Lenbachhaus wiedereröffnet

Goldener Tempel für die Kunst

von Jan Stöpel

Noch ist er goldig und glänzend, der Anbau nach Entwürfen der Architekten Foster + Partners. Aber im Lauf der Zeit wird sich der Farbton angleichen. (Foto: Achim Manthey)

Das Schmuckkästchen am Entreé des Königsplatzes glänzt wieder: Nach Jahren des Um- und Anbaus öffnet das Lenbachhaus am heutigen Mittwoch seine Pforten. Mit prominenten Neuzugängen auch aus der zeitgenössischen Kunst, einer teilweise atemberaubenden Architektur - und einer beeindruckenden und neuartigen Lichtregie.

Es gibt eine gute Nachricht für Bayreuth, die Verehrer von Wagner und alle, die sonst mit Haus Wahnfried zu tun haben, eine gute Nachricht auch für die Befürworter der Elbphilharmonie, von Stuttgart 21, des Berliner Flughafens und anderer Großprojekte, die zur Unzeit vorangetrieben werden oder auch einfach steckengeblieben sind: Es kann alles gut werden. Manchmal sogar dermaßen gut, dass man sich ab der Neueröffnung all der Peinlichkeiten bei Planung, Genehmigung und Bau gar nicht mehr erinnert. So wie bei der Münchner Städtischen Galerie im Lenbachhaus, der Heimat des Blauen Reiter. Dort ist es nunmehr gut geworden. Sehr gut sogar.

Und das nach den Ärgernissen im Jubiläumsjahr 2011. Damals stand der hunderste Geburtstag des "Hausheiligen" an, des Blauen Reiter. Man wollte feiern – und konnte nicht so wie gewünscht, weil an- und umgebaut wurde. Das ist nun vorüber. Die Bauzäune waren schon länger verschwunden, ab Mittwoch darf das Publikum den Blauen Reiter wieder an angestammtem Ort besuchen. In einer Heimstatt, die von den Architekten Foster + Partners aus London für rund 60 Millionen Euro mehr als nur ein wenig aufgehübscht wurde. Das neue Lenbachhaus ist, das darf man nach einem ersten eiligen Rundgang sagen, ein Glanzpunkt in der Münchner Museumsszene.

Das liegt einerseits an der Sammlung, die in der Zwischenzeit noch ein bisschen angewachsen ist. Der Bestand der Christoph-Heilmann-Stiftung an Bildern der Romantik und der Schule von Barbizon ist nun im Lenbachhaus zu sehen, Malerei des 19. Jahrhunderts aus Deutschland und Frankreich. Mit „Vor dem Aufbruch aus dem Lager I“ hat die Stadt mit Hilfe von Spendern ein weiteres Hauptwerk von Joseph Beuys (1921 bis 1986) gekauft. Dazu gibt es 17 Beuys-Skulpturen aus dem Besitz des Verlegers und Sammlers Lothar Schirmer.

Viel Zeitgenössisches gehört nunmehr zum Lenbachhaus, Werke von Gerhard Richter, Thomas Demand, Maria Lassnig, Wolfgang Tillmans, Monica Bonvicini und Erwin Wurm. Möglich macht’s vor allem die Kico-Stiftung, 2009 von einem Sammlerehepaar ins Leben gerufen, das ungenannt bleiben will und ansonsten in Abstimmung mit dem Lenbachhaus Kunst kauft, um sie als Dauerleihgabe zur Verfügung zu stellen.

Das Problem der Verquickung von privater Sammelleidenschaft und öffentlicher Präsentation liegt dabei auf der Hand: Man vermisst mal wieder den roten Faden. Wer als unvorbereiteter Besucher das Münchner Museumsquartier aufsucht und meint, sich anhand Alter und Neuer Pinakothek sowie der Pinakothek der Moderne durch die Chronologie der Kunstgeschichte arbeiten zu können, sieht sich getäuscht.

Das Lenbachhaus ist noch weniger als zuvor ein Gebäude ausschließlich für Münchner Kunst oder Expressionisten. Einzigartig ist es, weil es die größte Sammlung von Werken des Blauen Reiter weltweit besitzt (viele weitere Werke befinden sich in Museen in der näheren Münchner Umgebung). Was jedoch die anderen Werke betrifft, gibt es große Schnittmengen mit anderen Häusern. Sigmar Polke, Gerhard Richter oder Katharina Grosse beispielsweise kann man auch in der Sammlung Brandhorst bewundern. Andererseits lassen sich mit dem Sammelsurium echte Überraschungen bereiten. Wenn ein Saal mit Werken des 19. Jahrhunderts mit abstrakten Bildern von Richter abschließt, ergibt sich ein reizvoller Kontrast. Des Blauen Reiter neue Wohnung - eine prächtige Kunst-WG.

Der Geist des Ortes wird in dem neu gestalteten Lenbachhaus eine noch größere Rolle spielen als in anderen Museen. Mit der Vorderfront blickt das im italienischen Stil gehaltene Haus auf den Königsplatz und die Propyläen, wie ein Stück Toskana unter weißblauem Himmel. Die Hinterseite wendet das Lenbachhaus der ruhigen Richard-Wagner-Straße zu – und dort hat sich Entscheidendes getan. Ein Riegel schmiegt sich da ans Lenbachhaus und ragt mit einem goldglänzenden Kubus mit Metallfassade über dessen linken Flügel hinaus. Der Anbau, der den Komplex wie ein „F“ aussehen lässt, bietet Platz unter anderem für ein Café und eine verwirrende Anzahl von effektvoll beleuchteten Treppen. Das Foyer und das daran anschließende Atrium bieten einen ersten Glanzpunkt: Der Wohntrakt der alten Villa des Malerfürsten Lenbach ist dort wie eine begehbare Skulptur zu bestaunen, von der Decke des Atriums saugt Olafur Eliassons spektakuläres „Wirbelwerk“ in den Farben des Blauen Reiter die Blicke der Besucher an.

Der Clou des Museums ist die Lichtregie. Mal leuchtet Neonröhrenkunst von Dan Flavin, dann wieder fällt Tageslicht effektvoll geführt und gefiltert in die Räume. Am frappierendsten sind die Lichtdecken, die mittels LED-Technologie Licht geben, das wie Tageslicht wirkt – ohne die schädliche Wirkung der UV-Strahlung. „Ein Spielort, an dem das Theater ,Kunst‘ auftreten kann“, sagte Museumsdirektor Helmut Friedl zufrieden.

Amsterdam und andere Kunstmetropolen haben es vorgemacht: Es bedarf nicht nur großer Stars, sondern auch der richtigen Bühne. Das hat München mit seinem Lenbachhaus besorgt. Und, wie gesagt: Wenn die Premiere klappt, ist auch das ganze Theater davor – vergessen.

Vom 8. bis 12. Mai 2013 von 10 bis 22 Uhr bei freiem Eintritt geöffnet. Danach zu den üblichen Öffnungszeiten und mit Eintritt.

Veröffentlicht am: 08.05.2013

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