetshofers mit Goethe, der sich gern an Klassikern reibt, wie schon in "Hamlet ist tot. Keine Schwerkraft." Palmetshofer entkernt den alten Stoff und prüft unsere Welt auf Tiefentauglichkeit. Einen Geist, der stets verneint - den braucht es hier nicht. Die Grillparty-Teilnehmer: Sie verneinen schon, nämlich jede Tendenz zum Kern. 

Die Sache mit Faust und Grete geht schief, so wie im Original. Und die verbleibenden Spießerpaare erzählen Geschichte, schlüpfen abwechselnd in verschiedene Rollen, Botenberichte, die von Unsäglichem künden, Jellineks grandiosem Stück „Rechnitz. Der Würgeengel“ in der Form gar nicht unähnlich. 

In Markus Schlappigs Inszenierung in der Halle 7 haben die sechs Akteure (Janina Klinger, Inga Kulik, Ariane Ott, Johannes Schön, Arik Seils und Alexander Voigt) fast identische Kostüme, lediglich in der Farbe unterscheidbar (Kostüme Claudia Radowski). Alle tragen hautfarbene Strumpfhosen, die Männer mit bunten Suspensorien, die Frauen lassen Kunstbrüste wippen – so wirbt man für sich in einer Welt, die nach Äußerlichkeiten entscheidet.

Die Sprache ist ein seltsam hippeliges Szene-Sprech, unvollständige Sätze, in denen man sich hektisch Phrasen um die Ohren haut. Leider manchmal zu hektisch: In der halligen Akkustik der Halle 7 verwaschen dann schon mal die Worte, man hat Probleme mit dem Empfang: Ich hab's akkustisch nicht verstanden, Herr Lehrer. So geht manches daher leider verloren. Grete verzieht sich in den Wald, in eine aus Müll gebaute Hütte, ihr totes Kind hat sie verscharrt, die lieben Nachbarn sind via Nachrichten und Aufnahmen dabei – so viel immerhin versteht man wenigstens. Es hätte mehr sein dürfen.

Die Inszenierung hat entschieden starke Momente: Etwa, wenn die Akteure sich gegenseitig synchroniseren, während die anderen das Entscheidende, das Treffen von Faust und Grete, mimen. Dass da ein Kind gezeugt wird, dessen Ableben niemanden interessiert: Das geht in all der Hektik irgendwie fast unter. Ein fieser Widerhaken, den  Palmetshofer in seinem Stück verborgen hat .

Der Botenbericht kuliminiert musikalisch: Der eine gibt einen Einsatz, der andere fällt ein und gibt die Stimme weiter. In einem gemeinsamen „Jou“ bekräftigt man sich gegenseitig die erzählte Version – die Szene zeugt von feinem Timing. Dieser sprachlichen Musikalität aber traut die Inszenierung nicht, am Ende wird vollkommen unnötig nochmals gesungen. Insgesamt dennoch: Der Abend hat was. Man müsste nur auch jedes Wort verstehen können.

Weitere Termine 8. und 11. März, in der Halle 7 auf dem Gelände der Kultfabrik, Telefon 089-53 29 78 29; alle Stücke der 18. Staffel sind am 12. März nochmals zu sehen.

http://www.inkunst.de/18_Staffel.641.0.html

Veröffentlicht am: 07.03.2011

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