Fotos von Anja Jensen bei f5,6

Inszenierungen im Dämmerlicht

von Achim Manthey

Mann am Meer, 2010 (c) Anja Jensen

Die Münchner Ausstellung "Tatort" zeigt Fotografien der Fotografin Anja Jensen. Sie setzen sich mit dem Thema Überwachung auseinander und zeichnen farbkräftige Schattenwelten.

Die Nordseeinseln Amrum und Föhr sind an sich sehr schön. Glaubte man allerdings den Fotografien von Anja Jensen, dann herrschen dort Grauen und Mysterium. Da hockt der "Mann am Meer" auf dem 2010 entstandenen Bild im Seegras auf der Düne, nur Kopf und Schulter sind zu sehen. Die dunkle Strickmütze über die grauen Locken gezogen schaut er auf die sich zurückziehende See. Am Horizont ein winziges rotes Warnlicht. Dunkle Blau-, Grau- und Grüntöne beherrschen die Szene. Erwartet der Mann wen oder will er wem nach?

"Lara", 2007 (c) Anja Jensen

Schon seit 1996 setzt sich die Fotografin intensiv mit dem Thema Überwachung auseinander. Wachsenden Gespür der Menschen für zunehmende Ausspähung, gegenläufig gepaart mit gesteigerten Sicherheitsbedürfnissen transponiert Jensen in Bilder, die Personen oder kleine Szenerien wie "Country Site" von 2011 spotlightartig aus einer übermächtigen, oft tristen Umgebung hervorheben. "Lara" von 2007 ist ein weiteres Beispiel: Plaziert in eine düster-lila eingefärbte Dünenlandschaft, auf der die Heide blüht, ist das Mädchen durch helles Licht markiert, während sie, den Blick in die Kamera, beherzt in eine Tüte Popcorn greift. Die Szene ist skurril, wird durch die letzte, späte Abendsonne beleuchtete Wolkenfetzen am Himmel indes bedrohlich.

Sehr sorgfältig und aufwändig inszeniert Anja Jensen ihre Aufnahmen, die auf Amrum und Föhr entstanden. Und nie allein: Gemeinsam mit ihren Protagonisten - immer Einheimische - entwickelt sie gleichsam komplizenhaft die Geschichte, deren Anfang und Ende im Bild nicht erkennbar wird und sich zwangsläufig in der Fantasie des Betrachters entwickelt. Warum steht "Are" (2011) im Meer, eine finstere Wolkenwand über sich, das Gesicht hell angestrahlt? Was hat es auf sich mit den "Vogelkindern", Mädchen und Junge vor einer nicht angefachten Feuerstelle, umgeben von ausgestopften Seevögeln? Sie wirken einsam, wie ausgesetzt. Und was will "Der Fänger" (2011), der, eine Fischreuse in der Hand, in von Schilf umwuchertem Brackwasser steht? Seine Beine von den Knien abwärts sind nicht nur nicht zu sehen, sondern scheinen aufzuhören, sodass der Mann mit der Schiffermütze einem Wassergeist gleich in eine diffus-neblige Wirklichkeit aufsteigt.

"Vogelkinder" (c) Anja Jensen

Die großformatigen Aufnahmen - der "Mann am Meer" misst 160 mal 300 Zentimeter - faszinieren durch ihren Detailreichtum. Die Motive sind abstrus, dies aber gepaart mit einer gehörigen Portion Realismus. Und so kann aus der Überwachung, aus dem singulär ausgeleuchteten Tatort, der Gedanke entstehen, etwas erforschen zu wollen - oder aber ins helle Licht zu treten.

Bis zum 27. April 2013 in der Galerie f5,6, Ludwigstraße 7 in München, Mi-Fr 12-18 Uhr, Sa 11.15 Uhr, Eintritt frei

 

Veröffentlicht am: 04.03.2013

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