Helmut Schleich im Interview über bayerische Politik

"Brutal, sentimental, vital"

von Jan Stöpel

"Sehnsucht nach besseren Zeiten": Helmut Schleich in seiner Paraderolle als FJS. Foto: Volker Derlath

Was würde Franz Josef Strauß sagen, lebte er heute noch? Helmut Schleich weiß das genau – und kann darüber hinaus auch sagen, was Kabinett mit Kabarett zu tun hat und wie die bayerische Landespolitik zur Costa Concordia wurde. Im Interview sagt er außerdem, warum man auch als Nichtkatholik eine Menge mit Ex-Papst Benedikt anfangen kann.

 

Herr Schleich, Sie als Verkörperung von Otti Fischer, von Papst Benedikt, Franz Josef Strauß und dem Haflinger Sepp – wann werden Sie Markus Söder in seinem Heimatministerium besuchen?

Ich werd’ den Markus Söder in seinem Heimatministerium gar nicht besuchen. Diese Ressortzuteilung kann eh nur als Witz gelten. Einen Minister derartig zu überfrachten, das schafft auch ein Markus Söder nicht, der ist ja nicht besser als die anderen. Also, was soll’s. Das halte ich doch dann eher für eine klassische Nummer vom Seehofer. Wenn man das wirklich ernst gemeint hätte, dann hätte man da einen eigenen Minister hernehmen müssen.

Und dann vielleicht einen Politiker, der etwas mehr Herzenswärme ausstrahlt als ausgerechnet Söder...

Also, das ist ja ohnehin eine Katastrophe. Ich sag immer wieder, sollte Söder Ministerpräsident werden, wär das unter Umständen ein Auswanderungsgrund. Das ist für mich persönlich fast unerträglich. Im Unterschied zum Seehofer, mit dem kann man leben. Ich find ihn jetzt nicht gut, aber mit ihm kann man leben.

Wer im neuen Kabinett macht Ihnen als Kabarettist am meisten Spaß?

Wenn er sich noch ein bisserl auf die Hinterbeine stellt, wenn er mit seinem übersteigerten Selbstbewusstsein noch ein bisserl mehr nach vorne kommt, dann ist der Kultusminister Spaenle schon ein Kandidat, der was hergeben würde. In seiner fast schon straussesken Art, mit seiner Bildung zu prahlen und mit seiner bajuwarischen Herkunft zu protzen und im Grunde genommen die Dinge nicht wirklich im Griff zu haben. Der würde mich interessieren, aber im Moment ist er noch im zweiten Glied. Da müsste er sich erst noch profilieren, so wie das der Söder getan hat. Vielleicht schafft er das jetzt als Superminister.

Wie reizvoll ist Horst Seehofer als Kabarettfigur?

Horst Seehofer ist in der Tat sehr reizvoll als Kabarettfigur. Ich mach ja auch immer wieder Geschichten, sei’s im Schleich-Fernsehen oder ganz kurz auf der Bühne. Allerdings habe ich mit dem Kollegen Wolfgang Krebs ein Gentleman’s Agreement getroffen. Er macht keinen Strauß, ich mach keinen Seehofer. Da haben wir unsere Jagdreviere entsprechend abgesteckt. Aber in seiner ganzen Wendigkeit – er heißt ja nicht umsonst Drehhofer – , in seiner ganzen ironisch-merkwürdigen Art ist er ein gutes Objekt der Parodie, doch.

Höre ich da gerade ein bisschen Neid auf den Kollegen Krebs?

Mit mir nicht. Foto: www.helmutschleich.de

Überhaupt nicht. Ich glaub, dass ich mit dem Strauß immer noch die stärkste Figur in den Händen habe. Ein Vorteil vom Strauß ist: Er kann mir definitiv nicht wegsterben, weil das schon passiert ist, und er ist natürlich nach wie vor der Übervater und die Verkörperung eines Archetypen des bayerischen Politikers. In der Figur sag ich alles. Das ist auch eine feindliche Übernahme.

Abgesehen vom Archetypischen – was macht FJS unsterblich, was macht ihn 25 Jahre nach seinem Tod unverwechselbar?

