Ausstellung zu Münchens Schiffspatenschaften im Stadtarchiv

Schiffe versenken - das ist keine Glücksgeschichte

von Achim Manthey

Das rechnet unter die große Nummer Schicksal: Als OB Hans-Jochen Vogel das Fischereischiff "München" am 28. Februar 1961 in Bremerhaven taufte, konnte er nicht ahnen, dass er gut drei Jahre später die Kinder von 27 tödlich verunglückten Seeleuten in München empfangen musste, um Trost zu spenden. Foto: Münchner Stadtarchiv

Gesunken, verschollen, verschrottet, ausgebrannt oder eingemottet - zwischen 1892 und 1972 hat die Stadt München 17 Schiffspatenschaften übernommen. Das war mehr Fluch als Segen. Eine kleine Ausstellung in Stadtarchiv erzählt davon.

München liegt nicht am Meer. Die Isar ist noch nicht einmal schiffbar. Das bedeutet aber nicht, dass der Name der Stadt nicht auf Flüssen, Seen und sogar auf den Weltmeeren präsent gewesen wäre. 16 zivile Schiffe und ein militärischer Kreuzer trugen zwischen 1892 und 1972 den Namen München, was Prinzen und Landesminister, vor allem aber Oberbürgermeister und Stadträte in die Lage versetzte, bei Taufen und Jungfernfahrten auf Steuerzahlers Kosten Seeluft zu schnuppern und -festigkeit zu beweisen.

Aber bekanntlich ist das ja so eine Sache mit den Patenschaften. Denn man weiss am Anfang nie, wie sich der Täufling entwickelt und welches Schicksal er nimmt. München war da besonders gebeutelt. Allein fünf der Schiffe, die den Namen der Stadt trugen, endeten tragisch: Sie sanken, wurden versenkt, brannten aus oder sind verschollen. Zahlreiche Menschenopfer waren zu beklagen.

Dabei steht München auch für die größte Katastrophe der deutschen Hochseefischerei nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Am 28. Februar 1961 hatte Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel in Anwesenheit des bayerischen Landwirtschaftsministers Alois Hundhammer das Fischereimotorschiff, einer der ersten deutschen Heckfänger, in Bremerhaven auf den Namen "München" getauft. Auf seiner 17. Reise sank das Schiff vor der Westküste Grönlands, 27 Besatzungsmitglieder fanden den nassen Tod. Das Unglück bildet den Schwerpunkt der kleinen Ausstellung im Münchner Stadtarchiv. Ein Schiffsmodell von Horst Rüdel aus dem Bestand des Hauses der Bayerischen Geschichte ist zu sehen, daneben werden Fotografien, Zeitungsausschnitte und Traueranzeigen ausgestellt.

Glücklicher erging es den Binnenschiffen. 1892 wurde auf dem Bodensee ein Raddampfer unter dem Namen der Stadt in Dienst gestellt, der immerhin bis 1959 unterwegs war. Ob es sich allerdings tatsächlich um ein "Patenschiff" handelte, ist nicht belegt. Im Stadtarchiv findet sich dazu nichts. Die Nachfolgerin gleichen Namens wurde 1962 eingesetzt und schwimmt bis heute - zum 50. Jubiläum begab sich sogar OB Christian Ude auf die schwankenden Planken.

Besonders fidel könnte es zeitweilig auf dem einzigen Kriegsschiff, das den Namen "München" trug, zugegangen sein. Der spätere König Ludwig III. hatte am 30. April 1904 in Bremen die Taufe vorgenommen. Für die ersten Probefahrten spendierten Münchner Brauereien geschlagene zwei Waggonladungen mit 50-Hektoliterfässern. Ein Wunder, dass der Kahn überhaupt einsatzfähig wurde. Zur Anschaffung eines Pianolas für die Offiziersmesse trug Georg Pschorr mit einer Spende von 150 Mark und der Kommerzienrat Kustermann mit 100 Mark bei. Und auch ein Grammophon für die Mannschaft mit immerhin 80 Schallplatten wurde durch Gaben aus der Münchner Gesellschaft finanziert. Das Schiff wurde 1916 bei einer Seeschlacht auf dem Skagerak schwer beschädigt, außer Dienst gestellt, aufgrund der Versailler Vertrages 1920 an Großbritannien übergeben und verschrottet.

Zu allen Wasserfahrzeugen weiß diese kleine, von Michael Stephan konzipierte und von Margaretha Eisenhofer und Karin Elstner gestaltete Ausstellung mit Urkunden, Fotos, Korrespondenzen, Plakaten und Zeitungsartikeln etwas zu erzählen. Das ist allein deshalb interessant, weil hier ein lediglich winziger, weitgehend unbekannter Aspekt einer inzwischen 855-jährigen Stadtgeschichte dargestellt wird. Dass dieser überwiegend düster war, ist Teil davon. Ob es nötig ist, das im schummerigen Licht eines schmucklosen Gangs im ersten Stock des alten Archivgebäudes noch zu unterstreichen, bleibt eine andere Frage.

Bis zum 26. Juli 2013 im Münchner Stadtarchiv, Winzererstraße 68 in München, Mo bis Fr 9 bis 18 Uhr, Eintritt frei.

 

Veröffentlicht am: 17.07.2013

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