Polaroids, Pinguin und ein Land von oben

von Achim Manthey

ohne Titel, 2010, aus der Reihe Polaroid (c) Chad Coombs

Abseits der großen Ausstellungsräume etabliert sich seit einigen Jahren in München eine Szene wagemutiger Galeristen, die sich mit großem persönlichen und finanziellen Einsatz für Fine-Art-Fotografie einsetzen. Klein aber fein, so lautet ihr Motto. Wir stellen drei dieser Galerien vor.

1. Station: Glockenbachviertel

 

Als erste Ausstellung in ihren neuen Räumen zeigt die 2008 gegründete, von Patrick Löffler und Benjamin Monn geführte Candela Project Gallery in der Ausstellung Expired erstmals in Europa Werke des kanadischen Fotokünstlers Chad Coombs.

Die Bilder des 29-jährigen, sehbehinderten Fotografen zeigen Frauengesichter. Portraits, die er im Internet findet, werden collagiert und dann mit einer Polaroid-Kamera abfotografiert. Das analoge Bild erfährt durch Kratzungen, Übermalungen, durch das Eingravieren von Texten Manipulationen an der Farbschicht. Es entstehen verstörende Bilder. Makellose Schönheit wird durch die Bearbeitung fast bis zur Unkenntlichkeit fratzenhaft verzerrt. Die durchgehend hell vor dunklem Hintergrund gezeigten Gesichter erscheinen unwirklich, maskenhaft. Und doch entwickeln die Portraits ihre eigene, grausame Ästhetik.

Die Aussstellung zeigt hochwertige, großformatige C-Prints, in denen auch der nicht aufzuhaltende Zerfall der Farbschicht auf den Polariods festgehalten, dokumentiert wird. Zugleich sind die Original-Polaroids der ausgewählten Motive zu sehen, an denen die Entstehung der Bilder verdeutlicht wird.

Die Ausstellung ist bemerkenswert.

2. Station: Maxvorstadt

Penguin, 2007, (c) Fabiano Busdraghi

Ein Stück weit weg vom Kunstareal und noch nicht in Schwabing betreibt der Fotograf Nick Hermanns seine Galerie im blauem Haus. Sie zeigt aktuell die Aussstellung Antarctica mit Bildern des Fotografen Fabiano Busdraghi, eines gelernten Physikers, Ozeonografen und Meteorologen, der sich inzwischen ganz der Fotografie zugewandt hat.

Die auf zwei Reisen in die Antarktis 2006 und 2007 entstandenen Fotografien entführen den Betrachter in die eiskalte Welt der Gletscher und Eiswüsten. Ein Königspinguin scheint einsam in die unendliche Weite der weißen Welt zu schauen. Eisberge werden geboren und sterben. Die Bilder zeigen die verhehrenden Umwelteinflüsse auf die Natur in dieser Region der Welt. Wertvoll, dass die in der Ausstellung gezeigten Exponate mit kurzen Erläuterungen versehen sind, die zum besseren Verständnis beitragen und Wissen vermitteln. Man kann sehen und erfahren, warum junge Eisberge weiß und die alten blau erscheinen. Und man sieht die Alten schmerzlich, von Furten durchgraben sterben. Schön und grausam zugleich.

Straight Photography. Keine Szenen stellen, sondern versuchen, sie zu finden. Diesem Motto des Galeristen entsprechen diese Bilder.

Station 3: Schwabing

Ostseestrand (c) Gerhard Launer

Eine neue Galerie. Anette Boehlke und Wolfgang Heller zeigen in ihrer Galerie 9 in der Ausstellung Nähe Fotografien des bekannten Luftbildfotografen Gerhard Launer.

Die Bilder des 62-jährigen Fotografen, zugleich Inhaber einer Privat- und Berufspilotenlizenz, zeigen deutsche Landschaften von oben, wobei das besondere Augenmerk auf den Besonderheiten und Strukturen liegt, die man vom Boden aus nicht sehen kann. Weite Schneelandschaften, markant unterbrochen von den roten Dächern eines Anwesens, Container im Hamburger Hafen in allen Farbgebungen, Eisstrukturen, die das Bild unwirklich, abstrakt erscheinen lassen, Wattstrukturen in schwarz-weiß. Es sind mächtige Aufnahmen mit ganz ungewöhnlichen Sichtweisen, die der Betrachter vom Boden aus so gar nicht wahrnehmen kann. Sie werden in der Ausstellung hochwärtig auf Aluminium aufgezogen oder hinter Glas als Lichtobjekte präsentiert.

Drei junge Galerien mit ganz unterschiedlichen Ansätzen, Philosophien. Drei Beispiele von vielen. Jede ist sehenswert. Der Fotofreund kann sich freuen über das, was sich in München tut.

Die Ausstellung Expired mit Bildern von Chad Coombs ist bis zum 3. Juni in der Candela Project Gallery, Holzstr. 11 (im Innenhof) in München, Di. - Fr. von 11 - 18.30 Uhr, Sa. von 11 - 15 Uhr bei freiem Eintritt zu sehen. Zur Ausstellung ist für 8 Euro ein limitierter Katalog erschienen.

Die Fotogalerie im blauen Haus zeigt ihre Ausstellung Antarctica mit Fotos von Fabiano Busdraghi noch bis zum 26. März in der Schellingstr. 143 in München, Di.- Fr. 15 - 19 Uhr, Sa. 11 - 16 Uhr. Der Eintritt ist ebenfalls frei.

Die Ausstellung Nähe mit den Luftbildaufnahmen ist in der Galerie 9, Agnesstr. 9 in München bis zum 28. Mai Mo. - Fr. von 10 - 18 Uhr bei freiem Eintritt zu sehen. Ein netter kleiner Katalog zur Ausstellung ist ebenfalls gratis.

Veröffentlicht am: 06.03.2011

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