Das ist nicht nur die Person Strauß. Er verkörpert auch eine gewisse Sehnsucht vieler Menschen nach einer vergangenen, überschaubaren Zeit, als Freunde und Feinde noch klar identifizierbar waren, als es noch keine Globalisierung gab. Man kann sich ein bisserl an seine eigene Jugend zurückerinnern und sagen: Mei, schön war das, auch wenn der Strauß unser Feind war. Und er lebt von dieser Sehnsucht der Bayern, die bei Südbayern noch viel ausgeprägter vorhanden ist als bei den Franken, nämlich was Besonderes sein zu wollen, was sie in der echten Politik nie geschafft haben. Die Bayern haben fürs Grundgesetz gestimmt, im 19. Jahrhundert sind sie mit den Preußen marschiert, mit den Österreichern und mit den Franzosen. Immer haben sie gemacht, was gerade opportun war, und trotzdem bilden sie sich ein, sie seien was ganz, ganz Besonderes, im Gegensatz zu den blöden Österreichern oder den noch blöderen Preußen. All das verkörpert diese Figur Strauß in ihrer Mischung aus Sentimentalität, Brutalität und Vitalität.

Eine Ihrer Paraderollen ist Papst Benedikt. Sind Sie traurig, dass er nicht mehr im Amt ist?

Bin ich, in der Tat, aus der Sicht des Kabarettisten, weil er natürlich eine wunderbare, leicht von dieser Welt entrückte, trotzdem hochintelligente Figur ist, mit sprachlicher Brillanz und einer stimmlichen Eigenart. Eine Figur, die in ähnlicher Form wie Franz Josef Strauß zeitgenössisches Geschehen spiegeln konnte – da lag sehr viel satirische Kraft drin. Katholik bin ich keiner, Christ bin ich keiner, doch mir als Kabarettisten tut der Rücktritt leid.

Er lebt ja noch, man kann ihn ja noch auftauchen lassen.

Das findet ja auch statt. Es kommt zu einem Showdown zwischen Benedikt und Franz Josef Strauß, wer denn jetzt der größte Bayer ist, und selbstverständlich beansprucht das Franz Josef Strauß für sich. Aber Papst Benedikt widerspricht ihm da. Wann wird’s wieder einen bayerischen Papst geben? Das werden wir nicht mehr erleben.

Der Münchner Oberbürgermeister betätigt sich immer wieder mal als Kabarettist, auch in anderen Bereichen gibt es Überschneidungen. Sind die Grenzen zwischen Politik und Kabarett noch klar genug?

Sehr gute Frage. Das ist wirklich mittlerweile ziemlich heftig, wie sich die Politik in Ermangelung von Entscheidungsmöglichkeiten immer mehr als eine Art Schmalspurkabarett geriert. Die Vereidigung des neuen Kabinetts Seehofer war ja schon fast wie Kabarett, als es da hin und her ging zwischen Seehofer und Söder, mit Spitzen, wer welche Blumensträuße bezahlt hat und wie groß die sind. Diese Ironisierung trägt natürlich dazu bei, dass das Ganze immer weniger ernst genommen wird. Und dass das jetzt schon die Politiker ganz offensiv selber übernehmen, macht mich schon nachdenklich. Im Grunde merken die Politiker, dass das Kabarett besser ankommt als ihre Politik, und das ist nicht schön für einen demokratischen Staat.

Als Verkörperung von Franz Josef Strauß hören Sie mit Ihrem Tagebuch knapp vor Landtags- und Bundestagswahl auf. Was wird er denn über die Wahlen schreiben?

Dass das Buch da endet, hängt damit zusammen, dass es am 3. Oktober erscheinen musste. Es wird aber fortgeschrieben. Bei der Landtagswahl ist er im Prinzip der Meinung, dass da noch gar nichts passiert ist. 47 Prozent sind keine absolute Mehrheit, nach Sitzen vielleicht, aber im Grunde ist es eine Neudefinition Straußscher Mathematik, indem man sagt, 50 plus x ist 47. Von wegen König Horst I. – für ihn ist das bestenfalls ein Westentaschen-Wittelsbacher. Und ob König Horst den Kahn CSU wieder in Fahrt bringt, werden die nächsten Jahre zeigen, aber wahrscheinlich wird dieser Kahn im Hafen der großen Koalition verschrottet werden. Wie die Costa Concordia: Vor fünf Jahren von Huber und Beckstein auf Grund gesetzt, jetzt mit viel heißer Luft gehoben und dann im Hafen der großen Koalition verschrottet.

 

Veröffentlicht am: 24.10.2013

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