Münchens schwieriger Umgang mit der Erinnerungskultur

Flamme im Kerker kommt zurück, Fels im Gras soll verschwinden

von Karl Stankiewitz

So soll es werden zwischen Brienner Straße und Maximiliansplatz. Simulation/Model: Baureferat Stadt München

Keine andere Stadt war mit dem Aufstieg und dem Führungspersonal des Nationalsozialismus, mit Verfolgung und Widerstand so lange und so eng verbunden wie München, nicht einmal die damalige Reichshauptstadt Berlin. Dennoch war und ist es gerade in der einstigen "Hauptstadt der Bewegung", die ihr österreichischer Wahl- und zeitweilige Ehrenbürger Adolf Hitler noch in den Stunden des Untergangs durch seine bayerische Sekretärin grüßen ließ, beispiellos schwierig, eine angemessene, umfassende, politisch korrekte Erinnerungskultur zu entwickeln - trotz der ungewöhnlich vielen Straßenbenennungen, Hinweistafeln, Denkmäler und Mahnstätten. Viele sind nur durch bürgerschaftliches Engagement realisiert worden. Eine Übersicht über Münchner Debatten und Projekte.

Ein Musterbeispiel: der Platz der Opfer des Nationalsozialismus (früher: des Faschismus). Jahrzehntelang war das kümmerlich begrünte Dreieck zwischen Brienner Straße und Maximiliansplatz ein Schandfleck. Da gab es immer wieder Streit um die Gestaltung von Stein und Metall, manche Irritation um die Gasflamme, Unbehagen um die unglückliche, isolierte Platzierung inmitten des fließenden und stehenden Verkehrs, Diskurs über die Beschriftung. Seit Monaten ist die Verkehrsinsel wieder eine Baustelle. Es wurde bereits ein kleiner Baumhain gepflanzt, wobei ein Parkplatz verschwand. In diesen Tagen wird das ausgelagerte Mahnmal von Andreas Sobeck - ein kerkerartiger Kubus mit ewig flackender Flamme auf einer sechs Meter hohen Stele - aufgestellt, dazu eine Gedanktafel.

Luftansicht des Platzes der Opfer des Nationalsozialismus. Foto: Baureferat der Stadt München

Heftige Diskussionen gab es im Rathaus um die Frage, in welcher Reihenfolge auf der Tafel die verschiedenen Verfolgten-Gruppen genannt werden. Der Ältestenrat entschied sich endlich für eine Inschrift, die allen gerecht werden soll: "Im Gedenken an die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Verfolgt aus politischen Gründen, verfolgt aus rassistischen Gründen, verfolgt aus religiösen Gründen, verfolgt wegen ihrer sexuellen Identität, verfolgt wegen ihrer Behinderung."

Anfang November 2013, wenn sich der Hitler-Putsch (1923) und die von München aus organisierte "Reichskristallnacht" (1938) jähren, soll die zentrale Neuanlage fertig sein. Bänke kommen noch hinzu. Künftig hat man von hier aus freie Sicht auf die Achse in Richtung der Feldherrnhalle, und auf einem Band im Boden wird man auf weitere Bezugspunkte in der Nachbarschaft verwiesen: auf das Gestapo-Hauptquartier und auf das derzeit im Endausbau befindliche NS-Dokumentationszentrum - das erst nach jahrelangem Zank um die Konzeption verwirklicht werden konnte.

Das von Andreas Sobeck geschaffene Mahnmal mit dem kerkerartigen Kubus und der ewigen Flamme bleibt erhalten. Foto: Archiv Achim Manthey

Der Platz ist jetzt die erste Station eines vom Kulturreferat erarbeiteten, drei bis vier Gehstunden beanspruchenden "Geschichtspfades", zu dem es auch eine Broschüre gibt. Er soll interessierte Bürger und Touristen zu 38 Denkmälern, Mahnmalen, Schautafeln und Installationen führen. Die meisten sind auch vielen Münchnern bisher unbekannt, etwa der unterirdische, 32 Meter lange "Gang des Erinnerns" zwischen Jüdischem Gemeindezentrum und neuer Hauptsynagoge mit den auf Glastafeln eingeritzten Namen der ermordeten Münchner Juden. Oder das an der Türkenschule angebrachte Denkmal der Künstlerin Silke Wagner, das an den Hitler-Attentäter Georg Elser erinnert, indem rote Neon-Röhren täglich Punkt 21.21 Uhr das historische Datum 8. November 1939 aufleuchten lassen.

