Der Endspurt beim Theaterfestival Radikal Jung am Volkstheater

Neu verliebt ins Theater

von Jan Stöpel

Der King's Destille verfallen: Anne Haug, Stella Hilb und Eva Bay. Foto: Ute Langkafel

Das Theaterfestival Radikal jung geht in seine letzten Runden - und legt zum Endspurt ganz schön Tempo zu: Mit Pina Karabuluts Inszenierung von "Inasvion!" (Schauspiel Köln) und Nora Abdel-Maksouds "Kings" (Ballhaus Naunynstraße) hat man am Donnerstag (23.4.15) zwei der stärksten Inszenierungen sehen können. Direkt bieder dagegen tags zuvor "Prinz Friedrich von Homburg" vom Staatstheater Darmstadt.

"Prinz Friedrich von Homburg"

Man sollte Regisseurin Juliane Kann nicht ernsthaft unterstellen, was verschiedentlich zwischen Volkstheatereingang und Festivalzelt zu hören war: Dass sie die Titelrolle wegen des Promifaktors so besetzt habe. Mit Samuel Koch, der nach seinem schlimmen Unfall bei "Wetten dass..." gelähmt im Rollstuhl sitzt. Oder fühlt sich das Staatstheater Darmstadt der Inklusion verpflichtet?

Im Auge des Sturms: Samuel Koch als Prinz Friedrich (Mitte). Foto: Lena Obst

Es kann und wird für Samuel Kochs Mittun aber auch eine ganz einfache Erklärung geben: Seine Bewegungsunfähigkeit sagt in Juliane Kanns Lesart von Kleists Drama etwas Bezeichnendes aus. Etwas über den Prinzen Homburg, das uns bislang verborgen blieb. Am Anfang sitzt er hoch zu Ross. Unbeweglich, wie ein Denkmal. Bronze-Farbe schimmert auf dem Gesicht. Die Figuren um ihn herum sind weiß geschminkt und in starre, weiße Klamotten gewandet (Bühne Juliane Kann, Kostüme Josephin Thomas). Fast schon zu ihren eigenen Denkmälern sind sie erstarrt, der Kurfürst, seine Militärs, der traumverlorene, Befehle verweigernde Prinz.

Der Prinz steht im Zentrum, im Auge eines Orkans. Eines in extremer Zeitlupe wiedergegebenen Orkans. Kann es sein, dass er träumt? Die Figuren bewegen sich wie in einem Schachspiel um ihn herum, er aber vermag nicht einzugreifen. Nur mit Worten kann er das. Und die Worte setzt der traumwandlerisch, manchmal wie abwesend wirkende Samuel Koch gut, wie auch der Rest des Ensembles: Kleists schöne Sprache hat Zeit zum Atmen, und, voilà, das komplizierte Text-Gewebe wird transparent. Man kann die manchmal ruckartig sich bewegenden Figuren in Homburgs Traum als Gliederpuppen sehen, als Marionetten. Nur bis knapp über den Knöchel sieht man das gipsene Weiß: Darunter erkennt man an den Stiefeln die Maserung von Holz. Wie Samuel Koch von seinen Mitspielern aus dem Rollstuhl gehoben wird, wie sie ihn betten, die Beine des gelähmten übereinanderlegen, wirkt Koch, als habe ihm jemand die Fäden durchgeschnitten, die seine Bewegungen lenkten. Freiheit vom Puppenspieler heißt das, vielleicht, aber was hilft das am Ende? Seine größte Bewegung muss Kochs Homburg alleine vollziehen, die im Kopf: vom verwöhnten Frauenhelden über den in Todesangst erstarrten bis hin zum Einsichtigen, der sein Schicksal dem von Brandenburg unterordnet. So wie die Figur in ihm angelegt ist, ahnt man ihre Verletzlichkeit und ihre Verletzungen.

