"Chemise Lacoste" und "Orpheus#" bei Radikal Jung im Volkstheater

Micky Maus grinst überm Totenreich

von Jan Stöpel

Schöne Menschen im Tennisbälle-Bad: "La Chemise Lacoste". Foto: Hofstettler

Schöne Menschen in Lacoste-Klamotten, tote Menschen in Bodysuits: Kleider machen Theaterleute im zweiten Viertel von Radikal Jung, dem Festival für junge Regisseure. Wir sahen uns Alia Luques Inszenierung von Anne Leppers "La Chemise Lacoste" (Düsseldorfer Schauspielhaus) und Ersan Mondtags Choreographie "Orpheus#" (Schauspiel Frankfurt) an. 

"La Chemise Lacoste"

Ein Mann macht sich auf den Weg. Nach oben, wie er meint, in die gute Gesellschaft, in Folge einer Art Lotterie: Jeder siebte ist vom Staat ausersehen, und das sei, habt doch bitte Verständnis, liebe Geschwister, nun einmal er. Und er schickt sich an, die Klappe zuzudrücken, durch die er gerade aufgestiegen ist, gegen den Widerstand der flehend gereckten geschwisterlichen Arme.

Da steht er nun, Felix (Edgar Eckert), vor grünem Hintergrund, und man hört  plopp - plopp - plopp - plopp plopp plopplopploppppp: Ein Tennisball, der an ihm vorbeihoppelt. Kann sein, ein Ball ins Aus, kann sein, der Versuch einer Kontaktaufnahme.

Was es dann auch ist. Dem Mann aus der Tiefe des Bühnenbodens nähern sich zwei Gestalten (Florian Jahr, Bettina Kerl), die einem Film von Leni Riefenstahl entnommen sein könnten. Und da fangen bei "La Chemise Lacoste" die Probleme an. Nicht nur die zwischen dem zotteligen Proll-Aufsteiger in seinem gelben Retro-Tennis-Dress (Kostüme Ellen Hofmann) und den beiden akkuraten Herrenmenschen in ihren blendend weißen Lacoste-Klamotten, sondern auch die mit dem Stück: Es spielt nicht so sehr mit Klischees, es reiht sie vielmehr aneinander. Hier die blasierte Oberschicht, da der Proll, der sich zum Affen macht, und sei es, dass er zu Conchita Wurst wird. Es gibt da gute Ideen in der Düsseldorfer Inszenierung von Alia Luque, wie etwa den grünen Hintergrund (Bühne Christoph Rufer): Den kann man als Spielfeld für die gehobene Rasensportart ebenso betrachten wie als Green-Screen für das Kopfkino, worauf jede Art von virtueller Wirklichkeit denkbar ist. Die guten Ideen machen aber nicht unbedingt einen ganz guten Theaterabend aus.

Der Anfang ist witzig, und immer wieder blitzt auch mal subversiver Humor auf. Aber: Es bleibt im wesentlichen bei Klischees. Der Chor der Tennismädchen übt gemeinsame Gymnastik, was natürlich an das Dritte Reich erinnern soll. Und die Reichen sind selbstbewusst, drahtig, schön, mit Gesichtern wie aus Marmor gemeisselt. Felix ist unbeholfen, dicklich, mit Zottelmähne und Vollbart. Die Reichen reden irgendein Zeugs, das sich immer nur auf sie selbst bezieht, Felix biedert sich an. Was am Ende nicht gut gehen kann, er wird im Tennis-Bälle-Bad begraben. Dann fällt die grüne Wand um - und offenbart sich als Tenniscourt. Sagt uns: Mag immer mal wieder aussehen wie ein Spiel, doch diese reichen, zynischen Schönlinge haben jede Menge Leichen in ihrem Keller, beziehungsweise Tenniscourt.

"Orpheus#"

Ersan Mondtag beansprucht politische Aussagekraft für seine Choreographie "Orpheus#" und versucht ihn zu erfüllen mit einem gehemnisvollen Schriftzug, der ganz am Ende rot auf der Diodentafel aufleuchtet: "In Erinnerung an Berkan Elvin". Berkan Elvin war ein 14-jähriger Junge, der bei den Unruhen am Gezi-Park zwischen Polizei und Demonstranten geriet, von einer Tränengaskartusche am Kopf getroffen wurde, ins Koma fiel und Monate später starb. Ministerpräsident Erdogan erklärte ihn dann auch noch zum Terroristen. Kann man mit der Wahrheit eines Mythos gegen eine solche Lüge angehen? Warum sollte man so einen Urstoff dazu bemühen?

Kate Strong in "Orpheus#". Foto: Schauspiel Frankfurt

Die sechzig Minuten davor sind universell. Es geht tatsächlich um Tod und Trauer und die vergebliche Hoffnung auf Wiederkehr eines geliebten Menschen. Und es geht um Orpheus und seinen Abstieg in den Hades, dessen Zwielicht hier allerdings immer wieder von Neonröhren erzeugt wird, deren kaltes Leuchten das karge Bühnenbild wie eine moderne Vorhölle wirken lässt. Beherrscht wird das Bühnenbild (Jens Kilian) von einem Portal mit drei Türen, über denen ein grinsendes Micky-Maus-Gesicht prangt. Assoziationen mit dem bösartigen Clown aus Stephen Kings "It" seien Mondtag höchst willkommen, kann man im Radikal-Jung-Festival-Jahrbuch lesen.

Wo da die Politik bleibt? Mag sein, dass man es im Aufrührerischen von Orpheus entdeckt, der sich auf der Suche nach seiner Geliebten Eurydike gegen das eherne Gesetz des Todes auflehnte - und jabeinahe Erfolg gehabt hätte. Ein Mann wiederum, der den technischen Machbarkeitstraum der modernen Menschheit ins Künstlerische übertragen hatte. Indem er die Leier so kunstvoll schlug, so betörend sang, dass ihm Tiere und Pflanzen gehorchten. Wenn man es so sieht, ist freilich jeder Mythos letztlich politisch. Die William-Forsythe-erfahrene Kate Strong und Lena Lauzemis tanzen die weiblichen Hauptrollen, sind offenbar mal Hades Ehefrau Persephone und Eurydike. Christian Erdt tanzt den Orpheus gestisch stark, in wachsender stummer Verzweiflung. Eurydike will er zurück ans Tageslicht geleiten. Allein, Persephone und Eurydike hängen sich an sein Gewand - das er, der einzig wirklich Lebendige, als einziger überm Bodysuit trägt. Alle anderen wie folgt: roter Bodysuit, darauf ein weißes Skelett gedruckt. Bis zur Erschöpfung ringt Orpheus mit diesen beiden Frauen, die wie Dämonen an ihm kleben. Am Ende gibt er Eurydike frei. Und verweist sie damit zurück an die Unterwelt.

Mit düsterer, sphärischer Musik unterlegt, hat der Abend schöne Bilder. Über eine pantomimische und tänzerische Nacherzählung des Orpheus-Mythos aber kommt er kaum hinaus. Immerhin, wehgetan hat es auch nicht.

 

 

Veröffentlicht am: 24.04.2015

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