Gedenken in privaten Raum bringen: Der Künstler Paul Huf und seine "Forschungsreise wider das Vergessen"

von Clara Fiedler

Von Links nach Rechts: Paul Huf, Ernst Grube, Helga Hanusa. Foto: Marta Reichenberger

Eine seltsame Stimmung herrscht bei den vier Forschungsreisenden, die da am Bahnhof in Milbertshofen für ein Foto posieren. Sie lächeln, ja. Und der Künstler Paul Huf strahlt sogar eine Art von Vorfreude aus. Ernst Grube, der 78-jährige Holocaust-Überlebende, seine Frau Helga Hanusa und die Journalistin und Autorin Renate Eichmeier wirken eher angespannt. Kein Wunder. Die Reise geht in die Vergangenheit, in das düsterste Kapitel der deutschen Geschichte.

Während des Dritten Reichs wurden vom Milbertshofener Bahnhof aus Juden in die Vernichtungslager in Theresienstadt, Auschwitz, Lublin und Kaunas deportiert. Ernst Grube war damals einer von ihnen.  Heute machen sie sich zu viert auf die Reise,  eine dieser Strecken noch einmal abzufahren, Eindrücke, Zeichnungen, Fotografien und Erinnerungen zu sammeln und den Menschen das Ganze wieder ins Gedächtnis zu rufen.

Der Güterbahnhof in Milbertshofen. Foto: Paul Huf

Jeden Tag werden die vier eine Art Reisetagebuch per Email nach München schicken. Die Bilder und Texte werden dann an die Wände des Kulturhauses Milbertshofen projiziert.  Seit einem Jahr bereitet Paul Huf diese Reise vor. „Wir werden vor Ort auch Museumsleiter und Historiker treffen. Die Kontakte herzustellen, das alles zu organisieren, war sehr viel Arbeit.“ Und sicher, man hätte auch fliegen können. „Aber wir müssen uns vorstellen, genau so war das vor 70 Jahren. Es war genau diese Jahreszeit.“ In diesem Kontext wirkt der Bahnhof sogar an diesem ungewöhnlich warmen Novembertag eiskalt. Selbst Lars Mentrup, der sich um die Projektionen in Milbertshofen kümmern wird und mit einer offenherzigen Ernsthaftigkeit hinter dem Projekt steht,  kann mit seiner quirligen Art nicht den Schleier über diesem Ort heben.

Ernst Grube selbst ist eine eindrucksvolle Persönlichkeit. Stille Würde strahlt er aus, in den blauen Augen ein fast neugieriges Blitzen, in der Haltung und der Art zu Reden eine erstaunliche Gelassenheit. „Was mich gereizt hat“, beginnt er seine Gedanken zu dem Projekt zu formulieren, „ist die Frage, die sich alle Zeitzeugen stellen. ‚Wenn wir sterben, was passiert dann?’“ Sein Mut, sich all diesen Dingen noch einmal zu stellen, ist seine Strategie gegen das Vergessen. Die Bilder, Fotos, Zeichnungen werden nach der Reise im Kulturhaus aufbewahrt werden und jeder kann sie sozusagen „entleihen“. So wandert das Gedenken, das normalerweise an öffentlichen Orten wie Kirchen oder auf Veranstaltungen stattfindet, in den privaten Wohnraum der Menschen. „Sie werden es vielleicht jeden Tag sehen, oder jemand fragt: ‚Was hast Du da hängen’“, äußert Grube seine Hoffnung, dass dieses Stück Geschichte nicht verloren geht.

Der kleine Trupp, bestehend aus den vier Reisenden, plus Lars Mentrup und Tatiana Hänert und Marta Reichenberger vom Kulturhaus Milbertshofen, bewegt sich nach einem kurzen Rundgang über den Bahnhof wieder langsam Richtung Kulturhaus. „Der Winter war vor 70 Jahren ein bisschen kälter als jetzt. Ohne dass ich genau sagen könnte, wie kalt er war“, bemerkt Grube, der während der Reise mit Schulklassen sprechen wird, um auch dort das Bewusstsein zu schaffen für das, was er und hunderttausende andere erleben mussten.

Auf dem Weg zum Kulturhaus wird man noch kurz auf die sogenannte Judensiedlung hingewiesen, die sich ihrerzeit in der Knorrstraße 148 befand. Vor dem Kulturhaus wünscht Marta Reichenberger den vier Reisenden „jeden Tag fünf Minuten Lachen“. Die Bilder und Texte, die auch hier auf dem Kulturvollzug tagebuchartig erscheinen, werden zeigen, ob den Teilnehmern das möglich war.

Anm. d. Red. (13.12.11, 23 Uhr): Die Schreibweise einiger Namen im Text wurde korrigiert.

 

Veröffentlicht am: 07.11.2011

Über den Autor

Clara Fiedler

Redakteurin

Clara Fiedler ist seit 2011 beim Kulturvollzug.

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