Es gibt viele Einzelheiten, auf die man achten sollte:. Die Flügelchen an den Schuhen von Kochs "Schatten" Tim Wiebus, der auch im privaten Leben Kochs Assistent ist. Die Flügelchen sind vermutlich eine Anspielung auf den Wettunfall mit den Sprungfedern. Irgendwann nehmen die Schauspieler Teile aus dem Bühnenboden und ordnen sie neu an: das Staatsgebiet Preußens ist da zu erkennen. Unter den Schritten der Schauspieler freilich driften die einzelnen Teile immer wieder auseinander. Einen Stich der Schlacht von Fehrbellin zeigt die Daunendecke, die dem Kurfürsten als Umhang dient. Auch die Decke darf man als Indiz für den in dieser Inszenierung nicht endenden Traum des Prinzen von Homburg nehmen. Man erwacht jäh: Das Licht geht an, gleich nach der Begnadigung durch den Kurfürsten (hervorzuheben: Frank Albrecht). Ja, bestätigen die Schauspieler, ein Traum. Mehr nicht. Desillusionierend. Aber immerhin auch eine Variante, um sich den erznationalistischen Satz am Ende zu sparen: "In Staub mit allen Feinden Brandenburgs!"

"Invasion!"

Mit dem Stück von Jonas Hassen Khemiri schließt sich ein Kreis. Vor einigen Jahren bereits war "Invasion!"  an den Kammerspielen zu sehen gewesen, in der gelungenen Inszenierung von Jorinde Dröse, die wiederum zuvor zweimal zum Festival Radikal Jung eingeladen worden war. Pinar Karabuluts Inszenierung unterscheidet sich natürlich, etwa in der etwas kantigeren Inszenierung, im schrofferen Übergang auf das böse Finale in diesem so leicht, manchmal fast albern daherkommenden Spiel. Beide Inszenierungen aber heimsten großen Beifall ein, und das zurecht. Ein Beleg dafür, dass Khemiris Stück einfach gut ist.

Ey, einfach Abulkasem: "Invasion!" vom Schauspiel Köln. Foto: Martin Miseré

Die Tatsache, dass das Stück bereits in München gezeigt worden war, bewahrte viele Zuschauer übrigens ebenso wenig wie C. Bernd Suchers Warnung im Festivalbuch davor, zu Beginn des Stücks den Schauspielern auf dem Leim zu gehen. Gut so, denn so holte Karabulut die Zuschauer voll hinein in ihre Tempo-Inszenierung. Mohamed Achour, Thomas Brandt, Magda Lena Schlott und Nicolas Streit überzeugten mit Witz und Geschwindigkeit, es entfaltet sich mit bösem Humor die Erzählung, wie aus einem Dramenheld namens Abulkasem ein Begriff der Jugendsprache und schließlich der meistgesuchte Terrorist wird, was wiederum einem marrokanischen Apfelpflücker zum Verhängnis wird. Wie mit Hilfe von Irrtümern, Experten und Medienleuten ein Universal Popanz entsteht: Witziger, schlagender kann man's kaum vorführen.

"Kings"

Man konnte sich neu ins Theater verlieben mit diesem Stück, das ein Theater zeigt, das aber eigentlich gar kein Theater ist, sondern die Welt, oder zumindest: Was vier Figuren dafür halten. Nora Abdel-Maksoud hat "Kings" gemeinsam mit ihrer Dramaturgin Nora Haakh geschrieben und - wir geben einen Tipp ab - damit den Publikumsrenner dieser Auflage von Radikal Jung. Schon die Bühne (Katharina Faltner) ist einfach ein Hingucker: Ein wackeliger Bretterboden, von dem immer wieder mal ein Teil abfällt, davor gespannt ein altes Fahrrad, das die Bühne wie einen seltsam verschrobenen Thespiskarren ziehen soll. Der Vorhang täuscht mit goldener Farbe Pracht vor, darüber ein purpurner Rand. Das wackelig aussehende Gerüst, die bunten Lämpchen erwecken den Eindruck von erfolglosestem Tingeltangel.

