Kleine Kunst- und Kulturorte in und um München(4)

Der Tänzer im Durchgang

von Achim Manthey

Der Moriskentänzer im Durchgang (Foto: Achim Manthey)

Der Kratzfuss ist formvollendet, die rechte Hand einladend ausgestreckt, das Lächeln spitzbübisch. Im Durchgang unter dem Alten Rathaus in München tanzt ein Morisk über den Köpfen.

Er galt als "unfridlicher, verworner und arcklistiger knecht", dieser Erasmus Grasser, der aus dem Oberpfälzischen nach München zugewandert war und sich anheischig machte, hier den Meisterbrief als Bildschnitzer zu erhalten. Erfolglos versuchte die Zunft der "Maler, Schnitzer, Seidennater und Glaser", das 1475 durch eine Eingabe an den Stadtrat mit eben dieser Begründung zu verhindern.

Bald fiel der junge Künstler durch seinen innovativen Stil auf und erhielt einen ersten lukrativen Auftrag der Stadt: 1477 schuf er für den Tanzsaal des 1470 errichteten alten Rathauses elf Wappenschilde sowie Sonne und Mond. Berühmt wurde er allerdings durch die 16 Moriskentänzer, für die er 1480 von der Stadt entlohnt wurde. Zehn davon sind heute erhalten, die Originale werden im Stadtmuseum verwahrt. Der Verbleib der weiteren Figuren ist ungeklärt.

Die aus Lindenholz gefertigten, farbig gefassten Figuren, die christianisierte Mauren, die "Morisken" darstellen, nehmen das Liebenswerben im Spiel der Geschlechter auf die Schippe. Virtuos sind verschränkte Bewegungen ausgeführt, mit denen gebuhlt, gefleht oder eingeladen wird. Die Gesichtszüge der Gestalten lassen die Fallen erahnen, in die das Beziehungsopfer geraten kann, nehmen gar die Häme auf, die folgen kann. Kurz ist der Wahn, lang währt die Reue.

Die Kopie einer Figur, der Deutung nach einen Hochzeitslader darstellend, tanzt bis heute im Durchgang unter dem Alten Rathaus vor dem Tanzsaal über den Köpfen der Passanten. Fast scheint es, als warte er nur darauf, dass ihm jemand auf den Leim geht.

Im Durchgang unter dem Alten Rathaus zwischen Tal und Marienplatz, jederzeit einsehbar.

Veröffentlicht am: 24.02.2013

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c.v.s
25.02.2013 12:49 Uhr

Lieber Achim Manthey,

viel herzlichen Dank für die Münchner Kunst- und Kulturorte. Eine schöne Idee und eine gute Anregung die Augen offenzuhalten, auch,

oder besonders wenn man hier geboren ist, und

schon von daher meint alles zu kennen, was es in München gibt.

Schönen Gruß Ihre CvS

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