Gesichter eines geschundenen Landes

von Achim Manthey

Boy selling oranges on the street, Kabul, Afghanistan, 2003 (Foto und Copyright: Steve McCurry)

In der Ausstellung "Journeys in Afghanistan - Photography by Steve McCurry" zeigt das Amerika Haus in München zur Zeit rund 75 bemerkenswerte Fotografien aus dem seit Jahrzehnten unruhigen, gequälten Land am Hindukusch.

In den Medien ist Afghanistan nicht erst seit 9/11 allgegenwärtig. Nahezu täglich brüllen uns die Bilder an von Kampfhandlungen, zerschossenen Militärfahrzeugen, von brennenden Autos und Straßenzügen, von schreienden, blutenden und durch Selbstmordattentäter verwitweten Menschenansammlungen auf der Flucht. Doch die Nachrichtenbilder anonymisieren das Land und seine Menschen. Dem begegnet die Ausstellung "Journeys in Afghanistan" mit Fotografien des Magnum-Fotografen Steve McCurry.

Was liegt näher für den jungen Orangenverkäufer in Kabul, als seine Waren auf einem zerschossenen, ausgebrannten Autowrack feilzubieten? Wo beschafft man sich seine dritten Zähne, wenn es keine medizinische Versorgung gibt? Bei Nazar, dem Zahnklempner unten an der Straßenecke in Kandahar natürlich. Es sind eindringliche Straßenszenen, die McCurry in seinen Fotos zeigt. Wie entwickeln und erhalten sich sich Gemeinwesen, wie leben die Menschen in Jahrzehnten der Unterdrückung und des Krieges? Die Brüche werden sichtbar. Die Tradition steht neben dem Aufbruch. Die Fotos zeigen das Bemühen der Menschen um Normalität, die sie allen widrigen Umständen zum Trotz aufrecht erhalten oder sich tagtäglich neu erschaffen wollen. Das Krieg und Gewalt Teil dieser Normalität sind, verschweigen die Bilder nicht. Exemplarisch steht hierfür das 1992 in Kamdesh entstandene Bild des Vaters mit seiner kleinen Tochter daheim in einer Ruhepause. Müde, angespannte Gesichter, vor den Teegläsern auf dem Tisch liegt griffbereit das Schnellfeuergewehr -  wohl nicht zum Angriff, sondern eher zur Verteidigung gedacht, in jedem Fall ein Gegenstand des täglichen Gebrauchs.

Er sei kein Kriegsfotograf, sagt der 1950 in Philadelphia geborene Steve McCurry von sich. Und doch zog es den Bildjournalisten, der seit 1986 Mitglied der Fotografenagentur Magnum ist, früh in die Krisen- und Kriegsgebiete dieser Welt. Er berichtete aus Indien und Pakistan, Kambodscha und Tibet, Iran und Irak, er dokumentierte den Zerfall es früheren Jugoslawien. Dabei ging es ihm nie um den Nachrichtenwert seiner Bilder. Vielmehr wollte er Land und die Lebenssituation der Menschen in den Krisensituationen dokumentieren.

Sharbat Gula, Afghan Girl, das Mädchen mit den grünen Augen, Nasir Bagh, Peshawar, 1984 (Foto und Copyright: Steve McCurry)

Steve McCurry zählt heute zu den weltbesten Fotojournalisten. Sein berühmtestes Foto, das Portrait "Afghan Girl", das Mädchen mit den grünen Augen, entstand 1984 im Flüchtlingslager Nasir Bagh, war Titelbild der National Geographic und gilt als eine der weltweit bekanntesten Fotografien. Das Foto wurde zum Symbol des Widerstandes der afghanischen Bevölkerung gegen die sowjetische Besatzung. Fast 20 Jahre später gelang es Steve McCurry, dieses afghanische Mädchen, Sharbat Gula mit Namen, wieder zu finden. Sie wusste nichts von ihrer Berühmtheit. Das Foto wird großformatig als Blickfang in der Münchner Ausstellung gezeigt.

Immer wieder Afghanistan. 1979 war er zum ersten Mal dort und hatte das Land unter abenteuerlichen Bedingungen bereist. Als er es kurz vor dem Einmarsch der Sowjetarmee verließ, musste er die belichteten Filme in seine Kleidung eingenäht aus dem Land schmuggeln. Doch seither kehrt er immer wieder dorthin zurück, fasziniert von den Widersprüchlichkeiten des Landes und berührt von der Lebenssituation der Menschen dort.

".... wenn wir uns Afghanistan durch Steve McCurrys Objektiv ansehen, wird uns bewußt, dass es nicht einfach nur ein weites Land oder die Bühne eines Machtkampfes ist. McCurrys Kamera zeigt uns, was viele von uns vergessen haben: dass Afghanistan zuallererst ein Land der Menschen ist, von Frauen, Männern und Kindern aller Altersgruppen, von großer historischer und kultureller Bedeutung und von unglaublicher Schönheit", schreibt der amerikanische Botschafter Philip D. Murphy in seinem Grußwort zur Ausstellung.

Die zuvor nur in verschiedenen Städten Afghanistans gezeigt Münchner Ausstellung präsentiert etwa 75 Fotografien, die über einen Zeitraum von 30 Jahren entstanden sind. Landschaftsbilder und Straßenszenen, vor allem aber beeindruckende Portraits. Das Bild von dem Portraitfotografen mit seiner einfachen Kastenkamera in den Straßen Kabuls, die bettelnde Witwe, verschleiert in abgerissener Burka, Kinderarbeiter im Kofferraum eines verbeulten Taxis auf dem Heimweg. Überhaupt die Kinderportraits: kokett, nachdenklich, traurig, müde, fragend - die Bilder sind schön, würdig, oft anmutig.

A shepherd boy next to a field of opium, Jalalabad, 1983 (Foto und Copyright: Steve McCurry)

Sicher, die Potraits sind gestellt. Aber sie verstellen nicht. Sie zeigen die Menschen in ihrer Lebenswirklichkeit, wie den jungen Hirten, dessen Schafe unmittelbar neben einem Opiumfeld weiden.

Die große Weite und Schönheit des Landes zeigen die wenigen, aber markanten Landschaftsaufnahmen in der Ausstellung, Bilder aus dem Bemiyan-Tal, dem Kandahar oder die Mohnfelder Jalalabads. Es könnten idyllische Szenen sein, gäbe es nicht den Bruch der durch Gewalt und Krieg gesetzten Spuren, die auch die Bilder zeigen.

Es wird kaum gelingen, die Eindrücke, die man aus dieser Ausstellung mitnimmt, im Kopf nicht gegen die täglichen Nachrichtenbilder aus Afghanistan zu stellen.

München beherbergt gerade eine großartige, sehenswerte Fotoausstellung.

Die Ausstellung ist noch bis zum 14. März 2011 im Amerika Haus am Karolinenplatz 3 in München, Montag bis Freitag von 12- 17 Uhr, Mittwoch von 12 bis 20 Uhr zu sehen. Der Eintritt ist frei, Spenden werden erbeten. Zur Ausstellung ist für drei Euro ein schöner kleiner Katalog erhältlich. Die Ausstellung wird im Anschluss noch in Freiburg, Nürnberg, Tübingen und Stuttgart gezeigt.

Veröffentlicht am: 23.01.2011

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