Zu den Preisträgerfilmen des Festivals der Filmhochschulen

Von Tiefschwarz über Grau bis Pastellblau

von kulturvollzug

Das Begräbnis des Harald Kramer. Foto: Festival der Filmhochschulen München

Es sind die zarten, leisen Werke, die auf dem 33. Internationalen Festival der Filmhochschulen überzeugen. Ihre einfühlsame und ruhige Bildsprache erforscht die Welt jenseits von großen Effekten oder knalligen Farben. Der Filmnachwuchs schaut genau hin.

Ausgezeichnet wurden Filme, die in leise Schattenwelten führen und nicht davor zurückschrecken, dorthin zu schauen, wo es wehtut. So richtig erfolgreich war allerdings ein Film von einem etwas anderen Kaliber: Auf pechschwarzen Humor trifft der Zuschauer in „Das Begräbnis des Harald Kramer“ von Marc Schlegel von der Wiener Universität für Musik und Darstellende Kunst. Bei lebendigem Leibe unter der Erde verscharrt zu werden, ist eine menschliche Urangst. Der abgeklärte Leichenpräparator Alfred Schrader, genannt „Knacksi“, erzählt seinem jungen Gesellen die schaurige Geschichte um den arglosen Familienvater Harald Kramer, dem es um ein Haar so ergangen wäre. Der Festival-Jury hat das besonders gut gefallen. Schlegels Kurzfilm wurde nicht nur für das beste Drehbuch (Luggi-Waldleitner-Preis) und die beste Produktion eines deutschsprachigen Films (Panther-Preis), sondern auch für seinen Beitrag zur Förderung des interkulturellen Dialogs (Prix Interculturel) ausgezeichnet. Insgesamt 18.000 Euro Preisgeld hat Schlegels tiefschwarze Komödie abgesahnt und ist damit die große Siegerin des Festivals. Dass der Tod ein Stoff ist, der sich recht gut im Bereich des Komischen verhandeln lässt, hat schon vor ein paar Jahren Marcus H. Rosenmüllers „Wer länger stirbt ist länger tot“ gezeigt. Der Humor von Schlegels herrlich absurdem Film ist jedoch so trocken, dass einem das Lachen fast unangenehm ist.

Im Spektrum der Preisträgerfilme sind es gerade die diffusen Zwischenfarben, die begeistern. Als bester Film wurde „Ce Qui Me Fait Prendre Le Train“ („What Makes Me Take The Train“) von Pierre Mazingarbe mit dem VFF Young Talent Award ausgezeichnet. Der mit 7.500 Euro dotierte Hauptpreis des Internationalen Festivals der Filmhochschulen geht somit nach Frankreich. Der Film des 25-jährigen Regisseurs führt den Zuschauer phantasievoll in eine Traumwelt und besticht mit einer extrem zarten, poetischen Bildsprache. Lange nach der Erfindung des Farbfilms hat sich Mazingarbe für eine Produktion in Schwarz-Weiß entschieden, die mit der Ästhetik des Stummfilms spielt. Der Film des Absolventen der nordfranzösischen Filmschule Le Fresnoy erzählt in nur 15 Minuten eine Neuinterpretation des Mythos von Orpheus und Eurydike. Eine junge Frau macht sich auf den Weg, um zwei verstorbene Freunde aus der Unterwelt zurückzuholen. Ihre Zugreise endet an einem Waldrand und führt sie in ein Phantasiereich voller Magie. Man ist sich nicht sicher: Ist das noch Film oder schon Traum? Mazingarbe experimentiert jenseits von Konvention oder großen Effekten mit den Möglichkeiten des Films.

What makes me take the Train. Foto: Festival der Filmhochschulen München

Er scheppert, röchelt und niemand weiß, ob er heute kommt. In dicken Mänteln warten die Leute an einer Bushaltestelle aus grauem Beton in einer genauso grauen kargen ukrainischen Landschaft.  Lesia Kordonets dokumentiert mit ihrem Film „Balazher. Korrekturen der Wirklichkeit“, der mit dem Arri Award für die beste Dokumentation ausgezeichnet wurde, das aussichtslose Vorhaben eines verzweifelten Mechanikers, den Bus mit Geduld und Gewalt noch einmal zum Leben zu erwecken. Denn wie sollen die Leute ohne diese Klapperkiste von A nach B kommen? Die Regisseurin von der Züricher Hochschule der Künste geht nah ran – an die Menschen, die nicht nur auf den Bus, sondern auch auf eine bessere Zukunft warten, und an die alte Rostlaube selbst, die ihren letzten Geist bald aushauchen wird.

