Fotografie von Duda und Grenzhaeuser

Einstürzende Altbauten - Zwei Sichtbarmachungen

von Achim Manthey

Spiegel, 2012 (c) Nathalie Grenzhaeuser

Die Doppelausstellung "Bodenproben" zeigt Arbeiten der Fotografinnen Juliane Duda und Nathalie Grenzhaeuser. Mit unterschiedlichen Ansätzen spüren sie aufgegebenen, verlassenen Orten nach.

Was für jeden Fotografen der Horror ist, erhebt Juliane Duda zum Prinzip: Persepektivisch verzerrte Räume mit gegenläufig eingezogenen Kasettendecken, stürzende, fliehende Wände und überzogene Farben ergeben Bildkompositionen, bei denen sich der Betrachter im LSD-Rausch wähnt. Die Aufnahmen entstanden im früheren Verwaltungsgebäude der Deutschen Reichsbahn an der Voßstraße 33 auf dem ehemaligen Grenzstreifen in Berlin. Seiner Funktionen beraubt wurde das Haus nach dem Mauerfall aufgegeben. Niemandsland damals wie heute; es wird profanen Neubauten in der Nähe des belebten Potsdamer Platzes weichen.

Fensterplatz, 2011 (c) Juliane Duda

Von der Pracht, die sich die Bonzen damals gönnten, ist auf den Fotografien noch einiges erkennbar. Verlassene Räume mit aufwändig geschnitzten Holzdecken und -wänden sind zu sehen - vom Verfall kündet die Graffiti, zeigt der zerfetzte Bodenbelag oder das milchig verhängte Fenster. Ein Zimmerschlauch mit überdimensionierter Stahltüre in abblätterndem Türkis-Grün wirkt wie ein Bunker, gäbe es da nicht das Fenster zum Hof. Duda setzt ihre Bilder am Computer zusammen. Es sind großzügige Puzzleteilchen, Versatzstücke, die ein nachgerade orgiastisches Ganzes ergeben und bei aller Plakativität doch auch ein Stück maroder Intimität bewahren.

Ortswechsel: Spitzbergen! Für ihre Bilderserie "Die Konstruktion der stillen Welt" ist Nathalie Grenzhaeuser dorthin gereist, nach Pyramiden, um genau zu sein, dieser Siedlung, die ihren Namen von der Form des Berges ableitet, der sie überragt.  Nach Australien, nach Tschernobyl also der nächste verlassene Ort.

Die Inselgruppe im Nordatlantik und dem Arktischen Ozean gehört zu Norwegen. Aufgrund des Spitzbergen-Vertrages von 1920 war die Siedlung 1921 vom schwedischen Staat gegründet und Ende der 1920er Jahre auf die damalige Sowjetunion übertragen worden, die als Vertragsstaat das eigene Recht hatte, in dieser Enklave Rohstoffe zu fördern. An die 1000 Menschen lebten dort, in ihrer Zone streng isoliert. Glasnost hatte auch dort Folgen. 1998 beschloss die russische Regierung, die Kohleförderung in Pyramiden ganz einzustellen, 2000 verließen die letzten Bewohner die Siedlung, die seither verwaist ist.

Hitchcock, 2012 (c) Natalie Grenzhaeuser

Nachdenklich, nachtragend blickt das - seinerzeit - unvermeidliche Lenindenkmal auf die verlassene Siedlung auf einem der Bilder. Das frühere Verwaltungsgebäude der Siedlung, ein weißes Haus neben einer hölzernen Förderanlage, das die Möwen des nahen Fjords in Beschlag genommen haben, wirkt wie eine Filmkulisse. "Hitchcock" ist das Bild betitelt. Die Fotografin fühlte sich bei der Vielzahl kreischender Vögel an den Film erinnert. "Spiegel" zeigt die vermeintlich opulente Eingangshalle des früheren Kulturhauses, durch welche die isolierten Bewohner der Ansiedlung zu Kino, Sporthalle und Ballettsaal gelangen konnten. Grenzhaeuser doppelt die Szenerie, die sich in einem gewaltigen Spiegel abbildet und so dem Betrachter das Gefühl vermittelt, unmittelbar einzutreten in den Ort.

Starfighter, 2010 (c) Juliane Duda

 

Nathalie Grenzhaeuser jongliert mit dem Wechselspiel zwischen Dokumentation und Emotion. Die Aufnahmen bilden Realitäten ab, locken den Betrachter zugleich aber in surreale Gedankenwelten.

Die Fotografinnen arbeiten mit ganz unterschiedlichen Ansätzen. Verlassene, einsame, über kurz oder lang ganz verschwindende Orte verleiten zum Nachschauen. "Bodenproben" - Der Titel der Ausstellung führt in die Irre. Es sei denn, es ist die individuelle Erprobung des eigenen Bodensatzes gemeint.

Bis zum 30. März 2013 in der Galerie Christa Burger, Theresienstraße 19 (Eingang Fürstenstraße) in München, Di-Fr 14-18.30 Uhr, Sa 13-16 Uhr, Eintritt frei.

Veröffentlicht am: 12.03.2013

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