"Heinrich tanzt" im Staatsballett

Liebe kann tödlich sein

von Isabel Winklbauer

Wenn Jugendliche ihre Beziehungen tanzen, kanns eng werden oder distanziert. Foto: Wilfried Hösl

"Heinrich tanzt II", das Jugendprojekt des Bayerischen Staatsballetts, erkundet die schönen neuen und tückischen Seiten von Beziehungen - ohne Angst vor großen Gefühlen

Ein Bühnenstück mit 127 Pubertierenden einzustudieren ist wahrscheinlich ähnlich anstrengend wie die Besteigung des Nanga Parbat. Das Bayerische Staatsballett leistet den Kraftakt trotzdem jedes Jahr vor der Sommerpause, um der achten Jahrgangsstufe des Heinrich-Heine- Gymnasiums (seit 2012), sowie den Jugendlichen der Berufsschule für den Einzelhandel die Möglichkeit zu geben, mit Tanzprofis zu arbeiten. Ohne Hiphop, sondern mit klassischer Musik.

"Ohne Dich ist alles nichts" heißt die aktuelle Produktion, die sich um menschliche Bindungen dreht - und die Angst davor. Wenn gleich zu Beginn der kräftige Capoeiristo Firas Saka die blühendfrisch singende, ins papierne Brautkleid gewandete Sophia Dekkers entführt, ist das schleißlich ein klares Statement: Beziehungen beinhalten immer auch die Möglichkeit von Gewalt. Oder Abhängigkedit. Oder Gefangenschaft. Und dann sind da ja noch die anderen: Wie reagieren sie, wewnn aus dem konformen Wirbel, dem fliegenden Wechsel der Gruppenaufzüge, zwei Individuen ausbrechen. Die Kreidesilhouette eines Jeden wird doch an die Wand gebannt, und womöglich entstehen durch neue Freundschaften ein falsches Bild...

Auch Tränen und Tod thematisieren die Jugendlichen, die über mehrere Wochen von 14 Staatsballettprofis angeleitet wurden, darunter Kammertänzer Norbert Graf  Und Choreografin Lenka Flory. Die musikalische Basis ist Mozarts " Mitridate. Re di Ponto"., und so besteht kein Zweifel, dass verunglückte Beziehungen fatal sein können. "Stirb!" ruft Firas Saka in Schwarz, und ganze Abteilungen seiner Kameraden stürzen zu Boden. Auch ein pompöses Kleid, das ein auserwähltes Mädchen anziehen darf, wirkt tödlich. Veränderungen im sozialen gefüge sind gefährlich. Und ohne Beziehungen geht es auch nicht - "weil ich es HASSE, allein zu sein!", brüllen die jungen Leute ihre Kernaussage  gegen die Wände.

Tänzerisch ist ein Abend mit 127 Amateuren natürlich schwierig. Flory und ihr Team setzen vorwiegend auf Raumeffekte wie lange Menschenreihen, die nach vorne und hinten schwanken und  sich durchfließen, oder einfach auf große, aus Paaren bestehend Gruppen. Ein Wermutstropfen ist, dass die Schritte nun mal so einfach sein müssen, dass der Unbedarfteste sie noch schafft. Diejenigen, die voller Energie und Tanzkunststecken, sah man folglich öfter mit konzentrierter Langeweile ihr Tempo drosseln und panisch zähledn, um im Meer der aufgezwungenen Langsamkeit nicht den Einsatz zu verpassen.

Die tragischen Sequenzen aus "Mitridate" sind, obgleich berührend und fürs Thema passend, eben nicht das, was Jugendliche in Bewegung bringt. Vor allem die Mädchen hätten gerne richtig losgelegt, war zu beobachten, doch es gab nicht aml unter den Beweglicheren von ihnen eine flotte Extrachoreografie. Anders die Jungen: In einer Kampfszene vderausgabten die Besten sich mit Genuss, in kurzen Slapsticknummern brillierten manche als heimliche Schauspieler.

So erlebte das Publikum Licht und Schatten. Mit Mozart und Magie bewegen die Gefühle, die Jugendliche in Beziehungsdingen hegen. Dass die Mädchen aber so viel mit Kleidern hantieren und passiv bleiben, wirkt konventionell. Weniger Massenszenen, mehr Solos wären ein Rezept, mit dem "Heinrich tanzt" sicher noch spannender würde.

Veröffentlicht am: 28.07.2013

Über den Autor

Isabel Winklbauer

Redakteurin

Isabel Winklbauer ist seit 2011 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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