Giftmischerinnen, der süße Heinrich und eine doppelgesichtige Kathy

von Achim Manthey

Peignoir in a soft Breeze, USA 1936 (c) Estate of Martin Munkasci/Lester Nafzger, Woodstock

Think while you shoot. Unter diesem Titel ist in München eine mächtige Retrospektive mit Werken des ungarischen Fotografen Martin Munkácsi zu sehen.

Zwanziger Jahre. In den Straßen von Budapest ist ein junger Fotoreporter unterwegs und lichtet ab, was er sieht. Eine Spielstunde im Hof, Kinder, die fröhlich im Kreis tanzen, im Fenster ein Grammophon, das keine Platte spielt. Jungen kleben Plakate. Giftmischerinnen im Garten eines provisorischen Zuchthauses. Ein Aufseher brüllt: "Niemand darf den Friedhof betreten!" Fotos, zwischen 1923 und 1929 entstanden, Bilder aus einer anderen Zeit, einer anderen, dem heutigen Betrachter fremden Welt. Und es sind Bilder aus der Anfangszeit eines der bedeutendsten journalistischen Fotografen des 20. Jahrhunderts.

Am 18. Mai 1896 wird Márton Mermelstein im ungarischen Kolozsvár als Sohn jüdischer Eltern geboren. Die Verhältnisse sind einfach, schwierig. Der Vater Handwerker, alkoholkrank. Bildung wird dem jungen Mann nicht mitgegeben auf den Lebensweg. Er kommt nach Budapest, ändert seinen Namen in Martin Munkácsi, um antisemitischen Diskriminierungen zu entgehen. Seine Karriere als Fotograf beginnt er als Autodidakt. Schon bald gelingt es ihm, Bilder bei Budapester Tageszeitungen wie der Pesti Napló und in Sportmagazinen unterzubringen. 1928 geht er nach Berlin, hat Glück, wird Chef-Fotograf des damals auflagenstärksten Bilderblatts der Welt, der Berliner Illustrierten Zeitung, die im Ullstein Verlag erscheint. Er ist für das Blatt auf der ganzen Welt unterwegs. Es entstehen wunderbare Bilder in Afrika. Das Jahr 1933 wird auch für ihn zu einem Wendepunkt in seinem Leben. Der Ullstein Verlag wird arisiert, der jüdische Chefredakteur der Berliner Illustrierten Zeitung, Kurt Korff und der Verlagsdirektor Kurt Safransky werden entlassen. Berlin, die Hauptstadt der "Roaring Twenties", zerknallt förmlich unter den Stiefeltritten von SS und SA. Muncásci verlässt Deutschland 1934, geht in die USA. Und wieder hat er Glück. Er beginnt seine über Jahrzehnte andauernde Karriere als Modefotograf für Magazine wie Harper's Bazar und Life.  Am 13. Juli 1963 stirbt er in New York.

Die von dem berühmten Modefotografen, Galeristen und Stiftungsgründer F. C. Gundlach kuratierte Ausstellung "Think while you shoot" im Kunstfoyer der Versicherungskammer Bayern in München, die zuvor in Hamburg, Berlin, New York, San Francisco und Budapest zu sehen war, zeigt zirka 280 Fotografien aus allen Schaffensperioden des Lichtbildners. Schon die frühen Arbeiten beweisen, dass Martin Muncásci die statische Fotografie der zwanziger Jahre revolutioniert hat, indem er Bewegung, Dynamik in die Bilder brachte. Exemplarisch das 1929 entstandene Bild "Start in den Frühling", ein Motorrad saust durch ein Wasser, der Betrachter mag sich wegducken, um nicht nass zu werden, so plastisch spritzt die Aufnahme in den Raum. Auto- und Motorradrennen, Fußball-Torhüter bei der Rettung in höchster Not. Das ist Action pur und unerreicht. Bemerkenswert die Aufnahmen aus der Serie "Fliegerschule in Schleißheim", aus der drei bisher unveröffentlichte Motive gezeigt werden oder die 1930 entstandene Foto-Reportage "Grubenunglück in Arnsdorf".

Im Auftrag der Berliner Illustrierten Zeitung fotografierte Martin Munkásci den "Tag von Potsdam", den 21.März.1933. Hier allerdings ist der Ausstellung in der erläuternden Beschriftung ein peinlicher Fehler unterlaufen. Es handelt sich keinesfalls, wie in der Erläuterung gesagt, um den Tag der Ernennung Hitlers zum Reichkanzler durch Hindenburg. Dies war bereits am 30. Januar 1933 gewesen. Tatsächlich handelte es sich um den nach den Reichstagswahlen vom 5. März 1933 zur Einberufung des neuen Reichstags veranstalteten Propaganda-Zirkus. Die Ausstellungsmacher sollten ernsthaft erwägen, diese historische Unkorrektkeit zu berichtigen.

