Emigranten-Fotografien von Stefan Moses

Bilder des Vertrauens, Reisen in andere Zeiten und Erinnerungen

von Achim Manthey

Jüdisches Seniorenstift, Würzburg 1964 (c) Stefan Moses

Die Bayerische Akademie der Schönen Künste zeigt in der berührenden Ausstellung "Deutschlands Emigranten" Portrait-Fotografien des großen Stefan Moses.

Niemand kennt sie mehr. Sie trugen keine großen Namen. Aber sie teilten das Schicksal vieler, ob sie berühmt waren oder nicht: Die Flucht vor den Nazis und ihrer Schreckensherrschaft, die Vertreibung aus ihren Gemeinden durch die braunen Horden, verstreut in aller Herren Länder. Aber viele sind zurückgekommen, als der "1000-jährige" Spuk vorbei war, haben neu angefangen, sind hier alt geworden und wach geblieben. Eindrucksvoll zeigt das die 1964 entstandene Aufnahme von Bewohnern des Jüdischen Seniorenstifts Würzburg, die zu den berührendsten der Ausstellung zählt.

Es sind keine neuen Fotografien - gegen die Kurzbezeichnung "Foto" wehrt sich Stefan Moses seit jeher energisch - zu sehen, die gezeigten Arbeiten entstanden zwischen 1949 und 1994. Die meisten Bilder kennt man aus früheren Ausstellungen und den zahlreichen Buchpublikationen des Fotografen. Ihre bleibende Größe besteht darin, dass sie aus jedem neuen Kontext, in den sie gestellt werden, eine nachgerade zeitlose Aktualität gewinnen. Viele der "Waldbilder" sind darunter, in denen Moses die Menschen in Parks oder Wälder lockte, an oder zwischen Bäumen plazierte und sich selbst in Pose bringen ließ, um sie dann abzulichten. Auch Aufnahmen, für die der Fotograf Menschen vor einem Ankleidespiegel Platz nehmen ließ und ihnen den Selbstauslöser in die Hand drückte, um den Zeitpunkt der Aufnahme selbst zu bestimmen, werden gezeigt.

Hans Mayer mit Ernst Bloch, Tübingen 1963 (c) Stefan Moses

Fast hilflos ob der ihm übertragenen Selbstbestimmung, die er fast verlernt zu haben schien, schaut der Philosoph Ernst Bloch in den Spiegel auf dem 1964 entstandenen Bild. Willy Brandt ist auf einer 1965 entstandenen Aufnahme mit seiner Mutter Martha Frahm und dem Stiefvater Emil Kuhlbaum an einem Fenster sitzend zu sehen. Fast 20 Jahre später entstand die Fotografie, die den früheren Bundeskanzler im Wald zwischen zwei Bäumen zeigt. Aus allen in der Ausstellung gezeigten Bildern, die didaktisch geschickt in alphabetischer Reigenfolge der abgebildeten Personen auf drei Räume aufgeteilt ist, springt dem Betrachter raumfüllend das Vertrauen entgegen, das die Protagonisten diesem Lichtbildner entgegen brachten.

Stefan Moses, 1928 im schlesischen Liegnitz geboren, begann 1943 eine fotografische Lehre im Studio von Grete Boddíc in Weimar, die er - dazwischen zur Zwangsarbeit eingezogen - erst 1946 beenden konnte. Eine Tätigkeit als Theaterfotograf am Nationaltheater Weimar schloss sich an. 1950 zog er nach München, wo er seither lebt und arbeitet. Erste Bekanntheit erlangte er für seine Bildreportagen für Zeitschrichten wie Stern und magnum, ab 1965 jedoch insbesondere für seine freien Projekte, aus denen zahlreiche Ausstellungen und Bücher entstanden. Seit 1994 ist er Mitglied der Bayerischen Akedemie der Schönen Künste.

Annette Kolb, München 1964 (c) Stefan Moses

Großes Lebensthema von Stefan Moses sind Deutschland und die Deutschen. Zunächst in West- und ab 1989 auch in Ostdeutschland holte er unzählige bekannte und unbekannte Persönlichkeiten vor seine Kamera, um sie, oft herausgenommen aus ihrer Lebensituation, zu portraitieren. Nicht von ungefähr trägt eine seiner bekanntesten Buchpublikationen den Titel "Jeder Mensch ist eine kleine Gesellschaft". Seine Arbeiten stellen eine historisch bedeutende Chronik der deutschen Nachkriegsgesellschaft dar.

Die Münchner Ausstellung zeigt mit rund 100 Portraitaufnahmen lediglich einen kleinen Teil derer, die aus Nazi-Deutschland fliehen mussten oder vertrieben wurden, in Ländern landeten, deren Sprache sie oft nicht oder nur unzureichend beherrschten und in denen sie nicht oder nur unter Erschwernissen arbeiten konnten. Für viele bedeutete die Emigration eine Entwurzelung, den Verlust ihrer gesellschaftlichen, kulturellen und häufig wohl auch nationalen Identität. Die Portraitierten verkörpern eine "Ästhetik des Widerstands, die für Leben, Denken, Kunst und Kultur nach 1945 das kritische Bewusstsein prägte, ja überhaupt erst möglich machte", heißt es in einem Begleittext zur Ausstellung. Die Fotografien von Stefan Moses halten etwas fest, drücken etwas aus, was heute kaum noch vorstellbar ist.

Rose Ausländer, Düsseldorf 1976 (c) Stefan Moses

Was für Bilder sind dabei! Die Schriftstellerin Annette Kolb im schwarzen Kleid und schwarzen Hut, die zart und gebrechlich, als könne sie der nächste Windhauch davon wehen, sitzt voller Ernst und Konzentration am Konzertflügel. Die Aufnahme entstand 1964. Hermann Kesten sitzt in einem römische Caffe und schaut eher befremdet auf den Fotografen (1954), Mitglieder der Gruppe 47 widmen sich in voller Bedeutungshaftigkeit den Widersprüchen der Nachkriegs-Intellektualität, die beim Bürgertum noch längst nicht angekommen war. Wie gemeißelt erscheinen die Portraits der surrealistischen Muse und Ikone der feministischen Kunstbewegung Meret Oppenheimer, die 1981 in Bern entstanden.

"Es ist immer wieder erstaunlich, wie viel 'Mensch' in einem Bild eingefangen und ausgedrückt werden kann", hat ein Besucher der Ausstellung ins Gästebuch geschrieben. Wie wahr. Stefan Moses wird im August dieses Jahres 85 Jahres alt. Die Schau mit ihrem ebenso ernsten wie beglückenden Thema ist die eine Geschichte. Die vorzeitige, aufrichtige Hommage an den Künstler die andere.

Bis zum 30. Juni 2013 in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, Residenz, Max-Joseph-Platz 3 in München, Di-So 11-17 Uhr, Katalog. Am 25. Juni findet zur Ausstellung noch eine Abendveranstaltung statt. Näheres unter www.badsk.de

Veröffentlicht am: 20.06.2013

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