"La nouvelle pensée noire-Chefferie" in der Schauburg bei Spielart

Ein Weißer in schwarzer Haut

von Jan Stöpel

Beeindruckende Physis. Foto: Knut Klaßen

"La nouvelle pensée noire", das neue schwarze Denken: Wie sieht es eigentlich aus? Das Gespann Gintersdorfer und Klaßen versucht bei Spielart mit einer buntgemischten Truppe, nun ja, keine Antwort, eher eine Verunsicherung. Denkmuster, so kann man nach einem allzu langen Abend sagen, greifen zu kurz. Wussten wir das nicht schon zuvor?

Gut, dass die Akteure lediglich Englisch oder Französisch sprechen. Denn so benötigt man einen Dolmetscher. Der natürlich nicht nur Sprache übersetzt, sondern Teil des Spiels ist. Er ist ein Schauspieler-Dolmetscher, der entscheidende Mann vielleicht sogar. Er ist, so kann man das sagen, das Kontrastmittel.

"La nouvelle pensée noire (Das neue schwarze Denken) - Chefferie" von Monika Gintersdorfer (Regie) und Knut Klaßen, in Szene gesetzt mit Schauspielern von der Elfenbeinküste, aus dem Kongo, aus Ruanda, aus Deutschland und Holland, kommt erstmal rüber als lärmendes Treiben einer Rasselbande, das unversehens zum Wettkampf zu mutieren scheint. Denn singen und tanzen können vor allem die Afrikaner, natürlich, ist man geneigt zu sagen, der deutsche Dolmetscher versucht mitzuhalten und fällt geradezu lächerlich ab.

Damit wäre das Projekt des "Weißseins" schon ad Absurdum geführt, jenes Konstrukt, das "Weißsein" als Norm benennt und alles andere als Abweichung. Ein Denkmodell, das - seinerzeit noch nicht ausformuliert - jahrhundertelang als Grundlage der weißen Kolonialherrschaft diente.

Wie aber lautet die Antwort des schwarzen Kontinents darauf? Sie ist vielfältig. Aber nicht unbedingt überzeugend. Die Akteure aus Afrika singen und tanzen mit geradezu anmaßendem Selbstbewusstsein, mit einer Physis, die das Publikum über weite Strecken in ihren Bann schlägt. Afrika, was es ist, was es sein könnte, was es war - das wird auf verschiedensten Ebenen verhandelt. Mode, Tanz, afrikanische Geschäftsmodelle, Politik, Milizen, Machthaber, vermengt mit echtem Bemühen, aber auch mit Wichtigtuerei, Bluff und Gier: Über all das scheinen die Akteure etwas sagen zu können.

Sind das Alternativen zum sogenannten Westen? Kann man überhaupt von zwei Denkmodellen sprechen? Die Akteure spielen den Zuschauern übel mit. Sie sprechen vom Völkermord in Ruanda. Und ziehen Bilanz. "Eine Million Tote in zwei, drei Monaten", sagt der eine. "Ihr habt vier Jahre für sechs Millionen gebraucht. Wir waren effizienter. Da könnt ihr noch was lernen", sagt der andere. Rassismus, das machen die Afrikaner auch klar, ist überhaupt kein Monopol der ehemaligen Kolonialherren. Afrika hat seine eigene Geschichte, ja, aber sie klingt auf einmal wie europäischer Hochmut in Schwarz.

"Ich bin ein Weißer in einer schwarzen Haut", sagt einer noch. Es bleibt ungesagt, ob er damit Schwarz als neue Norm meint. Oder ob er doch damit nur meint, mit den Deutschen zugesprochenen Tugenden westliche Statussymbole erreichen zu können.

Das alles regt zum Nachdenken über ein paar Unterschiede und viele Gemeinsamkeiten an. Als Theaterprojekt war es schlicht: zu lang. Auch die beeindruckende Physis der meisten Darsteller konnte die allzu langwierige Revue der Diskursschnitzelchen nicht wirklich spannend gestalten.

Veröffentlicht am: 20.11.2013

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