Jungen laufen in die Brandung des Taganyika-Sees, Taganyika um 1930 (c) Estate of Martin Munkasci/Lester Nafzger, Woodstock

Pralle Lebensfreude zeigen die in den Jahren 1929 bis 1932 entstandenen Bilder am Strand, die im ersten Moment wie Urlaubsfotos wirken, und dann doch Abbild der Zeit sind. Unbeschwerte Menschen, der süße Heinrich bietet seine Köstlichkeiten feil, schöne Frauen in der Sonne, fröhliche Kinder - und doch ist am Horizont das Dunkel der Zukunft erahnbar.

In seiner Zeit in den USA hatte Munkásci alle Großen vor der Kamera. Berühmt wurden seine Aufnahmen des tanzenden Fred Astaire, 1936 entstanden. Beeindruckend der lachende Louis Armstrong von 1961. Oder das Bild "Kathy & Hepburn", das Doppelprofil der Schauspielerin, das dem Fragment eines nicht mehr erschienen Fotobandes entstammt, in dem der Fotograf auf jeweils einer Doppelseite zwei Motive unter formalen und inhaltlichen Gesichtspunkten in einem Spannungsverhältnis frappierender Analogien und Gegensätze darstellen wollte. Dazu kam es nicht mehr.

Wie das alles? "Der Trick ist", schrieb der Fotograf einmal, "dass ich keinen habe". Im richtigen Moment da, wach zu sein, den Augenblick intuitiv begreifen, um im richtigen Zeitpunkt auf den Auslöser zu drücken. So entstanden spontane, dynamische Aufnahmen, die Menschen ungezwungen, nah und in oft überbordender Lebensfreude zeigen. Martin Munkásci hat den Fotojournalismus ganz maßgeblich geprägt.

Seine Arbeitsweise blieb konservativ. Insbesondere dem zu jener Zeit auch in der Fotografie gerade aufkommenden 35 mm-Kleinbildformat stand er stets skeptisch gegenüber. Munkásci verwendete ausschließlich Großformat-Kameras und Glasplatten-Negative. Die Begründung war ebenso einfach wie für seine Zeit zwingend: "Ich habe eine außerordentlich geringe Meinung von den Apparaten kleinen Formats. Mein kleinster Apparat hat die Abmessung 9 x 12. Das moderne Bild wird nahezu in jedem Fall durch Ausschneiden erzielt. Kein volles Quadrat der Aufnahme eines kleinen Apparats läßt sich mit gutem Erfolg auf das Maß 24 x 30 vergrößern."

Neben den teils großformatigen Abzügen zeigt die Ausstellung auch 17 Glasplatten-Negative, darunter Aufnahmen der 1934 für Harper's Bazar entstandenen Serie "Badeanzüge", mit der Munkásci seinen Ruhm als Modefotograf begründete.

Es ist eine ganz großartige, gewaltige Ausstellung, die hier zu sehen ist. Sie entführt in längst vergangene Zeiten, lässt den Betrachter für eine Weile abtauchen aus seinem Alltag und eintauchen in andere, fremde, aber auch vergangene Welten.  Die Fotografien haben nichts an Aktualität verloren. Sie haben heute noch Bestand. Der Reichtum der Bilder, die gezeigt werden, reicht für mehrere Besuche dieser Ausstellung.

Der Veranstalter mit seinem Kunstfoyer macht sich seit einigen Jahren um die Vermittlung von Fotografie verdient. Mit dieser Ausstellungung ganz besonders. In München ist wieder einmal große Foto-Kunst zu sehen.

Die Ausstellung Martin Munkácsi, Think while you shoot, ist noch bis zum 22. Mai im Kunstfoyer der Versicherungskammer Bayern, Maximilianstraße 53 in München täglich von 9 bis 19 Uhr zu sehen. An gesetzlichen Feiertagen ist die Ausstellung geschlossen. Der Eintritt ist frei.  Am 22. Mai ist noch eine öffentliche Führung durch die Ausstellung mit Prof. F.C. Gundlach und Sebastian Lux zu erleben. Zur Ausstellung ist bei Steidl, Göttingen, ein Katalog in deutscher und englischer Sprache zum Preis von 48 Euro erschienen.

Veröffentlicht am: 16.03.2011

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