Serkan Kaya spielt den Mabuse, einen Impressario, der große Töne wider bessere Einsicht spuckt: Natürlich weiß er, dass er gescheitert ist und dass er von Glück reden kann, wenn ihm nicht demnächst Geldeintreiber die Bude einrennen. Sein Theater gehört ihm auch gar nicht mehr, sondern seinen Sponsoren von der Gin-Destille "King's Mob", die ihm den Laden rückverpachtet haben. Das Geld bringt er natürlich nicht auf, immerhin aber ist immer ausreichend Gin im Hause. Mabuses Medium steigt aus dem Bühnenboden auf: die Künstlerin Grete (Eva Bay), begleitet von ihrem Agenten Mehmet (Anne Haug). Grete im schwarzen Hosenanzug, mit strenger Frisur, wird bei weitem nicht die einzige Anspielung bleiben.

Davor hat uns Pino (Stella Hilb) auf das eingestimmt, was da kommt: Ein Diskurs über Wollen und Können, über Traum und Ernüchterung, über Kunst und Kohle, über Möglichkeiten und Alternativlosigkeiten, über Schrott und die Welt, über Zumutungen und Apathie. Warum lehnen wir uns nicht auf, warum wenigstens machen wir nichts aus diesem kurzen Leben? Großartig, wie Stella Hilb dasteht, schüchtern lächelt, sich verbeugt (tatsächlich brandet kurz Beifall auf) und mit flehendem Blick erklärt, wie sie zur Kunst gefunden hat. Oder vielmehr - die Kunst sie! "Danke. Ich bin nichts weiter als ein kleines Akademikerkind aus Sulzdorf an der Hecke, Süddeutschland." Wie sie in Vertrauen in die tief in ihr schlummernden Fähigkeiten zu ihrer Berufung gefunden hat, will sie uns weismachen, wir ahnen, wir wissen: dass da nichts dran ist. Man muss nur auf ihre schlotternden Klamotten achten, ihre verlegenen Blicke. Später wird sie etwas sagen, was wirklich von Belang ist: "Keiner, der hier sitzt, wird dieses Leben überleben. Das ist unsere Zeit! Und sie ist begrenzt. Und alle hier sollten sich verdammt noch mal die Frage stellen, was sie damit anfangen wollen."

Original und Zitat, Witz und Ernst werden in diesen fast zwei Stunden aufs Unterhaltsamste verquirlt. Ein wenig zu sehr aufgeschäumt hat Abdel-Maksoud diese Diskurs-Mousse, man hätte von der Vielzahl der Szenen auch zwei oder drei streichen können. Sei's drum, der Abend ist insgesamt großartig. Wegen der vielen Details wie der Facebook-Prothese von Mehmet, jenes schwarzen Kastens an Stelle der mit einer Hör- und Sehmuschel, die sich der kommunikationssüchtige Mehmet alle paar Augenblicke vors Gesicht presst; wegen des extrem körperlichen Spiels der Vier auf der Bühne, zur Abwechslung auch mal wegen der vielen, vielen Zitate in diesem Text: Da konnte mal sehen, wie man derlei intelligent einsetzt. Ein einziger Kalauer war drin, aber auch der war, von Serkan Kaya staubtrocken serviert, witzig: "Käse kann schimmeln. Was kannst du?"

Die vier Schauspieler zeigten  die herausragende Leistung des Festivals, zumindest bis zum Donnerstag Abend: mit unglaublichem Tempo, absolut überzeugend in Gesten und Mimik, akrobatischem Spiel. Und Reaktionsgeschwindigkeit. Als Stella Hilb Elfenbeinturm sagen will, kommt "Eiffel..." dabei heraus und wird sofort in Eiffelbeinturm umgebogen. Vielleicht ein Versehen, ganz sicher aber witzig. Und es stimmen Kleinigkeiten. Grete hat dem Kapitalismus ein Schnippchen geschlagen, nun sattelt sie das Pferd, um zur Revolution zu reiten. Eva Bay zelebriert das. Dann schwingt sich Stella Hilb neben ihr auf den imaginären Pferderücken - und, klar, das muss bei ihr ein Pony sein. Auch Mabuse besteigt das Ross - und nimmt offenbar in einem Damensattel Platz. Ein starker Abend, vielleicht schon der stärkste des Festivals.

 

Veröffentlicht am: 27.04.2015

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