Gleich drei der ausgezeichneten Filmemacher widmen sich in ihren Arbeiten dem Zwischenbereich zwischen Kindsein und Erwachsenwerden. Ihre Geschichten spielen in eine farblosen Welt, die wie Harald Kramer oder der ukrainische Bus scheintot vor sich hindämmert. Die Schwierigkeiten, vor dem Hintergrund einer dunklen und schwer lastenden Vergangenheit erwachsen zu werden, beleuchtet der dichte Film „Auschwitz On My Mind“ von Assaf Machnes. Die nur 15 Minuten lange Arbeit des Regisseurs von der Londoner Met Film School wurde mit dem mit 6.000 Euro dotierten Arte-Kurzfilmpreis ausgezeichnet. Eine Delegation israelischer Jugendlicher besichtigt in Polen die Gedenkstätten, die mahnend an die Nazi-Verbrechen erinnern. Parallel dazu entwickelt sich zwischen Roy und einem Mädchen aus seiner Gruppe eine Art Liebesgeschichte. Das erste Händchenhalten vor dem Verbrennungsofen wirkt dabei mindestens genauso absurd wie der unaufhörlich anklagende Blick der Gruppenleiterin, die das junge Paar schlussendlich damit straft, dass es an der Auschwitz-Exkursion nicht teilnehmen darf.

Von den apathischen Erwachsenen hebt sich die junge Stella ab, wenn sie sich mit rosafarbener Weste und Schultasche ausstattet, um sich vom Vater des Nachbarjungen Nachhilfeunterricht geben zu lassen. Das Ganze ist Teil ihres äußerst merkwürdigen Jobs, auf den sie angewiesen ist, um ihren Hund Frida zurückkaufen zu können. Obwohl der Stellas bester Freund ist, hat ihre Mutter ihn an die gemeinen Nachbarzwillinge verkauft. Die Welt, in der Stella erwachsen werden soll, ist tief beschädigt. Die Absolventin der englischen National Film and Television School Joasia Goldyn erzählt davon in ihrem Film „Cocoons“, der mit dem Wolfgang Längsfeld Award als originellster Film ausgezeichnet wurde, mit einer ruhigen und berührenden Bildsprache.

Mia Spenglers Film „Nicht den Boden berühren“ („Don‘t Hit The Ground“) führt dem Zuschauer gnadenlos alle Geschmacksverirrungen der 90er Jahre vor Augen. Nähe scheut die Kamera dabei nicht. Die Festival-Jury hat den Kameramann Jan-Marcello Kahl mit dem Student Camera Award ausgezeichnet. Man erlebt ein furchterregendes Déjà-vu aus bauchfreien Glitzertops, hautengen Tattooketten und klobigen Plateau-Schuhen. Für Fila und ihre Freunde ist dieser Look Mittel zur Selbstdarstellung. Dazugehören ist alles, auch wenn man dabei die eigenen Gefühle schmerzhaft überfährt. Kahls Kamera verzichtet auf allzu grelle Farben und zeigt zarte Bilder von Fila, die mit ihren überdimensional großen Creol-Ohrringen und der pastellblauen Trainingsjacke verloren auf dem Schulhof steht und versucht, sich irgendwie von dieser viel zu grauen leeren Welt abzusetzen.

Der Filmnachwuchs beobachtet genau. Auch die Zuschauer sollten die Augen offen halten, denn den einen oder anderen Namen wird man womöglich wiedertreffen.

Ana Maria Michel

Ein erster Bericht zum Festival der Filmhochschulen von Barbara Teichelmann erschien im Kulturvollzug hier.

Veröffentlicht am: 26.11.2013

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