"Restlicht" von Werner Mally am Siegestor

Lichttätowierung erinnert an die Opfer des Holocaust

von Achim Manthey

Restlicht am Siegestor. Modern, heiter, ernst. Foto: Achim Manthey

Mit seiner Skulptur "Restlicht", die zur Zeit am Münchner Siegestor aufgestellt ist, hat der Bildhauer Werner Mally einen temporären Erinnerungsort geschaffen,der zugleich in die Zukunft weist.

Es erinnert an eine Chuppah, den jüdischen Hochzeitsbaldachin, oder an die Sukka, die heute noch von gläubigen Juden zum gleichnamigen Fest jährlich neu gebaute Laubhütte. Vier mal vier Meter misst die Stahlplatte, die auf vier Stützen in 2,7 Metern Höhe ruht. Durch Bohrlöcher in der Platte hat Werner Mally die Jahreszahlen 1938 bis 1945 gebildet, die sich - mit dem Sonnenstand wandernd - wie mit Tätowiernadeln gestochen in das Kopfsteinpflaster des Platzes einzubrennen scheinen - und in die Körper der Passanten, die sich unter das Mahnmal stellen.

Die Pein und Erniedrigung jüdischer KZ-Insassen nimmt Werner Mally mit seiner Installation auf. Foto: Achim Manthey

Die auf Zeit an der Südseite des Siegestors aufgestellte Skulptur will an die Opfer des Holocaust erinnern. Die schon 1935 mit den "Nürnberger Rassengesetzen eingeleitete Judenverfolgung erreichte vor bald 75 Jahren mit der von den Nazis in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 organisierten "Reichskristallnacht" einen ersten traurigen Höhepunkt. Millionen Juden mussten bis 1945 das Land verlassen oder fielen der Verfolgung zum Opfer. KZ-Häftlinge wurden ihrer Persönlichkeit, ihrer Identität, ihrer Namen beraubt. Sie verkamen zu in die Haut eingebrannten Nummern. Dass das Tätowieren menschlicher Haut nach jüdischem Glauben verboten ist, vergrößerte Erniedrigung und Pein der zahllos davon betroffenen Menschen.

Das nimmt Werner Mally, Jahrgang 1955, der als Bildhauer in München lebt und arbeitet, mit seiner Skulptur auf. Initiiert wurde die Arbeit durch die Aufzeichnungen des Großvaters von Mallys Ehefrau. Dieser Friedrich Kral war seit 1943 im Konzentrationslager Sachsenhausen als sogenannter "Schutzhäftling" weggesperrt worden und hatte die Nummer 168514 erhalten, wie sich aus seinen unmittelbar nach seiner Befreiung im Sommer 1945 erstellten Aufzeichnungen ergibt. Die Pläne für das Kunstwerk entstanden bereits vor 20 Jahren. Doch es dauerte lange mit der Realisierung. Gezeigt wurde die Skulptur erstmals 2012 bei der 5. Schweizerischen Triennale der Skulptur in Bad Ragaz. Zuletzt war sie auf dem Stadtplatz im oberbayerischen Geisenfeld zu sehen.

Perforationen in Stahl erzeugen Restlicht. Foto: Achim Manthey

Mally ist es gelungen, eine innovative Form des Gedenkens und Erinnerns zu schaffen, die in ihrer schlichten Modernität in die Zukunft weist. Und auch der Aufstellort in München ist passend gewählt. Nur auf den ersten Blick will die leichte, fast heitere Konstruktion nicht zu dem mächtigen, pathetischen Siegestor passen. Die Skulptur bildet vielmehr einen überzeugenden Gegenpol zu dem Bau, der seit seiner Restaurierung nach dem Zweiten Weltkrieg mit einer 1958 von Hans Braun konzipierten und von Franz Hart gestalteten Inschrift auf der blanken Fläche (auf der stadteinwärts gewandten Seite) zufolge auch zu Frieden mahnt. Und in der nahen Umgebung finden sich zahlreiche Gedenkstätten zur Erinnerung an die Weiße Rose wie die Denkstätte im Hauptgebäude der Universität oder der -  weitgehend unbekannte - Werner-Klingenbeck-Weg, der zwischen Ludwigstraße und Kaulbachstraße an dem am 5. August 1943 ermordeten Widerstandskämpfer erinnert.

Das Kunstwerk hat alle Anlagen, dort nicht nur für ein paar Wochen als statischer Erinnerungsort zu stehen. Lesungen, kleine Konzerte oder andere Veranstaltungen zum Gedächtnis könnten dort stattfinden. Dazu müsste es nur angenommen werden.

Bis zum 27. Juli 2013 am Siegestor in München, jederzeit anzusehen.

Veröffentlicht am: 16.07.2013

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