Andere, meist ebenso versteckte Stationen gelten der ersten Deportation jüdischer Bürger und der Progromnacht 1938, der Ausstellung "Entartete Kunst", dem mutigen Pater Rupert Mayer. Die Opfer der noch im April 1945 aktivierten "Freiheitsaktion Bayern" benennt eine Tafel im Landwirtschaftsministerium, wo vorher der Gauleiter wütete. An die vom Volksgerichtshof ausgeübte "Willkür im Namen des deutschen Volkes" erinnert eine kleine Dauerausstellung im Sitzungssaal 253 (früher 216) des Justizpalastes; sie soll auch ein Signal sein für eine zunehmende Auseinandersetzung der deutschen Justiz mit ihrer Vergangenheit.

Das Denkmal von Silke Wagner an der Türkenschule in der Maxvorstadt erinnert an Georg Elser. Foto: Archiv Achim Manthey

Nicht weniger als sechs Gedenkorte hat der studentische Widerstand "Weiße Rose". Der Bezirksausschuss Haidhausen möchte nun bei einem Zaun am Ostbahnhof einen weiteren Erinnerungsplatz schaffen, mit dem bekannten Foto vom 22. Juli 1942, auf dem sich Sophie Scholl von ihrem einrückenden Bruder Hans und anderen Freunden verabschiedet. Das Kulturreferat warnt aber vor einem Zuviel. Einig sind sich die Gremien indes über einen künstlerischen Wettbewerb für eine Skulptur zur Erinnerung an die etwa 60.000 in der NS-Zeit nach Paragraf 175 strafverfolgten Homosexuellen. Als Standort haben die Antragsteller von der Fraktion "Rosa Liste" die Dultstraße ausersehen, wo einmal das einschlägig bekannte Wirtshaus "Schwarzfischer" stand.

Für die in die Vernichtungslager abtransportierten Sinti war, initiiert durch den Überlebenden Hugo Höllenreiner, seit langem ein Gedenkstein geplant. Mehrere Orte mussten aufgegeben werden. Die Aufstellung an der damaligen Sammelstelle scheitere am Hauseigentümer, während sich das Innenministerium an einem Stein nahe der "Zigeunerzentrale" im Polizeipräsidium stieß. Als endlich doch noch eine Bronzeplatte verlegt wurde, am Platz der Opfer des NS-Regimes, bezeinete Oberbürgermeister Christian Ude die lange Verzögerung schlicht als Schande.

An die ermordeten Sinti und Roma erinnerte bisher eine Gedenktafel auf dem Platz der Opfer des Nationalsozialismus. Foto: Archiv Achim Manthey

Auf Probleme stösst auch die Aktion "Stolpersteine". Die vom Münchner Künstler Gunter Dennig in Beton gegossenen Steine sollen vor Häusern, aus denen Juden deportiert wurden, ins Pflaster verlegt werden, nur die Messingoberfläche mit den Namen sind sichtbar. 38.000 solcher Steine sollen bereits in etwa 750 Orten Europas liegen. In München indes sind sowohl die rot-grüne Mehrheit wie auch die Jüdische Gemeinde gegen Stolpersteine im öffentlichen Raum, denn das Andenken dürfe nicht "mit Füßen getreten" werden. So konnten bisher nur private Initiativen etwa 20 Orte derart markieren. Immerhin wurden sie amtlich toleriert. (Nur der notorisch isolierte Stadtrat einer fremdenfeindlichen Partei schimpfte über die "illegalen Verlegungen" und das "ausufende Biotop der Bewältigung der Münchner NS-Zeit".)

Verkrampft und befangen

Erstaunlich ist jedenfalls der Eifer, mit dem das offizielle und das inoffizielle München neuerdings das Gedächtnis an Nazi-, Krieg- und Nachkriegszeit gewissermaßen "auffrischt" - nach so langer Zeit des Vergessens, Verdrängens und der Auseinandersetzung über die politisch korrekte Gestaltung der Erinnerungskultur. In diese Art Denkmalpflege sind auch sehr spezielle Opfergruppen einbezogen, wie etwa die Gedenktafel "zum Approbationsentzug jüdischer Zahnärzte" oder der markierte Ort mit den sterblichen Überresten der Kindereuthanasie. Der "Geschichtspfad" ist längst nicht vollständig und endgültig wohl auch nicht.

Das offizielle München hat sich bisher oft bedeckt gehalten. Schon 2002 hatte der Publizist Richard Chaim Schneider als Sprecher der Jüdischen Gemeinde in einem Vortrag klargemacht, dass weder die Idee eines Jüdischen Museums noch die Idee für ein NS-Dokumentationszentrum von Politikern gleich welcher Coleur stammten. Und 2004 beklagte der amerikanische Architektur-Professor Gavriel D. Rosenfeld als ehemaliger Münchner in einem Buch über die "Strategien des Vergessens" eine "fortdauernde Ambivalenz" im Umgang mit Gedenkstätten, die oft eher verkrampft und befangen als wirklich ignorant wirkte.

