Tanz auf dem Hochseil

von Jan Stöpel

Hoch über den Zuschauern: Kirchners "Blaue Artisten" von 1914. Bild: Franz-Marc-Museum/Leihgabe aus Privatbesitz

Der „Blaue Reiter“ in Kochel erhält Besuch aus Frankfurt und Davos: In der Ausstellung „Zirkus, Tanz und Kabarett“ zeigt das Franz-Marc-Museum in Kochel, wie Ernst Ludwig Kirchner und andere Maler der„Brücke“ am Vorabend des Ersten Weltkriegs die Vergnügungstempel der Großstadt entdeckten.

„Die sinnliche Lust am Gesehenen ist der Ursprung aller bildenden Kunst von Anfang an“, schrieb Ernst Ludwig Kirchner einmal. Der gebürtige Aschaffenburger verspürte diese inspirierende Lust augenscheinlich beim Tanz: Bis in die letzten Jahre vor seinem Freitod 1938 nahe Davos malte Kirchner Tänzer, bevorzugt Frauen, nicht selten in verführerischer Pose.

 

Überhaupt suchten die Künstler der Avantgarde gerne Orte auf, die der Bürger mit den prickelnden Verlockungen des Lasters verband: Varietés, Tanzlokale, die Manegen des Zirkus. Hier ließ sich der Schaulust frönen, hier vermuteten die Maler Spontaneität und jene Randständigkeit, die sie als Künstlernaturen mit den Akteuren im Scheinwerferlicht zu teilen glaubten. In ihrer antibürgerlichen Attitüde sahen sich die ehemaligen Architekturstudenten, die sich 1905 in Dresden zur Künstlergruppe „Brücke“ zusammengeschlossen hatten, den Artisten verwandt. Wie Seiltänzer wandelten sie, den "normalen" Lebensumständen enthoben, auf schmalem Grat zwischen Beifall und Absturz.

Auch die Figur des Clowns zog die Künstler an – eine Gestalt, die in ihrer Selbstentäußerung und Lächerlichkeit ein Äußerstes an Mut erfordert und ihre resignierte Klarsichtigkeit und Melancholie hinter der Maske des Spaßmachers verbirgt. Nicht ohne Grund stellt sich Kirchner in einem Brief an Franz Marc als Pierrot dar.

Das Gemälde „Die blauen Artisten“ (1914) beherrscht den großen Ausstellungsraum im zweiten Stock des Museums. Es wurde dem Museum kürzlich als Dauerleihgabe überlassen – für Museumschefin Cathrin Klingsöhr-Leroy Anlass für die Ausstellung, die durch die Unterstützung des Städel-Museums in Frankfurt und des Ernst-Ludwig-Kirchner-Museums in Davos etwas größer ausfiel als ursprünglich geplant.

Überwiegend sind Kirchner-Arbeiten von 1906 bis 1914 zu sehen, ergänzt von Werken Pechsteins und Heckels. So sind auch Gegenüberstellungen möglich, die den Betrachter einen Blick in die Arbeitsweise der Maler tun lassen. Auf der Rückseite einer Hafenszene von Erich Heckel findet sich in Öl ausgeführt ein Seiltänzer-Paar im Zirkus. Erkennbar die selben Artisten hat Kirchner in einer Graphik überliefert. Man kann sich gut vorstellen, wie die beiden bei ihrer Hamburg-Visite zusammen eine Zirkusaufführung oder ein Varieté besuchten und eifrig skizzierten.

In Kochel ist Kirchner vor allem als Graphiker zu bewundern. Ob in Lithographie, Radierung oder Holzschnitt: Kirchners Blätter verbinden Anmut, Verruchtheit und Dynamik. Sie sind im spontanen Zugriff entstanden und treffen doch präzis immer das, was Tanz und Artistik ausmachen. Und so wirkt Kirchners Kunst noch hundert Jahre später so leichtfüßig wie eh und je.

Vielseitigkeit auf kleiner Fläche gibt es auch im Erdgeschoss des Franz-Marc-Museums zu bestaunen. Dort sind 30 Aquarelle und Zeichnungen aus dem „Geburtstagsalbum“ des Kunsthändlers Otto Stangl zu sehen. Dessen Frau Etta hatte befreundete und über geschäftliche Beziehungen verbundene Künstler gebeten, ihrem Mann zum 50. Geburtstag auf kostbarem Büttenpapier einen Gruß zu gestalten.

Miró, Winter, Geiger, Antes und viele andere ließen sich nicht lange bitten, sondern gratulierten dem großen Sammler 1965 auf diese höchst persönliche Art. Das Museum verbeugt sich damit vor Etta und Otto Stangl, die ihre umfangreiche Sammlung einst der Franz-Marc-Stiftung zugesellten und damit ein kleines Museum mit großen Schätzen ermöglichten. „Dank dieses Reichtums können wir auch mit anderen Häusern zusammenarbeiten“, sagt Cathrin Klingsöhr-Leroy. So wie im Falle der Kirchner-Ausstellung eben mit dem Städel und mit dem Kirchner-Museum in Davos.

Bis 8. Mai, Dienstag bis Sonntag sowie feiertags 10 bis 17 Uhr, ab April 10 bis 18 Uhr. Begleitbüchlein 9,80 Euro.

Veröffentlicht am: 26.02.2011

Über den Autor

Jan Stöpel

Weitere Artikel von Jan Stöpel:
Andere Artikel aus der Kategorie

Artikel kommentieren...






Reload Image