Fotos von Inge Morath im Amerika Haus

Rotstrichmillieu - 18 Tage auf der Straße quer durch die USA

von Achim Manthey

Verlassene Straße am Mittag (c) The Inge Morath Foundation/Magnum Photos

Die Ausstellung "The Road to Reno" dokumentiert die Reise der Fotofrafin Inge Morath quer durch die Vereinigten Staaten zu den Dreharbeiten des Films "The Misfits - Nicht gesellschaftsfähig". Sie entdeckte ein Land und fand die Liebe.

Es begann mit einem roten Strich. Henri Cartier-Bresson, Mitbegründer der legendären Bildagentur Magnum, hatte ihn mit Fettstift auf einer Landkarte gezogen. Die Linie reichte von New York über Gettysburg, Memphis und Albuquerque bis nach Reno.

1960. In der Wüste von Nevada dreht der Regisseur John Huston den Film "The Misfits - Nicht gesellschaftsfähig" nach dem Roman von Arthur Miller, der auch das Drehbuch geschrieben hatte. Am Set ein Staraufgebot: Marilyn Monroe, Clark Gable, Montgomery Clift, Thelma Ritter oder Edi Wallach hatten dutzende Fotografen an den Drehort gelockt. Allein Magnum war mit 18 Bildjournalisten, unter ihnen Eve Arnold, vertreten. Inge Morath und Cartier-Bresson waren die letzten aus der Agentur, die sich auf den Weg machten.

Für Inge Morath, die "Zugroaste", wie man hier sagen würde, war es die erste Reise durch die USA - eine terra inkognita, in die sie auf diesem 18-tägigen Road-trip mehr und mehr eintauchen sollte. Es entstand eine eindrucksvolle Bilder-Serie, mit der die Fotografin die Vielfalt und die Charakteristika unvoreingenommen, anfangs geradezu naiv eingefangen hat.

George Washington, Hall of Fame of the Presidents, Gettysburg, Va, 1960 (c) The Inge Morath Foundation/Magnum Photos

Inge Morath wird 1923 im österreichischen Graz geboren, wächst zunächst in Darmstadt und dann in Berlin auf, wo sie Romanistik und Sprachwissenschaften studiert. Der 2. Weltkrieg trifft auch sie. Nach einem Bombenangriff auf Berlin flieht sie nach Österreich, arbeitet in Salzburg und Wien als Journalistin, textet unter anderem für den Fotografen Ernst Haas. Der hilft ihr, 1949 nach Paris zu übersiedeln. Schnell wird sie dort Teil der Kultur- und Intellektuellenszene, ist unter anderem mit der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann befreundet. Der Magnum-Mitbegründet Robert Capa wird auf sie aufmerksam und holt sie in die Agentur, wo sie zunächst Texte schreibt.

Erst 1951 geginnt sie, sich der Fotografie zu widmen. Durch die Heirat mit dem Journalisten Lionel Birch verschlägt es sie nach London, wo sie als Praktikantin für den Fotografen Simon Guttmann arbeitet. Zurück in Paris - Birch war inzwischen Geschichte - arbeitet sie zwei Jahre lang als Rechercheurin und Assistentin für Henri Cartier-Bresson. 1955 wird sie als erste Frau in den erlauchten Kreis der Magnum-Fotografen aufgenommen.

Marilyn Monroe und Arthur Miller am Ende eines Drehtages in ihrem Hotel in Reno (c) The Inge Morath Foundation/Magnum Photos

Und dann kam diese Reise. Inge Morath arbeitete inzwischen im New Yorker Büro von Magnum, war bisher aus der Stadt kaum herausgekommen und fremdelte noch etwas mit dem Land. Schon am Stadtrand begann sie zu fotografieren. Neugierig und fasziniert von den so unterschiedlichen alltäglichen Situationen lichtete sie flüchtige Momente ab, die in der Gesamtschau zwar kein kontinuierliches Bild bieten, aber eine Vorstellung davon vermitteln, was das Lebensgefühl der Amerikaner zu jener Zeit ausgemacht haben muss.

Da ist eine Brücke im italienischen Stil in Harrisburg, Pennsylvania zu sehen oder die "Hall of Presidents" in Gettysburg. Das Restaurant "Hirsch" an irgendeinem Highway bietet Sea Food, Steaks, Chops und Chicken. Die Schaukelstühle auf der Veranda des Hauses, in dem der Schriftsteller Thomas Wolfe in Ashville, North Carolina, lebte, würde Westernatmosphäre vermitteln, würde die Szene nicht erdrückt durch das Hochhaus im Hintergrund. Verlassene Goldgräberstädte in Nevada oder ein aufgelassener Friedhof für Minenarbeiter sind abgebildet oder Indianer-Pueblos, in denen zwar das Fotografieren verboten ist, Besucher aber willkommen sind, wie auf Schildern zu lesen ist. Und selbstverständlich legen die Rothäute für interessierte Touristen auch fulminaten Federschmuck an und führen Stammestänze auf.

Die Fotografien fangen die Vielfältigkeit der Landschaften, der kleinen und mittleren Städte mit ihrer Beschaulichkeit und ihrem Spießertum ebenso ein wie politische und religiöse Einstellungen der Bürger. "Christ died for the ungodly" hat ein gläubiger Farmer auf ein an einen Baum an einer Landstarße in Arkansas gepinntes Schild geschrieben.

Klar, dass in der Ausstellung auch einige Aufnahmen von den Dreharbeiten von "The Misfits - Nicht gesellschaftsfähig" zu sehen sind. Standfotos, aber auch Bilder, die außerhalb des Sets entstanden sind: Marilyn Monroe im Frotteebademantel und mit ihrem damaligen Mann, dem Dramatiker und Romanautor Arthur Miller, am Fenster eines Hotelzimmers.

Und zwischen Inge Morath und Arthur Miller entsteht etwas: Liebe. Sie heiraten 1962 und leben bis zu Inge Moraths Tod am 30. Januar 2002 in New York und Connecticut.

Die Schau bietet ein faszinierendes fotografisches Reisetagebuch überwiegend in Schwarz-Weiß-Bildern. Inge Morath hat sich selbst einmal als Schwarz-Weiß-Fotografin bezeichnet. Tatsache ist aber, dass sie schon sehr früh damit begonnen hatte, in Farbe zu fotografieren. In der Ausstellung sind auch einige Farbaufnahmen zu sehen. Ganz bewusst nutzt Morath die Möglichkeiten des Farbflms, um das Bunte, Plakative und die Lebendigkeit des Motivs darzustellen. Augenfällig wird das bei den in Las Vegas entstandenen Aufnahmen von Spielautomaten oder den sehr besonderen Landschaften des Petrified Forrest in Arizona.

Dass sie das Schreiben nicht verlernt hatte, beweisen die in der Ausstellung gezeigten Aufzeichnungen, die Inge Morath abends im Hotelzimmer verfasst und später mit Schreibmaschine ins Reine geschrieben hat.

Die Schau ist interessant, erfrischend und erheiternd, bedrückend - und irgendwie sehr amerikanisch.

Bis zum 26. Juli 2013 im Amerika Haus, Karolinenplatz 3 in München, Mo-Fr 10-17 Uhr, Mi bis 20 Uhr, Eintritt frei. Mehr über Inge Moraths Farbfotografie lesen sie hier.

 

 

Veröffentlicht am: 06.06.2013

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