Viele Orte erinnern an die Mitglieder der "Weißen Rose", wie am Geschwister-Scholl-Platz in München. Foto: Archiv Achim Manthey

Dass jetzt endgültig Schluss sein soll mit dem Verstecken und Infragestellen der Orte des Erinnerns, des Gedenkens, der Trauer, ist vielleicht nicht zuletzt ein Verdienst der überparteilichen, kürzlich mit dem Hoegner-Preis ausgezeichneten Vereine "Bayerisches Bündnis für Toleranz" und "Gegen das Vergessen - Für Demokratie". Noch im Alter von 86 Jahren engagiert sich einer der Mitbegründer, Hans-Jochen Vogel - ebenso wie es der kürzlich verstorbene FDP-Abgeordete Max Stadler und viele andere prominente Politiker getan haben - für vielerlei Veranstaltungen und Projekte, neuerdings etwa für die Rehabilitierung der von den Nazis hingerichtete "Kriegsverräter".

Jüngster Stein des Anstoßes ist ein Fels ohne jegliche Inschrift. Zusammen mit anderen Seniorinnen hat die Künstlerin Margot Günther den andertalb Meter hohen Brocken am Marstallplatz hinter der Residenz auf staatlichem Grund unter die Bäume ins Gras gepflanzt. Er soll die Münchner "Trümmerfrauen" ehren. Mehrmals hatte die Stadtratsmehrheit ein derartiges Denkmal abgelehnt. Es gebe keiner verlässlichen Zahlen über den Einsatz von Frauen bei der Trümmerbeseitigung in München, stellte Ude fest. Ein Einsatz sei hier - so heißt es in einem vom Stadtmuseum betreuten Buch "Trümmerzeit" - keinesfalls eine solche Selbstverständlichkeit gewesen wie etwa in Berlin, wo sich bis zu 60.000 Frauen an der schweren Aufräumarbeit beteiligt haben sollen.

Jüngster Stein des Anstoßes: Ein Felsbrocken als Denkmal für Münchner Trümmerfrauen auf dem Marstallplatz hinter der Residenz. Foto: Karl Stankiewitz

"Die Münchner Trümmerfrau bleibt wohl größtenteils eine Chimäre", erkannten die Stadthistoriker schon 1984. Aktuelle Einwände besagen überdies: Manche der historischen Fotos, auf denen heldenhafte Frauen mit Ziegelsteinen und verkohlten Balken hantieren, seien noch von den Nazis inszeniert worden. Und: Zum großen, vom Nachkriegs-OB Wimmer ausgerufenen "Ramadama" seien vor allem politisch belastete Männer und Frauen zwangsverpflichtet worden.

Es gehe ja keineswegs um "verlässliche Zahlen", sondern um Menschen, erwidern die 40 von der CSU-Fraktion unterstützten Frauen vom "Verein Dank und Gedenken der Aufbaugeneration, insbesondere der Trümmerfrauen". Sie hätte ihr Denkmal lieber auf dem aus den Kriegsruinen aufgehäuften "Olympiaberg" gesehen. Dort aber erinnert schon die sogenannte "Schuttblume" des namhaften Bildhauers Rudolf Belling an die Opfer des Bombenkrieges; auch dieses expressionistische Kunstwerk war etwas im Gebüsch versteckt worden - wegen der Nähe zu auf Bergen eher üblichen Gipfelkreuzes.

Wenig Gefallen fand eine vom Kulturreferat selbst angeregte, städtisch finanzierte, ganzjährige Kunstaktion: Just vor der historisch belasteten Feldherrnhalle nimmt ein Mann täglich um Punkt zwölf Uhr aus einem fest installierten Glaskasten ein Megaphon und verkündet: "Es ist niemals zu spät, sich zu entschuldigen!" Passanten können nur rätseln, wer sich wo für entschuldigen soll. Klar abgelehnt haben die zuständigen Stellen neuere Vorschläge, die "Schwabinger Krawalle" von 1962 und die Auseinandersetzungen anlässlich des Weltwirtschaftsgipfels 1992 durch ortsbezogene Gedenktafeln ins Stadtbild zu rücken. Dafür, hieß es aus dem Rathaus, sei die Zeit denn doch noch nicht reif.

