Fotoausstellung im Hauptbahnhof

Zukunft im fremden Land - Eine richtig platzierte Spurensuche

von Achim Manthey

Das ausgelagerte Wohnzimmer einer nicht nur nach Geschlechtern getrennten Gesellschaft (Foto: Loredana Nemes)

Die Wanderausstellung "Fremde Heimat" untersucht die Lebensumstände im Spannungsfeld von Ankommen, Fremde und Migration. Zur Zeit ist sie im Münchner Hauptbahnhof zu sehen.

"München Hauptbahnhof, hier ist München Hauptbahnhof. Bitte alle aussteigen. Dieser Zug endet hier." So oder so ähnlich werden sie auf den Großstadtbahnhöfen hierzulande begrüßt, mit Worten, die sie meist nicht verstehen. Sie, die eine Vergangenheit, Familie, Freunde hinter sich gelassen haben und in einem fremden Land eine Zukunft suchen. Der Fotowettbewerb der Reisebank, 2011 erstmals ausgeschrieben und mit 12.000 Euro dotiert, rief Menschen mit ethnischem Hintergrund, aber auch professionelle Fotografen zur Auseinandersetzung mit der Thematik auf.

Öffentlich ist da nichts. Ein Schild weist darauf hin. "Privaträume. Kein Gewerbebetrieb oder Einrichtung gem. Gaststättenverordnung" heißt es am Eingang des Oriental Temple e.V. Loredana Nemes, 1972 im rumänischen Sibiu geboren, hat sich ins nächtliche Berlin aufgemacht, nach Kreuzberg, Neukölln und ins Wedding. Mit der Serie "Beyond" versucht sie, sich der Männerwelt in türkischen und arabischen Lokalen zu nähern. Zu den Menschen dringt sie nicht vor.  Schemenhaft sind Männergesichter hinter Milchglas oder Vorhängen erkennbar. Nur mühsam ergibt sichdas Bild ausgelagerter Wohnzimmer in einer nach Geschlechtern, aber auch nach Zugehörigkeit getrennten Gesellschaft.

Bis 18 können sie hoffen. Aber was dann? (Foto: Silke Schmidt u. André Hemstedt)

Anna Homburg spürt mit "Geheimnisvolle Orte der Heimat" der Erinnerung an die Ukraine, woher sie stammt, nach: ein Auerhahn im Wald, ein Kirchgang. Janina Wick beeindruckt mit der Reihe "Osdorfer Born" in der sie 13-jährige Mädchen unterschiedlicher Herkunft in einer Schule im gleichnamigen Hamburger Stadtteil vor immer gleichem Hintergrund portraitiert und sie und ihre Beziehungen ins Verhältnis zueinander setzt. Manchmal ist es auch nur der Blick über den Kanal auf ein Betriebsgelände, aus dem Küchenfenster oder zaghaft aus dem Spalt der Eingangstüre, die Situationen schildern. Was passiert mit den Jugendlichen, die bis zum 18. Lebensjahr hier geduldet werden und dann möglicherweise gehen müssen? Die Serie "Carpe Diem - vom Staat verordnet" von Silke Schmidt und André Hemstedt geht dieser Frage nach.

Hoffnung, Optimismus, Selbstvertrauen. Davon ist in der Ausstellung nur wenig zu sehen. Bei den Jungen vielleicht, bei denen es noch nicht "so richtig ernst geworden" ist. Ob es die Erwachsenen, die abgebildet werden, in der einen oder anderen Weise in eine neue, bleibende Zukunft geschafft haben, lässt die Ausstellung offen. Angekommen in der neuen Heimat scheinen nur wenige. Die Ausstellung passt in das Ambiente des Bahnhofs mit seiner Hektik und Geschäftigkeit, weil sich hier Schicksale entscheiden.

Bis zum 26. Februar 2013 in der Schalterhalle des Münchner Hauptbahnhofs, zu den Öffnungszeiten jederzeit bei freiem Eintritt zugänglich. Die Ausstellung geht anschließend auf Wanderschaft durch die deutschen Großbahnhöfe.

Veröffentlicht am: 22.02.2013

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