Doch die Zeit drängt, und immer neue Ideen reifen. Nicht nur in München. "Je mehr Zeitzeugen sterben, je weiter die Deutungsmacht der 68er-Generation schwindet und je offener Deutschland sich als Einwanderungsgesellschaft begreift, desto mehr wird auch die etablierte Erinnerung an Verbrechen und Schuld der Deutschen auf einen Prüfstand gestellt." So kündet der Münchner C.H. Beck Verlag für den Herbst 2013 ein Buch der Konstanzer Literaturwissenschaftlerin Aleida Assmann an. Sein Titel: "Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur".

Die neueste Idee stammt übrigens von der Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller. Ihr geht es um eine zentrale Gedenkstätte für alle in der Nazi-Zeit emigrierten Künstlerinnen und Künstler. Ein solches Projekt wäre in München, wo der Literaturnobelpreisträger Thomas Mann im Februar 1933 den nachhaltigen Exodus des deutschen Geistes eingeleitet hatte, gewiss passend platziert.

 

Zu diesem Text erreichten uns via Facebook folgender Hinweise von Edith Grube, die wir mit ihrer freundlichen Erlaubnis auch gerne hier weitergeben:

Frau Grube wünschte sich eine weitere Verbreitung des Textes von Karl Stankiewitz und gab dazu auf Nachfrage folgende Erklärung:

FB, 2.11.13: "Zum einen bin ich die Tochter von Werner Grube, Mitinitator der Stolpersteine eV. München. Leider ist er im Jan. 2013 im Alter v. 82 Jahren verstorben. Zum anderen steht ja der 9.11. vor der Türe. Mein Vater und seine beiden Geschwister sind sogenannte Geltungsjuden gewesen. Seine Mutter war Jüdin. Alle 4 haben das KZ Theresienstadt zum Glück überlebt. Der Vater seiner verstorbenen Schwägerin (Erika Grube geb. Binder) war Otto Binder, der Opa von ihr war Wilhelm Olschewski. Diese beiden wurde in Stadelheim umgebracht da sie gegen das Nazi-Regime waren. Ebenso wurden die Geschw. Scholl aufgrund ihres "anders" sein und ihres politischen Wirkens von den Nazis umgebracht. Und daher denke ich, wäre es eine gute Sache, hier in FB auch diesen Menschen würdig zu Gedenken, anzumahnen und zu würdigen.

Mein Vater hat auch bewirkt, dass der Platz vor dem Kulturzentrum in München nun "Curt-Mezger-Platz" heißt. Dieser Mann wurde ebenfalls denunziert und umgebracht. Das jüngste Kind aus der Linie meines Vaters war Bela Berenz und grade mal 6 Monate alt als es am 31.12.42 im KZ Izbica für tot erklärt wurde."

Außerdem möchte Frau Grube unsere Leser noch auf folgende Webseiten hinweisen (FB, 3.11.13):

www.stolpersteine-muenchen.de und www.forschungsreise-wider-das-vergessen.de

Hinweis der Red. (19.11.13): Über die "Forschungsreise wider das Vergessen" haben wir seinerzeit ausführlich berichtet, zum Beispiel hier. Weitere Texte dazu lassen sich finden, indem man mit unserer Suchmaske in den KV-Texten nach "Forschungsreise" sucht.

 

 

 

 

 

 

 

 

Veröffentlicht am: 30.06.2013

Andere Artikel aus der Kategorie
Oskar Holl
30.06.2013 15:32 Uhr

Vielen Dank, Herr Stankiewitz, für Ihren Artikel!

Oskar Holl

Vorsitzender

Bezirksausschuss 3 Masvorstadt

Thomas Nowotny
01.07.2013 11:58 Uhr

Danke für den Artikel zu einem wichtigen Thema.

Bei den Stolpersteine muss aber einiges korrigiert werden: Der Künstler heißt Gunter Demnig und stammt aus Köln; viele Politiker von SPD und Grünen und auch viele Mitglieder der Jüdischen Gemeinde sind dafür, nur Frau Knobloch und Herr Ude sind dagegen.

Hoffentlich wird das Verbot bald aufgehoben, das es in dieser Form nur noch in München gibt (ausgerechnet in der "Hauptstadt der Bewegung"! Mehr Infos unter http://www.stolpersteine-muenchen.de/

janne weinzierl
03.07.2013 14:50 Uhr

dieser sehr fundierte Überblick über die Haltung der LH München ruft einem noch mal nachdrücklich das so unentschiedene Eintreten für eine wirkliche Gedächtniskultur vor Augen, es ist alles etwas verdruckst! Und dass man Angehörigen von Opfern des Naziterrors ihren Wunsch nach Stolpersteinen verweigert mit diesem überflüssigen und obrigkeitsstaatlichen Verbot ist ein Verstoß gegen jede Empathie!

Artikel kommentieren...






Reload Image